Unternehmen

Energiewende 2025: Deutsche Unternehmen warnen vor Standortverlust

Die Mehrheit der deutschen Unternehmen unterstützt die Klimaziele – doch die Praxis sieht oft anders aus. Hohe Strompreise, überbordende Bürokratie und politische Unsicherheiten bremsen die Investitionslust. Das neue Energiewende-Barometer zeigt, wie sich Frust und Skepsis in der Wirtschaft breitmachen – und was die Unternehmen nun von der Politik fordern.
31.07.2025 11:49
Lesezeit: 3 min

Unsicherheiten und hohe Energiepreise beeinflussen Investitionsentscheidungen

Die Unternehmen in Deutschland können die Transformation nur bewältigen, wenn sie dabei ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht verlieren. Das ist ein zentrales Ergebnis des Energiewende-Barometers der IHK-Organisation 2025. Die Umfrage, an der sich rund 3.600 Unternehmen aus verschiedenen Branchen und Regionen beteiligten, zeigt das aktuelle Meinungsbild der Wirtschaft zur Energiewende.

„In vielen Betrieben herrschen derzeit Skepsis und Unsicherheit beim Stichwort Energiewende“, sagt Achim Dercks, stellvertretender DIHK-Hauptgeschäftsführer. „Hohe Kosten, überbordende Bürokratie und die insgesamt angespannte wirtschaftliche Lage führen dazu, dass weniger Kapazitäten und finanzielle Mittel für den Klimaschutz bereitstehen. Zahlreiche Industrieunternehmen ziehen sich schrittweise vom Standort zurück – bei großen Industriebetrieben sogar mit weiter wachsender Tendenz. Zusätzlich besteht Unsicherheit darüber, welchen Kurs die neue Regierung in der Energiepolitik einschlägt. Die Folge: Die Unternehmen zögern. Die Energiewende steht vielerorts auf Standby.“

Unternehmen bleiben zurückhaltend

Auf einer Skala von minus 100 (sehr negativ) bis plus 100 (sehr positiv) bewerten die Unternehmen die Energiewende dieses Jahr im Schnitt mit minus 8,3. Damit fällt das Urteil zwar weniger kritisch aus als im Vorjahr (minus 20), bleibt jedoch weiterhin negativ. Die Sorge um die eigene Wettbewerbsfähigkeit beschäftigt viele Betriebe. So beurteilt mehr als jedes dritte Unternehmen (36 Prozent) die Folgen der Energiewende auf die Wettbewerbsfähigkeit negativ, nur jedes vierte positiv.

Das DIHK-Energiewende-Barometer zeigt jedoch auch: Die Mehrheit der Unternehmen bekennt sich grundsätzlich zum Ziel der Klimaneutralität. So setzen sich 89 Prozent der Unternehmen ein eigenes Ziel zur Klimaneutralität bis spätestens 2045. Viele von ihnen planen sogar, dieses Ziel früher zu erreichen: 43 Prozent der teilnehmenden Unternehmen wollen bis 2040 klimaneutral sein, 26 Prozent bereits bis 2030. Sechs Prozent der Unternehmen geben an, heute schon klimaneutral zu wirtschaften.

Als größtes Hindernis auf dem Weg zur Klimaneutralität empfinden die meisten Unternehmen die übermäßige Bürokratie, gefolgt von fehlenden Informationen und mangelnder Planungssicherheit. Weitere große Hürden sind langwierige Genehmigungsverfahren und eine unzureichende Infrastruktur.

Hohe Energiepreise bremsen Investitionen

Die hohen Energiepreise bleiben eine zentrale Belastung für die Unternehmen. Etwa die Hälfte der Betriebe berichtet von gestiegenen Strom- und Wärmekosten in den vergangenen zwölf Monaten. „Unternehmen in Deutschland zahlen deutlich mehr für Strom und Wärme als ihre Wettbewerber im Ausland. Geld, das dann an anderer Stelle fehlt – nicht zuletzt bei Investitionen in die Transformation der Industrie“, erklärt Dercks.

Tatsächlich verschieben laut Energiewende-Barometer viele Unternehmen Investitionen, insbesondere in den Klimaschutz, im Vergleich zum Vorjahr. 41 Prozent aller Betriebe und sogar 63 Prozent der Industrieunternehmen sehen sich durch die hohen Energiepreise vor allem gegenüber internationalen Konkurrenten benachteiligt. Inzwischen drosselt mehr als jedes zweite große Industrieunternehmen mit über 500 Beschäftigten (59 Prozent) aufgrund der Energiekosten seine Inlandsproduktion oder plant entsprechende Schritte. Das ist erneut ein Anstieg im Vergleich zu den Vorjahren.

