Politik

Deutschlands Milliarden-Trick: Subventionen trotz EU-Verbot?

Berlin will energieintensive Konzerne mit Milliarden entlasten – und pfeift dabei auf EU-Regeln. Ist das wirtschaftliche Notwehr oder ein Bruch mit dem Binnenmarkt?
28.05.2025 13:54
Aktualisiert: 28.05.2025 14:31
Lesezeit: 2 min
Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..
Deutschlands Milliarden-Trick: Subventionen trotz EU-Verbot?
Im internationalen Vergleich steht Deutschland beim Strompreis im Mittelfeld. (Foto: dpa | Julian Stratenschulte) Foto: Julian Stratenschulte

Berlin trotzt Brüssel: Milliarden für die Industrie geplant

Deutschlands Plan, energieintensiven Unternehmen staatlich vergünstigten Strom zu gewähren, könnte gegen die EU-Beihilferegeln verstoßen – doch niemand rechnet ernsthaft damit, dass Brüssel den Berliner Vorstoß blockiert.

Laut einem Bericht von Politico will die Bundesregierung besonders stromintensiven Industriebetrieben günstige Strompreise garantieren. Die Differenz zum Marktpreis soll der Staat tragen – Kostenpunkt: rund 10 Milliarden Euro bis 2030. Für viele angeschlagene Branchen könnte dies einem Rettungsanker gleichkommen.

Beihilferecht kontra Industriepolitik

Grundsätzlich verbieten die EU-Regeln eine derartige staatliche Unterstützung, um Wettbewerbsverzerrungen zwischen wohlhabenden Ländern wie Deutschland und finanzschwächeren Mitgliedsstaaten zu verhindern. Doch der politische Druck wächst.

„Brüssel wird das keinesfalls kampflos hinnehmen“, sagte Oliver Bretz, Gründer der Kanzlei Euclid Law und Berater eines Verbands der energieintensiven Industrie Rumäniens.

Gleichzeitig zeigt sich die EU seit der Pandemie zunehmend bereit, ihre Vorgaben im Sinne der Wirtschaftspolitik zu lockern – auch um mit den USA und China Schritt zu halten. Viele Experten erwarten daher einen politischen Kompromiss.

„Die EU-Kommission wird eine dauerhafte Stromsubvention als klassische staatliche Beihilfe werten“, so Bretz weiter. Solche Maßnahmen seien Brüssel ein Dorn im Auge, da sie aus Sicht der Kommission strukturell ineffiziente Industrien künstlich am Leben hielten.

Ein durchgesickertes Dokument des Bundeswirtschaftsministeriums offenbart, dass Berlin sich der rechtlichen Probleme bewusst ist. Dort heißt es, die Pläne seien „rechtlich sehr fragwürdig“ und die Genehmigungsaussichten „höchst umstritten“.

Der Schatten des Gaspreisdeckels

Neben juristischen Fragen stellt sich auch die politische: Was bedeutet der Alleingang Deutschlands für die EU-weite Industriepolitik? Kritiker erinnern an das Jahr 2022, als Berlin ein 200-Milliarden-Euro-Programm zur Gaspreisstützung auflegte – eine Maßnahme, die damals in Brüssel für erheblichen Unmut sorgte.

Gleichzeitig scheint die EU heute kompromissbereiter – selbst bei Fragen, die die Grundprinzipien der Union betreffen. Ende Juni sollen neue Leitlinien zur Industriesubventionierung vorgestellt werden. Diese sollen es Mitgliedsstaaten erleichtern, Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien sowie der klimafreundlichen Technologien zu fördern.

Deutschlands Industrie unter Preisdruck

Die Stromkosten für Unternehmen variieren stark – je nach Größe, Branche und Verbrauch. 2022 lagen die industriellen Strompreise in Deutschland laut einer Studie des bayerischen Unternehmensverbands etwa im EU-Durchschnitt. Doch seit dem russischen Angriff auf die Ukraine haben sich die Energiemärkte massiv verändert – und mit ihnen die Vergleichbarkeit.

Laut aktuellen EU-Daten liegt Deutschland inzwischen an dritter Stelle bei den Strompreisen für Nicht-Haushaltskunden – eine Kategorie, die Industrieunternehmen ebenso wie öffentliche Einrichtungen wie Schulen oder Behörden umfasst. Die Aussagekraft für einzelne Branchen ist daher begrenzt.

