Wirtschaft

Starke Zahlen, schwache Realität: Die USA belügen sich selbst

In der US-Wirtschaft ereignet sich derzeit etwas, das selbst erfahrene Beobachter ratlos zurücklässt. Zu ihnen zählt auch Jane Fraser, Vorstandschefin der Großbank Citigroup. Sie hat viel gesehen – aber so etwas noch nie.
10.06.2025 17:48
Lesezeit: 4 min
Starke Zahlen, schwache Realität: Die USA belügen sich selbst
Trotz innerer Widersprüche erkennt Maurice Obstfeld in Trumps Agenda eine Vision. (Foto: dpa | Shawn Thew) Foto: Shawn Thew

Mysteriöse Signale aus der US-Wirtschaft

„Die Diskrepanz zwischen den harten und weichen Konjunkturdaten in den USA ist so groß wie selten zuvor und vermittelt völlig gegensätzliche Eindrücke über den Zustand der Wirtschaft“, so Jane Fraser, CEO der Citigroup, Anfang Mai gegenüber Bloomberg.

Die sogenannten weichen Daten – etwa das Vertrauen der Konsumenten und Unternehmen – deuten auf eine Wirtschaft hin, die längst zum Stillstand gekommen sein müsste. So nähert sich beispielsweise das Verbrauchervertrauen laut der renommierten Umfrage der University of Michigan dem tiefsten Stand der letzten 50 Jahre.

Doch die harten Zahlen? Sie zeichnen ein völlig anderes Bild: Der Arbeitsmarkt ist robust, die Kündigungszahlen steigen nicht nennenswert, und auch der private Konsum hält sich erstaunlich stabil, so das Wirtschaftsportal Børsen.

Die entscheidende Frage lautet daher: Welche der beiden Seiten spiegelt die Realität wider? Ist die US-Wirtschaft wider Erwarten erneut äußerst widerstandsfähig? Oder steht ein jäher Absturz kurz bevor?

„Nahezu jede politische Initiative ist negativ“

Maurice Obstfeld, Professor an der University of California, Berkeley, ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds und einst wirtschaftspolitischer Berater von Präsident Obama, sieht klare Anzeichen für einen bevorstehenden Abschwung. Er ist überzeugt: Den weichen Daten gebührt mehr Vertrauen.

„Trump hat eine sehr starke Wirtschaft geerbt. Doch mittlerweile wirken so viele negative Kräfte gleichzeitig, dass es schwerfällt zu glauben, wir kämen um eine signifikante Abkühlung herum“, sagt Obstfeld. „Nahezu jede politische Initiative zeigt in eine negative Richtung.“

Heute ist Obstfeld beim renommierten Peterson Institute for International Economics tätig. Er skizziert zwei markante Entwicklungen:

  • Eine spürbare Abschwächung in naher Zukunft.
  • Eine fundamentale Neudefinition der amerikanischen Rolle in der Weltwirtschaft auf lange Sicht.

Die Handelskriegsfolgen verzögern sich – noch

Als Donald Trump überraschend ankündigte, eine Importsteuer von 50 Prozent auf Waren aus der EU zu erheben, reagierten die Finanzmärkte erstaunlich gelassen – zu gelassen, gemessen an der Höhe des Zolls und dem abrupten Vorgehen.

Bereits am folgenden Montag wurde die Maßnahme wieder auf Eis gelegt. Anleger hatten die Drohung als taktisches Manöver durchschaut. Die Kurse, die im März und April stark eingebrochen waren, erholten sich im Mai beinahe vollständig – der Eindruck entstand, als sei der Handelskrieg längst vorbei.

Ein Trugschluss, wie Obstfeld warnt. Die US-Zölle sind weiterhin historisch hoch – im Schnitt 10 Prozent weltweit, gegenüber China sogar 30 Prozent. Dass die Wirtschaft noch nicht stärker betroffen ist, liegt vor allem an der verzögerten Wirkung solcher Maßnahmen.

„Die harten Effekte kommen mit Verzögerung – wir sprechen von Juli oder August“, prognostiziert Obstfeld. Besonders verbrauchernahe Unternehmen wie Walmart, Target oder Home Depot würden dann Einbußen zu spüren bekommen. Höhere Importzölle führen entweder zu Preissteigerungen oder drücken die Margen – beides bremst das Wachstum.