Forderungen an die Politik: Bürokratie abbauen, Infrastruktur stärken

Damit die Energiewende in den Unternehmen wieder Fahrt aufnimmt, haben die Betriebe klare Erwartungen: 82 Prozent fordern eine Senkung der Steuern und Abgaben auf den Strompreis. Auch bessere Rahmenbedingungen für Eigenversorgung und Direktlieferverträge (PPAs) sind für vier von fünf Unternehmen (81 Prozent) zentral. Fast drei Viertel (72 Prozent) verlangen eine verlässliche Infrastruktur. Rund die Hälfte der Unternehmen befürwortet zudem einen Rechtsrahmen für CO2-Abscheidung und -Speicherung sowie einen breiten Zugang zu Wasserstoff.

„Die Rückmeldungen aus den Unternehmen sind eindeutig: Es braucht dringend eine Generalüberholung der deutschen Energiepolitik“, sagt Dercks. „Die erfolgreiche Transformation der Wirtschaft gelingt nur mit praktikablen und attraktiven Rahmenbedingungen für die Unternehmen.“

Über das Energiewende-Barometer

An der Umfrage nahmen 3.600 Unternehmen teil. Die Antworten stammen zur Hälfte aus der Dienstleistungsbranche (56 Prozent), gefolgt von Industrieunternehmen (23 Prozent) und dem Handel (15 Prozent). Unternehmen der Bauwirtschaft sind mit sechs Prozent am geringsten vertreten. Die Umfrage bildet ein repräsentatives Stimmungsbild der gewerblichen Wirtschaft vor Ort ab (branchen-, regionen- und größenbezogene Unternehmensansprache). Die Auswertung auf Bundesebene erfolgt über eine regionale und branchenspezifische Gewichtung anhand der Beschäftigtenzahlen. Alle ausgewerteten Daten sind gewichtet. Die Befragung fand vom 10. bis zum 30. Juni 2025 statt.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen

 

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Monatlich 15.000 Arbeitslose aus der Industrie
30.06.2026

Es geht weiter bergab mit der deutschen Industrie. Tausende von Menschen in der Branche verlieren monatlich ihren Job - ohne Aussicht auf...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bahn muss Trassen abgeben
30.06.2026

Die Deutsche Bahn verliert auf wichtigen Fernverkehrsstrecken exklusiven Zugriff auf begehrte Trassen. Die Bundesnetzagentur stärkt neue...

DWN
Politik
Politik EU zahlt Milliarden: Ukraine rüstet Drohnen auf
30.06.2026

Nach monatelanger Blockade floss vergangene Woche erstmals Geld aus dem riesigen EU-Hilfskredit an die Ukraine. Jetzt stellt die EU weitere...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Aufhebungsvertrag wegen Personalabbau: Die wichtigsten Fakten
30.06.2026

Personalabbau ist auf Grund der schlechten wirtschaftliche Lage derzeit für viele Unternehmen ein Thema. Maßnahmen sind häufig...

DWN
Panorama
Panorama Vier Buchempfehlungen für die Liege: Was Entscheider diesen Sommer unbedingt lesen sollten
30.06.2026

Das Tablet ist geladen, der Sonnenschirm steht, die E-Mails dürfen warten. Wir haben vier Wirtschaftsbuch-Empfehlungen für Sie, die den...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kaum Frühjahrsschwung am Arbeitsmarkt
30.06.2026

Seit April wartet der deutsche Arbeitsmarkt darauf, dass die Frühjahrsbelebung einsetzt. Doch auch am Ende des Frühlings bleibt sie fast...

DWN
Finanzen
Finanzen Technologieaktien werden nicht mehr gekauft – richten Sie Ihren Blick auf die Pharma- und Konsumsektoren
30.06.2026

Sollte die Euphorie um künstliche Intelligenz abflauen, könnten defensive Aktien wieder an Fahrt gewinnen.

DWN
Politik
Politik Ab Juli: Schluss mit dem "Bürgergeld"
30.06.2026

Ab Juli gilt eine deutlich strengere Grundsicherung: Wer Termine versäumt oder Jobangebote ablehnt, muss mit harten Kürzungen bis hin zum...