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Generationenvertrag 2.0 - warum sich Alt und Jung dringend brauchen

"Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird niemals so sein wie die Jugend vorher, und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten" - so klagten schon die alten Babylonier auf einer Tontafel vor mehr als 3.000 Jahren. Ist der Generationenkonflikt der menschlichen Gesellschaft eigen? Und welche Rolle spielt dabei Social Media? Es wirkt mitunter so, als würden Babyboomer, Generation Z & Co gegeneinander ausgespielt. Doch was ist dagegen zu tun - Stichwort Generationenvertrag 2.0?
14.02.2025 10:57
Aktualisiert: 01.01.2030 11:23
Lesezeit: 6 min
Generationenvertrag 2.0 - warum sich Alt und Jung dringend brauchen
Generationenvertrag 2.0: Es geht um Generationengerechtigkeit. (Foto: iStock / fizkes)

Sind Sie ein Babyboomer? Generation X? Y? Millennial? Z? Alpha vermutlich nicht, dann wären Sie jetzt höchstens zehn Jahre alt (in diesem Falle herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle zum Lesen dieses Artikels! Weiter so!).

Dass die Älteren harsch über die Jüngeren urteilen, hat jahrtausende lange Tradition. Auch Sokrates (449 - 399 v. Chr.) klagte schon: „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte!“ Und bei den Sumerern hieß es: „Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte“ (Keller, 1989, ca. 3000 v. Chr., Tontafel der Sumerer).

Dass sich Jüngere über die Älteren lustig machen, dürfte mindestes ebenso alt sein – irgendwo muss Innovation ja auch herkommen. Die Jugend will die Welt nicht nur im Sinne der Tradition weiterführen, sondern auch selbst prägen.

Alt und Jung werden gegeneinander ausgespielt

Dass aber Alt und Jung gegeneinander ausgespielt werden, ist womöglich ein neueres Phänomen, begünstigt durch die Sozialen Medien. Meist geht es in derlei Beiträgen dann um die Faulheit und Unverschämtheit der Jüngeren oder die Engstirnigkeit und Inflexibilität der Älteren. In der Regel bezeichnet man den Gegner dann gerne mit einem Label wie „Generation Y“ oder „Boomer“. Hilft das?

Manchmal fragt man sich, warum es denn so wichtig ist, bestimmten Alterskohorten einen Namen zu geben und bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben. So gelten die Babyboomer (geboren zwischen 1945-1964), abfällig auch „Boomer“ genannt, als konservativ und wenig offen, als wettbewerbsorientiert, arbeitslustig und politisch interessiert – sie legten das Fundament für die Friedens- und Umweltbewegung. Die Generation X (1965-1980) soll, geprägt von einem wachsenden Bewusstsein von Umweltkatastrophen, einen gewissen Hang zum Zynismus haben und gerne dem Konsum frönen. Die Generation Y (1981-1996), auch Millennials genannt, weil sie die Jahrtausendwende in ihrer Kindheit und Jugend erlebten, wuchs mit Einzug der digitalen Technologie auf. Hier stehen Individualität, Unsicherheit und Work/Life-Balance im Vordergrund (mit Fokus auf Life). Die Generation Z (1997-2009) treibt das Ganze auf die Spitze: Ihre Mitglieder fokussieren auf Erlebnisse, Internet und Soziale Medien. Der Vollständigkeit halber sei noch die Generation Alpha (2011-2024) genannt. Politische Instabilität, der Umgang mit künstlicher Intelligenz und dem Klimawandel prägen ihr Erleben bislang. Wie es weitergeht, werden wir sehen.