Risiko der Stagflation wächst

Obstfeld ist nicht der Einzige, der warnt. Auch Jamie Dimon, CEO von JPMorgan Chase, spricht von einer „außergewöhnlichen Selbstzufriedenheit“ der Märkte. Die Bedrohung durch Inflation und Wachstumsverlust sei real – werde jedoch von Aktien- und Kreditmärkten ignoriert.

Nobelpreisträger Paul Krugman schrieb Mitte Mai: Selbst mit Trumps zahlreichen Ausnahmen seien die durchschnittlichen US-Zölle heute auf dem Niveau der 1930er Jahre. Damals war der Außenhandel jedoch weit weniger bedeutend für die US-Wirtschaft. Heute drohe „im besten Fall“ eine Phase der Stagflation – also stagnierendes Wachstum bei hoher Inflation.

Auch Torsten Sløk, Chefökonom des US-Vermögensverwalters Apollo, rechnet mit ernsten Folgen. Die durchschnittliche Zollhöhe sei seit Jahresbeginn von 3 auf 18 Prozent gestiegen. Gleichzeitig belasten die Herabstufung der US-Kreditwürdigkeit durch Moody’s sowie die Rückkehr von Studienkreditrückzahlungen die Wirtschaft. Laut Yale Budget Lab kosten die Zölle das Wachstum 0,8 Prozentpunkte und treiben die Arbeitslosigkeit bis Jahresende um 0,4 Punkte nach oben.

Trumps „großes, schönes Gesetz“

Abseits des Handelskriegs rückte zuletzt auch Trumps Steuerpolitik ins Visier der Märkte. Die sogenannte „große, schöne Gesetzesvorlage“, die vergangene Woche das Repräsentantenhaus passierte, verlängert vor allem Steuererleichterungen aus dem Jahr 2017.

Doch Maurice Obstfeld sieht darin keinen wirtschaftlichen Impuls: „Es geht eher darum, eine fiskalische Verschärfung zu vermeiden, nicht um echte Anreize.“ Zwar gebe es auch neue Erleichterungen – etwa auf Trinkgeld –, aber sie würden durch Kürzungen bei der staatlichen Krankenversicherung Medicaid gegenfinanziert. Der Nettoeffekt sei gering – die Verschuldung steige dagegen drastisch: Um 3,3 Billionen Dollar in zehn Jahren, warnt das „Committee for a Responsible Federal Budget“.

Amerikas neue Rolle in der Weltwirtschaft

Zunehmend zeigen sich führende Ökonomen besorgt über Trumps langfristige Folgen. Harvard-Professor Kenneth Rogoff warnt vor einem Vertrauensverlust in den Dollar. Joseph Stiglitz befürchtet nachhaltige Schäden durch Angriffe auf Institutionen wie Gerichte, Universitäten oder die Notenbank.

Auch Obstfeld sieht den internationalen Ruf der USA gefährdet: „Die Angriffe auf alliierte Staaten und die Unklarheit über die Wirtschaftspolitik untergraben das Vertrauen in US-Staatsanleihen.“ Trumps Politik betreffe nicht nur Ökonomie und Finanzmärkte, sondern berühre grundlegende Strukturen der US-Gesellschaft. „Diesmal ist es wirklich anders“, so Obstfeld.

Eine neue Weltordnung – made in America

Trotz innerer Widersprüche erkennt Obstfeld in Trumps Agenda eine Vision: Eine neue Ordnung mit den USA im Zentrum – umgeben von einem konzentrischen Kreis aus Ländern, die sich je nach Loyalität zu Washington auf bessere oder schlechtere Handelsbedingungen einstellen müssen.

Im Innersten: jene Staaten, die bereit sind, politische Eigenständigkeit aufzugeben – im Tausch gegen niedrige Zölle und US-Sicherheitsgarantien. Am äußeren Rand: Kontrahenten wie China, die strikten Handelsbeschränkungen unterliegen.

„Es ist ein System von ‚America First‘. Wer mitspielt, profitiert. Der Rest wird ausgeschlossen“, sagt Obstfeld.

Eine von Trumps Beratern – etwa Stephen Miran – angedachte „Mar-a-Lago-Abmachung“, bei der verbündete Länder US-Staatsanleihen zu günstigen Konditionen kaufen sollen, hält Obstfeld hingegen für unrealistisch. Der Druck, eine solche Währungsvereinbarung durchzusetzen, sei durch den jüngsten Dollarverfall ohnehin gesunken.

Fazit: Die USA erleben einen tiefgreifenden geopolitisch-ökonomischen Wandel – mit ungewissen Folgen für sich selbst und die Weltwirtschaft.

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