Finanzen

Silber-Squeeze und Platin-Hype: Warum Anleger Gold neu denken müssen

Gold steht im Rampenlicht. Doch Silber und Platin werden immer knapper – und gewinnen 2025 massiv an Bedeutung. Jetzt zeigt eine aktuelle Analyse: Wer nur auf Gold setzt, verpasst womöglich die entscheidende Marktbewegung.
25.08.2025 07:17
Lesezeit: 5 min
Silber-Squeeze und Platin-Hype:  Warum Anleger Gold neu denken müssen
Bagger in Klipfontein Platin Mine von Sibanye Stillwater (Foto: Sibanye Stillwater).

Die Märkte für Edel- und Industriemetalle zeigen 2025 ein zunehmend fragmentiertes Bild. Gold hat seine Rolle als sicherer Hafen bestätigt, der Goldpreis notierte im Mai mit 3.451 US-Dollar je Feinunze auf einem neuen Jahreshoch, schwächelte aber im Juni kurzzeitig.

Der Kupferpreis wiederum profitierte von den angekündigten Importzöllen des US-Präsidenten: Im Juli sprang der Preis an der US-Terminbörse Comex binnen Minuten um bis zu 11 Prozent auf ein Allzeithoch von 5,89 US-Dollar pro Pfund, bevor er sich bei etwa 5,70 einpendelte.

Warum ausgerechnet Silber und Platin?

In diesem Umfeld rückten zwei Metalle ins Zentrum der Aufmerksamkeit, die bislang eher unterhalb des Radars der Anleger segelten: Silber, mit seiner Doppelrolle als Edel- und Industriemetall sowie Platin, das sich in den vergangenen Wochen still und heimlich zurückgemeldet hat.

Mitte Juli kletterte der Platinpreis auf 1.391 US-Dollar und verzeichnete im ersten Halbjahr 2025 ein Plus von 47 Prozent. Die Analysten der Londoner Fondsgesellschaft Baker Steel Capital Managers, spezialisiert auf Edelmetall- und Rohstoffinvestments, sprechen von einem strukturellen Comeback beider Metalle. Sie sehen eine Marktphase, die an 2009 oder 2011 erinnert, mit einem entscheidenden Unterschied: Damals war es Liquidität, heute ist es reale Knappheit.

117 Millionen Unzen: Was der Silbermangel für Anleger bedeutet

Was für Platin gilt, gilt in verschärfter Form auch für Silber, dessen aktuelle Knappheit auf einen hochgradig papierbasierten Markt trifft. Dort entsteht derzeit, was Analysten als „Squeeze“ bezeichnen: eine Situation, in der Verkäufer von Terminkontrakten plötzlich physische Ware liefern müssen, diese aber am Markt kaum verfügbar ist. Die Folge ist ein Anstieg beim Silberpreis, der sich aus einem realen Mangel an Silber speist.

Die Anzeichen dafür verdichten sich bereits seit Längerem. Seit 2021 übersteigt die weltweite Silbernachfrage Jahr für Jahr das verfügbare Angebot. Nach Berechnungen des US-Analysehauses Silver Institute belief sich das kumulierte Defizit bis Ende 2024 auf rund 680 Millionen Unzen. Für 2025 rechnen die Analysten erneut mit einem Fehlbetrag, diesmal rund 117,6 Millionen Unzen. Gleichzeitig sinken die physischen Lagerbestände an der Comex und in London, während die industrielle Nachfrage kontinuierlich steigt.

Das Silberangebot dürfte mittelfristig jedoch eingeschränkt bleiben, weil etwa 70 bis 80 Prozent des weltweit geförderten Silbers als Nebenprodukt beim Abbau anderer Metalle entstehen, vor allem bei Kupfer, Blei und Zink. Rückgänge in diesen Sektoren schlagen daher direkt auf den Silbermarkt durch. Und damit auch auf Silber als Geldanlage.