Menschen grob über einen Kamm scheren

Diese Kohorten werden geeint von bestimmten gesellschaftliche Wegmarken, die sie gemeinsam erleben, und die nach Ansicht von Soziologen, Psychologen und Marktforschern ihre Werte prägen. Jeden Generation wächst somit in einer etwas anderen Welt auf als die Generation davor. Wo genau man dann die Grenzen setzt zwischen den Geburtsjahren, das ist vielleicht weniger wichtig. Für Unternehmen, die Produkte an Zielgruppen bringen wollen, für Politiker, die Wahlprogramme maßschneidern möchten, im Grunde für alle, die etwas verkaufen möchten, sind derlei grobe Kammscherereien jedenfalls praktisch.

Dennoch sollte man nicht in die Falle tappen, das alles unhinterfragt zu glauben und schmissige Thesen aufzustellen darüber, weshalb eine bestimmte Generation so und so tickt und mit anderen Alterskohorten in Konflikt gerät. Denn eigentlich eint die verschiedenen Generationen viel mehr, als sie trennt. Man lebt doch in einer Gesellschaft, spricht mehr oder weniger eine Sprache – gut, die Jüngeren mischen immer mehr Englisch in ihre Alltagssprache. Aber im Prinzip sind doch alle grundsätzlich daran interessiert, dass es Wohlstand, Freiheit und Frieden gibt.

Brauchen Alt und Jung einander?

Brauchen Alt und Jung einander gar? Blickt man auf Themen wie die Rente oder die Pflege, kann man klar sagen, dass die ältere Generation die jüngere braucht. Das Bundesamt für Statistik schreibt: „Der aktuelle Bevölkerungsaufbau […] wird durch stark besetzte Jahrgänge der Babyboomer dominiert, die derzeit im Alter zwischen Anfang 50 und Mitte 60 sind. In den nächsten Jahrzehnten werden diese stark besetzten Jahrgänge nach und nach ins Seniorenalter wechseln und schließlich immer weniger werden. An ihre Stelle rücken zahlenmäßig kleinere Geburtsjahrgänge auf.“ Das Fazit: Die Relationen zwischen den einzelnen Altersgruppen werden sich dadurch im Vergleich zu heute deutlich verschieben. Es gibt also immer mehr Ältere, die auch immer länger leben, und immer weniger Jüngere, die deren Rente finanzieren, sie im Alter pflegen und dadurch dann auch weniger Zeit haben, ihre eigenen Kinder großzuziehen.

Leben wir in einer Gerontokratie?

Leben wir also schon in einer Gerontokratie, der Herrschaft der Alten? Sie stellen auf jeden Fall mehr Wählerstimmen als die Jüngeren. Beuten gar die Älteren mit ihrem Besitz, ihren Immobilien, ihrem Vermögen und ihrer politischen Kraft die Jüngeren aus? Oder erpressen die Jüngeren von den Älteren Arbeitsmodelle, die vor allem auf mehr Freizeit und weniger Verantwortung abzielen? Weil sie in einem unsicheren Jetzt leben, das gefühlt jederzeit zusammenbrechen könnte dank Klimakrise, Krieg und anderen Katastrophen? Will denn keiner mehr richtig arbeiten, sondern nur so lange wie möglich so viel wie möglich konsumieren, so lange man noch kann (also die Welt noch nicht untergegangen ist)?

Beide hängen voneinander ab

Beides scheint übertrieben. Oft halten beispielsweise die Großeltern her, wenn es um Kredite, Bürgschaften, Hypotheken und Kinderbetreuung geht. Die Babyboomer schwinden zwar, leisten aber in Beruf und Freizeit noch Erhebliches für die Gesellschaft. Die Generationen X und Y übernehmen langsam – sie sind weniger, aber sie haben die Digitalisierung, und sie werden erben. Zumindest ein gewisser Teil von ihnen. Und mit Innovationen und dem Experimentieren im sozialen Bereich, beispielsweise mit alternativen Lebensmodellen, machen sie die Gesellschaft vielfältiger, bunter und vielleicht auch empathischer. Zudem stemmen sie notwendigerweise gesellschaftliche Umwälzungen wie eben die Digitalisierung, außerdem noch, zumindest aktuell noch, über das Umlageverfahren die Rente. Über Pflegekassen- und Krankenkassenbeiträge auch das Gesundheitssystem, das von den Älteren wiederum stärker in Anspruch genommen wird.

