Wirtschaft

Tusk zieht die Grenze dicht – Spediteure schlagen Alarm

Grenzkontrollen sollen Sicherheit bringen – doch für Spediteure und Industrie drohen Staus, teurere Transporte und Milliardenverluste. Europa blockiert sich selbst.
02.07.2025 16:02
Lesezeit: 2 min

Grenzchaos trifft Lieferketten – Just-in-Time gerät ins Wanken

Die Wiedereinführung selbst selektiver Grenzkontrollen wird die Transportkosten um mehrere Prozent erhöhen. Spediteure warnen zudem vor schlechter Organisation und kilometerlangen Staus. Das berichtet das polnische Wirtschaftsportal Puls Biznesu.

Polens Premier Donald Tusk kündigte an, dass ab dem 7. Juli 2025 an ausgewählten Straßen-, Bahn- und Fußgängerübergängen zu Deutschland und Litauen wieder Grenzkontrollen eingeführt werden. Die Maßnahme gilt nicht für alle Grenzpunkte und ist offiziell als zeitlich befristet und präventiv deklariert. Die Wiedereinführung der Kontrollen ist sicherheitspolitisch wichtig, könnte aber spürbare Folgen für die Wirtschaft haben – besonders für den Transportsektor. Die polnischen Kontrollen sind auch eine Reaktion auf Maßnahmen Deutschlands, das bereits seit Oktober 2023 wieder Grenzkontrollen zu Polen, Tschechien und der Schweiz durchführt. Im Juni 2025 verlängerte die Bundesregierung diese Kontrollen bis September.

Kilometerlange Staus

„Die seit Monaten von den deutschen Grenzbehörden durchgeführten Straßenkontrollen an den Übergängen zu Polen wirken sich negativ auf den Transport- und Logistiksektor aus. Es kommt zu kilometerlangen Staus, in denen nicht nur Pkw und Kleintransporter – die am häufigsten kontrolliert werden – stecken bleiben, sondern auch Lkw-Fahrer, die ihre tägliche Arbeit verrichten und Waren in die gesamte EU liefern“, sagt Artur Kalisiak, Direktor für strategische Projekte beim polnischen Verband Transport und Logistik. Die deutschen Kontrollen verursachen bereits durchschnittliche Verzögerungen von 15 bis 40 Minuten im Straßengüterverkehr, auch für Lkw. Experten erwarten, dass die polnischen Kontrollen den Rückstau weiter verstärken, sodass sich die Fahrzeiten zu Spitzenzeiten um 60 bis 90 Minuten verlängern könnten. „Zusätzliche Grenzkontrollen widersprechen den Grundprinzipien der EU und des Schengen-Raums – also dem freien Warenverkehr und der Personenfreizügigkeit. Sie führen zu Lieferverzögerungen, was gravierende Auswirkungen hat, da viele Unternehmen in der EU keine Lagerbestände halten und im Just-in-Time-System arbeiten“, warnt Kalisiak.

Laut Allianz Trade steigen durch die Grenzkontrollen die Transportkosten um rund 1,7 Prozent, die Kosten für Dienstleistungen um etwa 1,5 Prozent. Reuters berichtet, dass allein die deutschen Einschränkungen den Import nach Deutschland um 9,1 Prozent verringern könnten – mit potenziellen Verlusten von 1,1 Milliarden Euro. Jean-Claude Juncker, ehemaliger EU-Kommissionspräsident, schätzte, dass vollständige Grenzkontrollen den europäischen Transportsektor jährlich bis zu 3 Milliarden Euro kosten könnten – davon 750 Millionen Euro zulasten polnischer Transportunternehmen. Die polnische Transportbranche meldete nach Einführung der deutschen Kontrollen bereits operative Mehrkosten von 2 bis 3 Prozent – insbesondere für zeitkritische Just-in-Time-Lieferungen. Laut Analysen des Polnischen Wirtschaftsinstituts und des Verbands Internationaler Straßentransporteure verursacht jeder Tag Lieferverzögerung Verluste von bis zu 1 Million Zloty für die größten Logistikunternehmen.

Zusätzliche Gefahr für den Export

Polen ist größter Zulieferer von Fahrzeugteilen für Deutschland und Tschechien. Beeinträchtigungen der Grenzlogistik könnten die Exporte im Wert von 12 Milliarden Euro pro Jahr erheblich treffen. Die Transportbranche stellt die Grenzkontrollen grundsätzlich nicht infrage, fordert jedoch, die Auswirkungen auf den Warenverkehr so gering wie möglich zu halten. „Entscheidend ist die praktische Organisation der Kontrollen. Die von den deutschen Behörden praktizierten Maßnahmen führen oft zu Fahrbahnverengungen auf nur eine Spur, sodass alle Fahrzeuge anstehen müssen – unabhängig davon, ob sie kontrolliert werden oder nicht“, erklärt Kalisiak. Mit Blick auf die angekündigten polnischen Grenzkontrollen gibt es konkrete Vorschläge: „Um kilometerlange Rückstaus an den Zufahrtsstraßen nach Polen zu vermeiden, sollten die Kontrollpunkte so organisiert werden, dass Lkw und andere Fahrzeuge, die nicht das Ziel der Kontrollen sind, eine separate Spur nutzen können. Die Fahrer müssen rechtzeitig klar informiert werden, welche Spur sie wählen sollen“, so Kalisiak. Auch die enge Abstimmung mit Deutschland und Litauen sei essenziell, um doppelte Kontrollen zu vermeiden und die negativen Effekte auf den grenzüberschreitenden Warenverkehr so gering wie möglich zu halten.

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