Wie Kupfer, Blei und Zink den Silberpreis treiben

Aktuell sorgt ein solcher Einbruch im Zinksektor und entsprechenden Seltene-Erden-ETFs für Angebotsdruck: Laut der International Lead and Zinc Study Group (ILZSG) ging die weltweite Zinkminenproduktion im Jahr 2024 statt des erwarteten Wachstums um 2,8 Prozent zurück. In China sank die Produktion von raffiniertem Zink im vergangenen Jahr um rund 3,4 Prozent, was zu einem globalen Angebotsdefizit von 164.000 Tonnen führte. Wenn chinesische Schmelzanlagen weniger Zink verarbeiten, fällt automatisch weniger Silber an, das im selben Prozess abgeschieden wird.

Dieses Muster setzte sich im ersten Halbjahr 2025 fort: Während Länder wie Mexiko oder die Demokratische Republik Kongo ihre Produktion leicht steigern konnten, notierten die Schmelzkapazitäten in China laut Shanghai Metal Market unter dem Vorjahresniveau. So ging im Januar die chinesische Produktion raffinierter Zinkprodukte um fast 8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück, im Februar lag das Minus kumuliert bei rund 6 Prozent. Diese Rückgänge schieben den Silberpeis weiter nach oben.

Anleger entdecken das „weiße Metall“ neu

Inzwischen reagieren auch die Finanzmärkte. Silber-ETCs verzeichneten im ersten Halbjahr 2025 Zuflüsse von über 95 Millionen Unzen, mehr als im gesamten Vorjahr. Die gehaltenen Bestände stiegen auf 1,13 Milliarden Unzen, was lediglich 7 Prozent unter dem Allzeithoch von 2021 liegt. Noch beeindruckender: Der Wert der Bestände überschritt im Juni erstmals die Marke von 40 Milliarden US-Dollar.

Parallel dazu explodierten die Positionierungen am Terminmarkt. Die Netto-Long-Positionen von institutionellen Investoren legten im ersten Halbjahr um 163 Prozent zu. Am 24. Juni erreichte der Open Interest den höchsten Stand seit dem Reddit-Squeeze 2021.

Der Preis selbst zog ebenfalls an. Anfang Juli stieg Silber auf 37,82 US-Dollar pro Unze auf ein neues 13-Jahres-Hoch. „Das Gold-Silber-Verhältnis liegt aktuell bei über 90“, sagt Goldexperte Ronald Stöferle, Partner beim liechtensteinischen Vermögensverwalter Incrementum. „Historisch lag der Durchschnitt bei 60. Aus dieser Perspektive ist Silber dramatisch unterbewertet.“ Eine Rückkehr zu einer Relation von 60 würde Silber – beim aktuellen Goldpreis – auf über 55 US-Dollar katapultieren, prognostiziert Stöferle.

Warum Platin jetzt im Mittelpunkt steht

Lange galt Platin als das schwächste Glied im Edelmetallverbund. Doch 2025 hat sich das Blatt gewendet. Im Juli stieg der Preis pro Feinunze auf 1.391 US-Dollar, ein Anstieg um 47 Prozent seit Jahresbeginn. Allein im Juni betrug das Plus über 27 Prozent. Doch was nach Spekulation klingt, hat einen soliden Unterbau.

Ein Drittel der weltweiten Platin-Nachfrage kommt aus der Automobilindustrie. Katalysatoren in Diesel- und Plug-in-Hybridfahrzeugen bleiben zentrale Abnehmer. Dazu tritt ein neuer Treiber: die Wasserstoffwirtschaft, in der Platin als Katalysatormaterial in Brennstoffzellen und Elektrolyseuren unverzichtbar ist. Noch liegt der Platinanteil in diesem Sektor unter zwei Prozent. Doch Baker Steel rechnet damit, dass sich dieser Anteil bis 2030 verfünffachen könnte. Eine kleine Verschiebung im technologischen Mix, die große Wirkung entfalten kann.

