Immobilien

Wohnfinanzielle Lage Deutschland: 1 von 5 Deutschen können ihre Wohnkosten kaum decken

Laut einer Umfrage der Direktbank ING Deutschland finden 26 Prozent der Befragten es „schwer“ oder „sehr schwer“ ihre Mieten zu zahlen und die Immobilienkredite zu tilgen. Woher die Schwierigkeit kommt, wie sich das auf den Markt auswirkt und was die kommende Bundestagswahl bedeutet.
Autor
avtor
28.12.2024 07:28
Lesezeit: 4 min
Wohnfinanzielle Lage Deutschland: 1 von 5 Deutschen können ihre Wohnkosten kaum decken
Steigende Mieten und hohe Kosten belasten viele Haushalte: Die aktuelle ING-Umfrage zeigt, wie kritisch die wohnfinanzielle Lage in Deutschland ist. (Foto: iStock.com/gopixa) Foto: gopixa

Die ING Befragung

Anfang Dezember 2024 veröffentlicht die ING die Ergebnisse einer Befragung zur wohnfinanziellen Lage der Deutschen. Die Befragung findet jährlich rundum November statt und wird vom Ipsos Meinungsforschungsinstitut online durchgeführt. Dabei werden rund 1.0006 Teilnehmer repräsentativ zur Rate gezogen. Ziel der Befragung ist es, so die Direktbank, „zu einem besseren Verständnis für die finanziellen Entscheidungen von Konsumenten zu gelangen“. Die kürzlich veröffentlichten Zahlen beziehen sich auf den Zeitraum November 2022 bis November 2023.

Die Ergebnisse zur wohnfinanziellen Lage der Repräsentanten sind beunruhigend. Die Befragung zeigt, dass rund 26 Prozent der Teilnehmer nur „schwierig“ oder sogar „sehr schwierig“ ihre Miete oder die Raten für ihre Immobilienfinanzierung decken zu können. Mieter wurden dabei mit 29 Prozent stärker betroffen als Eigentümer mit „nur“ 19, es zeichnet sich jedoch ein klarer Trend ab: Die Zahlen von 2023 stellen auf beiden Seiten den höchsten Wert seit 2013 dar.

Bei der hohen Mietbelastung stellt sich die Frage, ob Eigentum keine sicherere Bank wäre. 60 Prozent der Befragten geben an, dass sie in der Tat an Immobilienbesitz interessiert wären, doch sie leben aufgrund von unzureichenden finanziellen Mitteln zur Miete. Nur etwa 25 Prozent der Befragten entscheiden sich aufgrund der Flexibilität gezielt für das Mieten. Nur etwa 8,1 Prozent geben an, dass sie eine eigene Immobilie vermeiden, um nicht für deren Instandhaltung verantwortlich zu sein. Nur etwa 6,3 Prozent vermeiden den Immobilienkauf aufgrund von Unsicherheiten rund um langfristige Wohnpläne. Ein weitläufiges Interesse zeichnet sich ab, die Möglichkeiten behindern den Umsatz von Wohnräumen jedoch. Tatsächlich hat Deutschland mit 47 Prozent den niedrigsten Wert an Wohneigentümern in der ganzen EU.

Man sieht anhand der erhobenen Zahlen der ING, dass bei den Befragten viel Unsicherheit über die Zukunft des Wohnens und die Wirtschaft allgemein besteht. So beantwortete die Mehrheit (43,5 Prozent) die Aussage „Momentan ist das Mieten einer Wohnimmobilie aufgrund der steigenden Zinsen eine bessere Alternative als der Kauf“ mit einem Schulterzucken („Stimme weder zu noch nicht zu“). Ebenso unsicher reagieren sie auf die Aussage „Momentan ist es besser, für die Zukunft zu sparen, als eine Hypothek abzuzahlen, um im Falle von Problemen Ersparnisse zu haben“ mit 40,8 Prozent. Die einzige Aussage, bei der die Befragten sich ziemlich einig sind: dass es in den nächsten drei Jahren für jüngere Menschen schwierig wird, ein Eigenheim zu besitzen – hier stimmen 73,4 Prozent (voll und ganz) zu, während nur 5,5 Prozent sich dagegen stellen.

Die reelle Kostenfalle

In der Befragung im Jahr zuvor schlugen sich die Schwierigkeiten der Corona-Pandemie besonders stark nieder. Gleichzeitig bedeutete die Krise, dass die allermeisten Verbraucher ihr Geld wortwörtlich zuhause ausgaben und so weniger Befragte Probleme bei der Deckung von Miet- und Immobilienkosten hatten. Man sieht im Vergleich mit den aktuellen Zahlen eine deutliche Verschlechterung der wohnfinanziellen Lage der Deutschen.

