Politik

Russischer Angriff auf Nato-Staaten? Deutsche Sicherheitsexperten warnen vor Panikmache

Ukraine-Krieg: Zahlreiche Sicherheitsexperten kritisieren Alarmismus und Aufrüstung wegen eines möglichen russischen Angriffskrieges auf Europa. Ihre Kritik: Diplomatie und Abrüstung seien das Gebot der Stunde und nicht eine hysterische Berichterstattung über Politik und Medien.
11.04.2025 19:01
Lesezeit: 2 min
Russischer Angriff auf Nato-Staaten? Deutsche Sicherheitsexperten warnen vor Panikmache
Grund für den Aufruf: Sönke Neitzel, Inhaber des Lehrstuhls für Militärgeschichte an der Universität Potsdam. Er hatte öffentlich von einem „letzten Sommer im Frieden“ gesprochen, bevor Russland einen Angriff auf Nato-Staaten in Europa starte. (Foto: dpa) Foto: Matthias Rietschel

In Deutschland und der EU werden immense Aufrüstungsprogramme vorangetrieben. Obwohl sich die Kriegsparteien in der Ukraine seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump annähern, wird in der öffentlichen Debatte vor einem Überfall Russlands gewarnt.

Sicherheitsexperten warnen vor Russland-Panikmache

Mehreren Wissenschaftlern und Sicherheitsstrategen geht das zu weit. „Die derzeitige sicherheitspolitische Debatte in Deutschland hat Maß und Mitte verlassen“, heißt es in einem am Dienstag veröffentlichten Aufruf.

In dem Schreiben, das den Titel „Rationale Sicherheitspolitik statt Alarmismus“ trägt, wird zwar auch eine Bedrohung durch Russland konstatiert. Allerdings sei „ein Russland, das große Schwierigkeiten hat, seine Ziele in der Ukraine zu erreichen, eine beherrschbare militärische Bedrohung“. Die derzeit verbreitete Panikstimmung, begleitet von einer gigantischen Verschuldung für Aufrüstung, löse aber Europas Sicherheitsprobleme nicht. Zudem sei die Nato heute und auf absehbare Zeit in praktisch allen militärischen Belangen ungleich stärker als Russland.

Auslöser Spiegel-Cover: „Bereit, unsere Kinder in den Krieg zu schicken?“

Zu den Unterzeichnern des Aufrufs gehören die Friedensforscher Michael Brzoska, Hans-Georg Ehrhart und Götz Neuneck, der frühere Direktor an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, Elmar Wiesendahl, sowie der pensionierte Brigadegeneral Reiner Schwalb, der von 2011 bis 2018 Verteidigungsattaché an der deutschen Botschaft in Moskau war.

Mitinitiator des Aufrufs ist Johannes Varwick, der an der Universität Halle Politikwissenschaften lehrt. „Der letzte Auslöser für den Aufruf waren die Aussagen des Kollegen Sönke Neitzel“, sagte Varwick der Berliner Zeitung. Neitzel hatte vor wenigen Tagen öffentlich von einem „letzten Sommer im Frieden“ gesprochen, der uns noch bleibe, bevor Russland einen Angriff auf Nato-Staaten in Europa starte. „Aber auch der Spiegel-Titel zur Kriegstüchtigkeit und die Frage, ob wir bereit sind, unsere Kinder in den Krieg zu schicken, haben uns zu dem Aufruf veranlasst“, erklärte Varwick weiter.

Bild in den Medien verzerrt

„Wir hoffen, dass wir mit der Glaubwürdigkeit von 15 Sicherheitsexperten, die sich seit Jahrzehnten mit diesen Fragen befassen, der alarmistischen, ja geradezu hysterischen Stimmung in weiten Teilen der Medien etwas entgegensetzen können.“ Bisher habe es zahlreiche positive Reaktionen auf den Aufruf gegeben. „Überhaupt stellen wir fest, dass die Stimmung bei Veranstaltungen oft eine andere ist als die, die derzeit medial erzeugt wird“, sagte Varwick.

Statt in „Alarmismus und Panik“ zu verfallen, fordern die Unterzeichner, „den Krieg in der Ukraine mithilfe kluger politischer Kompromisse über Verhandlungen zu beenden und danach auf der Basis vorhandener Stärke eine Stabilisierung der europäischen Sicherheitsarchitektur anzustreben“.

Hierfür dürfe nicht nur Aufrüstung und Kriegsvorbereitung im Mittelpunkt stehen, sondern müssten auch Rüstungskontrolle, vertrauensbildende Maßnahmen und Diplomatie wieder eine zentrale Rolle spielen. Der jetzige Kurs führe andernfalls in eine „gefährliche Sackgasse“.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Geschäftsgründung ohne Kredit: Wenn Banken nicht an die Idee glauben
06.07.2026

Ein eigenes Café klingt nach Freiheit, Stil und Selbstbestimmung. Für Anella Veebel bedeutet es vor allem frühe Morgen, hohe Mieten und...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Duale Ausbildung in der Krise: Deutschland verliert Azubis, andere Länder nicht
06.07.2026

In Deutschland gibt es heute rund ein Fünftel weniger Auszubildende als 2004. In Österreich fällt das Minus halb so stark aus, die...

DWN
Politik
Politik Umstrittene EEG-Reform: Grüne wollen Reiche in Ausschuss zitieren
06.07.2026

Wegen Verzögerungen bei der geplanten Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) wollen die Grünen Wirtschaftsministerin...

DWN
Politik
Politik Ukraine Drohnenkrieg: Warum Moskau plötzlich verwundbar wirkt
06.07.2026

Lange galt Russland als Gegner mit endlosem Atem, riesigen Ressourcen und strategischer Tiefe. Doch die Ukraine verlagert den Krieg...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Škoda Indien: „In China überleben nur die Stärksten“
06.07.2026

China galt lange als Pflichtmarkt für jeden Autobauer, der global mitspielen wollte. Doch Škoda zieht sich zurück und setzt stattdessen...

DWN
Politik
Politik Nato-Gipfel: Zahlreiche Festnahmen in der Türkei
06.07.2026

Die Behörden haben kurz vor dem Nato-Gipfel, der am 7. und 8. Juli stattfindet, ihre Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Razzien treffen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Stellenabbau: Reifenhersteller Conti verkauft Kunststofftechnik - Gewerkschaft warnt
06.07.2026

Schon seit längerem plant der Reifenhersteller Continental den Verkauf seiner Kunststofftechniksparte. Nun ist ein Käufer gefunden....

DWN
Finanzen
Finanzen Fiskalischer Spitzenreiter: Wie Deutschland seinen Bürgern am meisten abknöpft
06.07.2026

Eine Analyse zur Steuerbelastung in Europa zeigt für das Jahr 2026 eine bittere Wahrheit für deutsche Steuerzahler: Die Bundesrepublik...