Diese Dynamik trifft auf ein ohnehin angespanntes Angebot. Rund 70 Prozent des weltweiten Platins stammen aus Südafrika. Doch das Land leidet unter einer instabilen Stromversorgung, was in der Minenregion Limpopo im Norden des Landes täglich zu Produktionsunterbrechungen führt. Hinzu kommen politische Spannungen. Seit der Wahlniederlage der Regierungspartei ANC im Mai 2025 ist noch immer unklar, ob die neu gebildete Koalition grundlegende Reformen umsetzen kann. Das World Platinum Investment Council prognostiziert für das laufende Jahr deshalb ein Angebotsdefizit von 848.000 Unzen. Für den ohnehin angespannten Platin-Markt ist das eine kritische Marke.

Gleichzeitig sind die Bewertungen vieler Platinförderer abgerauscht. Titel wie Sibanye Stillwater, ein südafrikanischer Bergbaukonzern, Implats, einer der größten Platinproduzenten Südafrikas, oder Northam Platinum, ein auf Platin spezialisiertes Minenunternehmen aus Johannesburg, notieren Anfang August teils über 50 Prozent unter ihren Höchstständen von 2021.

Für langfristig orientierte Investoren öffnet sich damit ein Bewertungsfenster, das bislang nur wenige wahrnehmen. Denn hinter der Preisrally von Silber und Platin steht nicht nur ein physischer Engpass. Auch die makroökonomische Großwetterlage spricht zunehmend für Edelmetalle.

Makrotrends verstärken den Aufwärtssog

Hinzukommt: Mehrere globale Trends spielen Edelmetallen derzeit in die Karten. Die US-Notenbank Fed hält den Leitzins im Juli weiter bei 4,25 bis 4,50 Prozent und signalisiert Vorsicht beim Thema Zinssenkungen. Die Mehrheit der Analysten rechnet mit Absenkungen früehstens im Spätsommer oder Herbst. Gleichzeitig treiben anhaltende Inflationsrisiken Anleger verstärkt in Sachwerte, und auch Rohstoffe bleiben als Wertschutz hoch im Kurs.

Zugleich ändert sich das Verhalten vieler Investoren. Bei Silber-ETFs steigt die Nachfrage nach physischer Auslieferung statt Barausgleich, was die tatsächlichen Bestände in den Lagerhäusern der US-Warenterminbörse Comex, der London Bullion Market Association (LBMA) und der Shanghai Futures Exchange deutlich verringert.

Zeit für ein neues Edelmetall-Dreieck

Während Gold seine Rolle als makroökonomischer Seismograph weiterhin behalten dürfte, zuletzt sichtbar im im Gold-Squeeze im Juni, zeigt die aktuelle Entwicklung bei Silber und Platin, dass beide längst auf eigenen Beinen stehen. Silber überzeugt mit Nachfragetransparenz und Preisdynamik und Platin mit Industrieperspektive und Angebotskonzentration.

Wer sein Portfolio noch immer auf Gold allein konzentriert, könnte daher einen substantiellen Teil des kommenden Edelmetallzyklus verpassen. Vor allem mit Blick auf die Tatsache, dass Silber am Beginn einer Outperformance-Phase stehen und Platin sich von seiner jahrelangen Unterbewertung befreien dürfte.

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Carsten Schmidt

Carsten Schmidt ist seit Januar 2024 freier Autor für die Deutschen Wirtschafts­nachrichten. Der Finanz- und Wirtschaftsjournalist ist seit über zehn Jahren für verschiedene Wirtschafts- und Finanzmedien aktiv, unter anderem für CAPinside, DASINVESTMENT.com, multiasset.com, das private-banking-magazin.de sowie den Norddeutschen Rundfunk und die Lübecker Nachrichten. Darüber hinaus war er unter anderem für die HypoVereinsbank und verschiedene Kommunikationsagenturen tätig. Seine Schwerpunkte liegen auf Finanzmärkten und Fondsanalysen sowie Mittelstand und Wirtschaftspolitik. Carsten Schmidt ist Diplom-Germanist und Mitgründer des Surf- und Outdoormagazins Waves & Woods (2017).
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