Weniger als ein Viertel der Befragten geben an, dass Wohnen – egal ob zur Miete oder im eigenen Eigentum – in Deutschland erschwinglich sei. Zwar sinkt die Inflation und auch Preissteigerungen auf dem Markt scheinen rückläufig zu sein. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Leben in Deutschland günstig ist. Das Statistische Bundesamt gibt an, dass der Verbraucherpreisindex im November 2023 im Vergleich zu 2021 ein Plus von 12 Prozent ganz allgemein, für Energie und Lebensmittel sogar 25 und 27 Prozent aufweist. Bestandsmieten feierten im gleichen Zeitraum zwar „nur“ einen Anstieg von etwa 4 Prozent, doch das Zusammenspiel aus steigenden Mieten, explodierenden Lebenshaltungskosten und stagnierenden Gehältern leert den Geldbeutel der Deutschen.

Eine Studie der Forschungsstelle des Paritätischen Gesamtverbands zeigt, dass in Deutschland mehr Menschen in Armut leben, als bisher angenommen – und dass die Preise rund um das Wohnen einen entscheidenden Einfluss auf diese Armut haben. Laut Studie geben viele der Befragten mehr als ein Drittel ihres Verdienstes für das Wohnen aus: Mehr als 17,5 Millionen Menschen hätten nach Abzug von Miete, Nebenkosten, Kreditzinsen und Co. ein „verfügbares Einkommen im Armutsbereich“. Als arm, so die Definition, gelten Menschen, die monatlich weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung haben. Das Medianeinkommen beträgt in Deutschland monatlich 4.323 Euro (Stand April 2023). Betrachtet man in diesem Kontext die Zahlen rund um die Kategorie Mieten, zeichnet sich schon seit Jahren ein Aufwärtstrend ab: 2023 sind die Mieten im Vergleich zum Vorjahr um 6,7 Prozent gestiegen.

Bei den Lebenshaltungskosten zeigt sich ein ähnlicher Trend: Im Vergleich zu 2021 zahlen private Haushalte in Deutschland 2022 bereits 8,5 Prozent mehr jährlich für den Konsum. Preise rund um Kraftstoffe und Wohnenergie sind im Jahresvergleich sogar um rund ein Viertel höher. Gleichzeitig sind Reallöhne 2022 im Vergleich zu 2021 um 4 Prozent gefallen.

Die Bundestagswahl entscheidet

Laut ING sprachen sich bereits 2021 drei von fünf Deutschen in der Umfrage für einen bundesweiten Mietdeckel aus. Diese Zeilen sind bedeutend für die Wohnungs- und Zahnlos der Deutschen, die jährlich zunimmt. Heute, sicher auch durch die finanziellen Schwierigkeiten der letzten Jahr beflügelt, sind fast 80 Prozent für den Mietdeckel.Der Wunsch nach Gesetzen und Regulierungen, die Wohnen bezahlbar machen, ist laut. Doch aktuell sind viele der eingeführten Gesetze noch fehleranfällig: So kann zum Beispiel die Mietpreisbremse mit einfachsten Tricks – wie zum Beispiel (Teil)Möblierung der Wohnung – umgangen werden. In der kommenden Wahlperiode wird viel über das Thema Wohnen gesprochen: So setzen sich die Linken für einen sechsjährigen Mietenstopp ein und die Grünen und SPD wollen Schlupflöcher wie den zuvor genannten im Gesetz stopfen. Gleichzeitig wird auch an anderen Stellen gefeilt: So liegt der offizielle Mindestlohn in Deutschland in Deutschland ab 01.01.2025 bei 12,82 EUR die Stunde. Im Juni 2025 kommt eine unabhängige Mindestlohnkommission zusammen, um weitere Vorschläge rund um den gesetzlichen Mindestlohn vorzulegen. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) geht von einer Erhöhung des Mindestlohns auf 14 bis 15 EUR ab 2026 aus. Viele weitere Initiativen und richtungsweisende Regulation werden sich in der kommenden Bundestagswahl entscheiden. Während die CDU/CSU einen besonderen Fokus auf Steuersenkungen legt, will die SPD das Wirtschaftswachstum wieder vorantreiben. Die Grünen wollen ein Klimageld einführen, um Menschen mit niedrigem und mittlerem Einkommen zu entlasten. Die FDP und Linke wollen beidseitig das Steuergesetz reformieren, wobei Erstere die Freibeträge erhöhen wollen und Letztere die Steuersätze für Vermögende. Kurz gesagt: Die kommende Bundestagswahl wird entscheidend für den neuen Kurs sein.

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Nataly Sesic

Nataly Sesic ist seit 2023 als freie Autorin im Bereich Immobilien bei den Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Zuvor war sie als Producerin bei Galileo beschäftigt und hat frei für internationale Marken wie Apple Music und The Walt Disney Company gearbeitet. Neben Immobilien ist ihr Steckenpferd Musik – der Spagat zwischen Kunst und Politik macht ihr dabei besonders Spaß. Sie ist studierte Literaturwissenschaftlerin und macht aktuell ihren Master in Buchwissenschaft.
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