Politik

Geheime Chatgruppe: EU-Außenminister betreiben Diplomatie über Signal - auf Einladung Kaja Kallas

Die Außenminister der Europäischen Union kommunizieren in einer privaten Chatgruppe der verschlüsselten App Signal. Dies bestätigte der Europäische Auswärtige Dienst (EAD) gegenüber dem niederländischen Investigativmedium Follow the Money. Gegründet wurde die Gruppe von Kaja Kallas, seit kurzem Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik.
17.04.2025 13:52
Aktualisiert: 17.04.2025 14:44
Lesezeit: 2 min

Nutzung des Messenger-Dienstes gängige Praxis

Die Nutzung dieser Kommunikationsform wirft grundlegende Fragen zur Transparenz europäischer Entscheidungsprozesse auf. Weder der Europäische Rat noch die EU-Kommission archivieren oder veröffentlichen die über Signal getroffenen Absprachen – obwohl solche Messenger-Dienste in Brüssel längst zur gängigen Praxis gehören. In den vertraulichen Gesprächen werden nicht selten politische Weichenstellungen getroffen. Die Inhalte sind jedoch für Bürger und Journalisten nicht einsehbar. Eine demokratische Kontrolle findet nicht statt.

Brisant ist der Umgang der Institutionen mit konkreten Anfragen. Ein Journalist hatte den Europäischen Auswärtigen Dienst um Zugang zu einem Foto gebeten, das in dem Signal-Gruppenchat geteilt wurde. Die Behörde bestätigte, das betreffende Dokument identifiziert zu haben – lehnt jedoch dessen Herausgabe ab. Begründung: Man wolle das „Vertrauen, die Glaubwürdigkeit und die Effizienz“ der diplomatischen Kommunikation schützen.

Dabei ist laut dem europäischen Informationsfreiheitsgesetz der Zugang zu Dokumenten für EU-Bürger grundsätzlich garantiert. Dennoch scheint sich in den EU-Institutionen ein inoffizieller Kommunikationskanal etabliert zu haben, der weitgehend außerhalb jeder parlamentarischen Kontrolle operiert.

Brisantes Urteil des EuGH erwartet

Das Thema ist nicht neu: Bereits im vergangenen Jahr beschäftigte sich der Europäische Gerichtshof mit einer Klage der New York Times. Die Zeitung hatte Einblick in Nachrichten zwischen Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Pfizer-Chef Albert Bourla gefordert. In den Nachrichten soll es unter anderem um die milliardenschweren Verträge zur Lieferung von Corona-Impfstoffen gegangen sein. Die Kommission verweigerte jedoch die Offenlegung. Ein Urteil des EuGH wird noch 2025 erwartet – mit potenziell weitreichenden Folgen für die Informationsfreiheit in der EU.

Auch auf internationaler Ebene gerät die Nutzung verschlüsselter Messenger in Regierungskreisen zunehmend unter Beobachtung. Im März wurde bekannt, dass hochrangige Mitglieder der Trump-Regierung versehentlich den Chefredakteur des US-Magazins The Atlantic zu einem Signal-Gruppenchat hinzugefügt hatten, in dem Luftangriffe im Jemen koordiniert wurden.

Sicherheitsbedenken bei Signal

Die Signal-App gilt zwar als besonders sicher, ist aber nicht unangreifbar. Laut Aussagen von Google-Ingenieuren wurden zuletzt gezielte Angriffe durch mit der russischen Regierung verbundene Akteure festgestellt. Diese versuchten, über Funktionen zur Geräteverknüpfung Zugriff auf Signal-Konten zu erlangen. Die Entwickler haben inzwischen reagiert und zusätzliche Schutzmaßnahmen implementiert.

Signal wurde 2018 von WhatsApp-Mitgründer Brian Acton und Sicherheitsexperte Moxie Marlinspike gegründet. Die App wird von der Signal Foundation betrieben, einer Non-Profit-Organisation, die sich fast ausschließlich über Spenden finanziert. Dennoch wird sie zunehmend auch zu einem geopolitischen Instrument – mit fragwürdiger Rolle innerhalb staatlicher Institutionen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Panorama
Panorama Die Ökonomie der Aufmerksamkeit: Warum Unternehmen um jede Minute kämpfen

Im Internet ist Geld nicht länger die einzige Währung. Eine ebenso große Rolle spielt die Währung Aufmerksamkeit. Wer im Überfluss an...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Škoda Peaq im Test: Wenn die Reichweite ihrem Namen alle Ehre macht
18.07.2026

Mit dem Škoda Peaq stellt die Marke ihr bislang größtes Elektroauto vor. Der SUV setzt auf hohe Reichweite, viel Innenraum, starke...

DWN
Finanzen
Finanzen Euro-Stablecoins: Wie Europa die Kontrolle über seine Währung verlieren könnte
18.07.2026

Der Euro ist die zweitwichtigste Währung der Welt, doch in der digitalen Finanzwelt spielt er bislang kaum eine Rolle. Während nahezu...

DWN
Politik
Politik NATO-Verteidigungsausgaben: Wer für das neue Fünf-Prozent-Ziel zahlt
18.07.2026

Die NATO rüstet auf wie seit Jahrzehnten nicht mehr, doch zwischen den Mitgliedstaaten liegen Welten. Während Polen und die baltischen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Das Maschinenherz Deutschlands kommt zum Stillstand: Das Problem ist größer als in der Automobilbranche
18.07.2026

In den meisten Ländern der Europäischen Union wächst die Maschinenproduktion dank einer Investitionswelle. Nicht so in Deutschland. Der...

DWN
Finanzen
Finanzen Marktbericht: „Böse Überraschung“, während der KI-Ausverkauf anhält
17.07.2026

Turbulenzen an den Märkten: Erfahren Sie, welche Kräfte den Technologiesektor jetzt bewegen und wie Experten die Lage einschätzen.

DWN
Politik
Politik Leihmutterschaft: CDU-Politiker fordert Spahns Rücktritt
17.07.2026

Die CDU ist strikt gegen eine Zulassung von Leihmutterschaften. Dass ihr Frontmann im Bundestag nun privat einen anderen Weg gegangen ist,...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Upvest: Der unsichtbare Riese hinter Revolut, N26 und Co.
17.07.2026

Die Schnittstellen-Technologie von Upvest etabliert sich zusehends zum Standard im europäischen Wertpapierhandel. Nach N26 und Revolut...

DWN
Finanzen
Finanzen Mercedes-Aktie: Autobauer investiert eine Milliarde Euro in Ungarn – Strategie gegen chinesische Konkurrenz?
17.07.2026

Mercedes hat eine Milliarde Euro in Ungarn investiert. Nach dem Ausbau soll das Werk in Kecskemét jährlich mehrere hunderttausend Autos...