Generationengerechtigkeit

Unter dem Stichwort „Generationengerechtigkeit“ wird hier allerlei debattiert. Dabei geht es um die gerechte Verteilung gesellschaftlicher Belastungen beziehungsweise des gesellschaftlichen Wohls auf die verschiedenen Generationen. Die Indikatoren auf dieser Seite zeigen, wie sich heutiges Handeln auf künftige Generationen auswirkt. Im Jahr 2021 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass bestimmte Teile des Klimaschutzgesetzes von 2019 verfassungswidrig seien, da sie die Reduktion von Treibhausgasen nach 2030 unzureichend regeln und somit die Grundrechte der nach 2030 lebenden Menschen gefährden würden. Auch die Frage nach dem Umgang mit der Schuldenbremse und den dazugehörigen Zinsen, aber auch Investitionen in Infrastruktur, Rüstung und Energie gehört dazu. Denn was wir jetzt an Schulden aufnehmen, dürfen künftige Generationen tragen - aber auch von den Investitionen profitieren.

Das Mehrgenerationenhaus als gesellschaftliche Metapher

Letzten Endes ist es doch ein bisschen wie in der romantischen Vorstellung eines Mehrgenerationenhauses früher: Opa und Oma passen auf die Enkelchen auf, erzählen unglaublich klingende Geschichten von früher und geben dabei ihre Werte und Traditionen mit. Das Haus wurde wiederum irgendwann mal Anno Dazumal von deren Eltern und Großeltern gebaut, und anschließend von den nachfolgenden Generationen in Schuss gehalten und an immer neue Anforderungen angepasst. Die etwas tattrige Urgroßmutter sitzt am Feuer und darf am Familienleben teilnehmen – sie wird nicht in ein anonymes Pflegeheim abgeschoben. Die Eltern arbeiten, bewirtschaften vielleicht den Hof. Alle halten zusammen und kümmern sich, so gut sie können, umeinander. Das gibt es in Wirklichkeit immer seltener - und war früher sicherlich auch nicht immer so rosig, wie es gerne dargestellt wird. Aber so als Metapher fürs gesellschaftliche Zusammenleben klingt das doch ganz schön, oder?

Miteinander - nicht gegeneinander

Insofern sollten sich die großen Alterskohorten nicht gegeneinander wenden, sondern gemeinsam dafür sorgen, dass es allen möglichst gut geht – selbst wenn jeder unterschiedliche Perspektiven und Bedürfnisse hat. Durch die aktuellen Herausforderungen in der Wirtschaft, in der Geopolitik, durch den Klimawandel und die Digitalisierung gibt es da genug zu tun. Fatal wäre eine weitere Atomisierung der Gesellschaft in viele vereinsamte Unglückliche, oder deren Kannibalisierung durch radikale politische Blockbildungen, die sich gegenseitig vernichten.

Ob neue Formen des nicht-metaphorischen Mehrgenerationenhauses, ob durch Programme wie "Wohnen für Hilfe", ob über Kinderbetreuung durch Ältere, das neue Verhandeln von Pflege, von Rente oder der Erbschaftssteuer – irgendwie müssen wir in dieser Gesellschaft miteinander ausmachen, wie wir das gut zusammen hinbekommen. Das könnte der Generationenvertrag 2.0 sein: Am besten miteinander – und nicht gegeneinander.

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Maximilian Modler

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Maximilian Modler berichtet über spannende Entwicklungen aus den Bereichen Energie, Technologie - und über alles, was sonst noch für die deutsche Wirtschaft relevant ist. Er hat BWL, Soziologie und Germanistik in Freiburg, London und Göteborg studiert. Als freier Journalist war er u.a. für die Deutsche Welle, den RBB, die Stiftung Warentest, Spiegel Online und Verbraucherblick tätig.

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