Im internationalen Vergleich steht Deutschland beim Strompreis (vor Steuern und Abgaben) im Mittelfeld, erklärt Energieexperte Bruno Burger vom Fraunhofer-Institut gegenüber der Frankfurter Rundschau. Klar ist aber: Unternehmen in den USA und China zahlen deutlich weniger.

Nach Angaben des ifo Instituts betrugen die industriellen Stromkosten 2023 in den USA rund 7 Cent pro Kilowattstunde, in China etwa 8 Cent. In Deutschland dagegen zahlen Industrieunternehmen im Schnitt rund 20 Cent.

Der deutsche Strompreis setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen: dem Großhandelspreis, der Stromsteuer, Netzentgelten und verschiedenen Umlagen zur Finanzierung politischer Programme. Die Bundesregierung plant nun, diese Komponenten deutlich zu senken – konkret soll der Strompreis für Unternehmen um 5 Cent pro Kilowattstunde sinken.

Klimaziel kontra Marktverzerrung?

Zusätzlich will Berlin das bestehende Entlastungsprogramm für CO₂-Kosten verlängern und ausweiten. Dieses sieht Kompensationen für energieintensive Betriebe vor, die durch die CO₂-Bepreisung belastet werden. Diese Preisaufschläge sollen klimaschädliche Emissionen verteuern und zum Umstieg auf saubere Energie motivieren.

Doch Kritiker halten wenig von den Berliner Plänen: Die Subventionen würden laut ihnen nicht zur Energieeffizienz anregen und den Binnenmarkt der EU verzerren.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
X

DWN Telegramm

Verzichten Sie nicht auf unseren kostenlosen Newsletter. Registrieren Sie sich jetzt und erhalten Sie jeden Morgen die aktuellesten Nachrichten aus Wirtschaft und Politik.
E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und erkläre mich einverstanden.
Ich habe die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Ihre Informationen sind sicher. Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten verpflichten sich, Ihre Informationen sorgfältig aufzubewahren und ausschließlich zum Zweck der Übermittlung des Schreibens an den Herausgeber zu verwenden. Eine Weitergabe an Dritte erfolgt nicht. Der Link zum Abbestellen befindet sich am Ende jedes Newsletters.

DWN
Finanzen
Finanzen Saab-Aktie: Neue Drohnenkiller-Rakete Nimbrix soll den Markt revolutionieren
31.08.2025

Saab hat eine neue Waffe entwickelt, die Drohnen und ganze Schwärme zerstören soll. Mit dem Projekt „Nimbrix“ hofft der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Zwischen Stagnation und Rezession: Was es konkret heißt, dass die deutsche Wirtschaft schrumpft
31.08.2025

Deutschlands Wirtschaft steckt weiter fest: Das Bruttoinlandsprodukt schrumpft stärker als erwartet, die Rezession dauert an. Während...

DWN
Immobilien
Immobilien House Flipping: Wie Sie mit sanierungsbedürftigen Objekten Geld machen können
31.08.2025

Der USA-Trend findet auch hierzulande immer mehr Anklang: Beim House Flipping geht es darum, möglichst günstig Immobilien zu erwerben,...

DWN
Technologie
Technologie Fachkräftemangel? Roboter bauen schon heute Häuser – schneller, günstiger, sicherer
31.08.2025

Die Baustelle der Zukunft: Roboter, Drohnen und autonome Helfer übernehmen Aufgaben rund um den Bau – präzise, effizient und 24 Stunden...

DWN
Politik
Politik Was will Trump, der „amerikanische Erdogan“?
31.08.2025

Donald Trump greift die Fed und Amerikas Institutionen frontal an – mit Folgen, die weit über die USA hinausreichen. Droht Europa ein...

DWN
Politik
Politik Trump-Krise: Rebellion im Herzen der MAGA-Bewegung
31.08.2025

Donald Trump sieht sich mit der größten internen Rebellion seiner Amtszeit konfrontiert. Der Epstein-Skandal droht, seine Machtbasis in...

DWN
Immobilien
Immobilien Immobilienerwerb: Umfrage offenbart Wissenslücken beim Immobilienkauf
31.08.2025

Der Kauf eines Hauses oder einer Wohnung kann schnell Hunderttausende Euro kosten, doch viele Menschen kennen wichtige Bedingungen nicht....

DWN
Finanzen
Finanzen Polen setzt auf Atomenergie: Orlen verspricht den Bau des ersten SMR-Reaktor Europas
31.08.2025

Polen baut Europas ersten Small Modular Reactor (SMR) vom Typ BWRX-300. Während Warschau auf Kernkraft setzt, könnte Deutschland bald...