Unternehmen

Stellenanzeigen: Firmen verschenken Potenzial mit fehlender Familienfreundlichkeit

Deutsche Unternehmen reden gern über Familienfreundlichkeit, doch in den Stellenanzeigen bleibt davon wenig übrig. Eine neue Analyse zeigt, wie groß die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist – und warum gerade Mittelständler damit wertvolles Kapital im Kampf um Fachkräfte verspielen.
21.08.2025 15:02
Lesezeit: 2 min

Stellenanzeigen: Firmen werben selten mit familienfreundlichen Jobs

Nur ein kleiner Teil der Jobanzeigen verspricht Familienfreundlichkeit – obwohl fast alle Unternehmen sie wichtig finden. Die Autoren einer Analyse kritisieren: Chance vertan im Wettbewerb um gute Mitarbeiter.

Analyse der Bertelsmann Stiftung

Im Kampf um Fachkräfte werben Unternehmen in Deutschland nach einer Auswertung der Bertelsmann Stiftung in Stellenanzeigen zu selten mit Familienfreundlichkeit. Zwar erklärten 86 Prozent der Firmen, dass sie Wert legen auf familienfreundliche Maßnahmen. Im Jahr 2024 aber versprachen in acht Millionen veröffentlichten Anzeigen nur 16,4 Prozent familienfreundliche Jobangebote, wie die Stiftung in Gütersloh mitteilte.

Ein Hinweis auf die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben findet sich nur in 12 Prozent der Stellenanzeigen, lediglich 2,7 Prozent kündigen Unterstützung bei der Kinderbetreuung an. Das ergab eine Stichprobe von zehn Millionen Anzeigen, die seit 2018 in Deutschland veröffentlicht wurden.

Verschenkte Chance im Wettbewerb

Damit vergeben Unternehmen nach Einschätzung der Autoren die Möglichkeit, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für sich zu gewinnen. Auch der Hinweis auf flexible Arbeitszeiten bleibe häufig schwach. Nur bei 14 Prozent der Stellenanzeigen könnten Bewerber den Umfang der Arbeitszeit selbst wählen. 25 Prozent der Unternehmen böten an, die Wochenarbeitszeit flexibel und nach Bedarf zu verteilen.

Praxis 2025: Was Unternehmen jetzt konkret tun sollten

Für Arbeitgeber rechnet sich Familienfreundlichkeit 2025 auch handfest: Seit dem 1. April 2025 gelten neue Einkommensgrenzen beim Elterngeld; Unternehmen sollten Beratungsprozesse und Bescheinigungen darauf anpassen und Anträge digital unterstützen. Parallel drängt die EU-Umsetzung des Familienstartzeitgesetzes auf zwei bezahlte Wochen Freistellung für Partner nach der Geburt; Personalabteilungen sollten Prozesse, Vertretungen und Budget einplanen. Zudem kündigt der Koalitionsvertrag 2025 mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit an – weg von starren Tagesgrenzen hin zu einer Wochenlogik mit 48 Stunden; wer Schicht- oder Projektarbeit organisiert, sollte Betriebsvereinbarungen früh vorbereiten. Auch Verbände erhöhen den Druck: Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger fordert Tempo bei einer Reform des Arbeitszeitgesetzes; flexible Modelle gelten als Hebel gegen Fachkräftemangel. Wer diese Punkte offensiv in Anzeigen benennt und intern sauber umsetzt, steigert Reichweite, Conversion und Bindung. Der aktuelle Jobmonitor liefert Benchmarks zu Begriffen, die Responsequoten in Anzeigen erhöhen; wer Begriffe wie "Elternzeit", "mobile Arbeit" und "Teilzeitoption" sichtbar platziert, performt nachweislich besser. Planen Sie KPIs, testen Sie Varianten und dokumentieren Sie Effekte für Betriebsrat, Budgetrunden und künftige Auditfragen sauber und Reporting.

Worten müssen Taten folgen

"Das Ja zur Familienfreundlichkeit fehlt in der Mehrheit der Stellenanzeigen. Wer in Zeiten des Fachkräftemangels bestehen will, muss klar machen, dass ihm flexible Arbeitsgestaltung zum Nutzen der Beschäftigten und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf am Herzen liegt – und den Worten auch Taten folgen lassen", sagt Eric Thode, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung.

Unterschiede nach Qualifikation

Bei Jobs mit höherer Qualifikation wie einem Masterabschluss müssen Bewerber bei der Mobilität flexibler sein. Dafür zeigen sich Arbeitgeber hier bei 21,4 Prozent der Stellenanzeigen familienfreundlicher. Auf dem Niveau von Helferjobs sind es nur 11,2 Prozent.

Auch bei der Gestaltung der eigenen Arbeitszeit haben die besser Qualifizierten laut Analyse mehr Spielraum. 33 Prozent der Stellenanzeigen bieten flexiblere Arbeitszeiten an, bei Helferjobs ohne Ausbildung sind es lediglich 14 Prozent.

"Beschäftigte mit geringer und mittlerer Qualifikation werden klar benachteiligt", sagt Mitautorin Michaele Hermann. Hier anzusetzen, wäre ein wichtiger Hebel, um gute Mitarbeiter zu gewinnen und zu binden.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen XRP-Ledger-Transaktionsvolumen überschreitet die Marke von 1 Million

Analysten erwarten ein Aufwärtspotenzial von 100%. XRP Wie können Inhaber neue passive Einkommensquellen schaffen?

 

DWN
Technologie
Technologie Batterie-Boom treibt Deutschland in neue China-Abhängigkeit
16.06.2026

Deutschlands Batterieproduktion erreicht einen Rekordwert – doch mit dem Boom wächst zugleich die Abhängigkeit von China. Die Branche...

DWN
Politik
Politik Der EU-Waffenchef warnt eindringlich: "Wir produzieren die falschen Waffen!"
16.06.2026

Der EU-Verteidigungskommissar warnt vor einem gefährlichen Missverhältnis in Europas Rüstungsstrategie. Während Donald Trumps...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bund lehnt Unicredit-Angebot für Commerzbank ab
16.06.2026

Der Bund stellt sich offen gegen die Übernahme der Commerzbank durch die Unicredit und verschärft damit den Machtkampf um Deutschlands...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Tankrabatt verpufft: Millionen bleiben bei den Konzernen
16.06.2026

Der Tankrabatt sollte Autofahrer entlasten – doch nach Einschätzung von Experten kam ein Teil der Milliarden gar nicht bei ihnen an.

DWN
Politik
Politik EU stimmt US-Zolldeal zu – und droht mit Gegenzöllen
16.06.2026

Die EU macht den Weg für das Zollabkommen mit den USA frei, baut aber ein Sicherheitsnetz gegen neue Alleingänge aus Washington ein....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Kostenfalle Deutschland: Was Betriebe heute wirklich zahlen
16.06.2026

Energie doppelt so teuer wie in den USA, Lohnstückkosten 22 Prozent über globalem Schnitt, Bürokratie bindet 7 Prozent der Arbeitszeit,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Autokrise in China setzt VW und Mercedes unter Druck
16.06.2026

China galt jahrelang als Wachstumsmotor der Autoindustrie – doch nun brechen die Verkäufe massiv ein und setzen auch deutsche Hersteller...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie kaufen? Der Superzyklus steht erst am Anfang
16.06.2026

Der Wert der Rheinmetall-Aktie hat sich seit 2022 bereits vervielfacht. Russlands Krieg gegen die Ukraine, Europas Aufrüstung und...