Wirtschaft

Grüner Zwang ohne Grundlage: Bringt die Politik Deutschlands Logistik mit Elektro-Lkw ins Wanken?

Politik und Hersteller drängen auf den Umstieg zum Elektro-Lkw – doch Spediteure sehen vor allem Risiken. Während MAN auf flexible Fertigung setzt, fürchten viele Transportunternehmen um ihre Existenz. Droht der Logistikbranche ein grüner Blindflug ohne Bodenhaftung?
21.09.2025 13:43
Lesezeit: 3 min

Politischer Druck trifft auf Realität der Transportbranche mit Elektro-Lkw

Heute ist es noch nicht realistisch, dass ein Transportunternehmen einen Elektro-Lkw anstelle eines Diesel-Lkw in seine Flotte aufnimmt. Vielleicht einen oder zwei – und das auch nur mit kräftiger Unterstützung des Auftraggebers.

In den letzten fünf Jahren hat sich der politische Druck zur Dekarbonisierung in der Automobilindustrie massiv erhöht – in kleinerem Umfang, aber mit immer größeren Schritten auch im Transportsektor, also bei der Herstellung von Lieferwagen und Lastwagen. Dies geschieht über Strafzahlungen bei Emissionsüberschreitungen: Seit Juli dieses Jahres kostet jedes überschrittene Gramm den Hersteller – und damit den Kunden – 4.250 Euro. Der Druck wird in den kommenden Jahren noch steigen: Bis 2030 müssen die Emissionen von Lastwagen über 7,5 Tonnen Gesamtgewicht um 45 Prozent sinken, bis 2035 um 65 Prozent und bis 2040 um 90 Prozent. Das ist nur mit Elektrifizierung möglich, der Diesel hat keine technischen Reserven mehr.

Widerstand der Kunden: Angst vor Kosten und Stillstand

Doch was sagen die Kunden, also die Transportunternehmen? Sie wehren sich mit allen Mitteln. Anfangs war es die Angst vor dem Unbekannten, heute hat diese Angst eine reale Grundlage: Furcht vor Illiquidität, vor unrealistischen Anpassungen der Logistikrouten – von der Beladung im heimischen oder logistischen Depot bis zum Kunden. So sehen Transportunternehmen in der emissionsfreien Antriebsart fast ausschließlich Probleme und keine Chancen.

Und sie haben nicht ganz unrecht. Noch ist es nicht realistisch, dass Spediteure Elektro-Lkw in großem Maßstab einsetzen. Vielleicht ein oder zwei Fahrzeuge, und auch das nur mit kräftiger finanzieller Hilfe der Kunden, die bereit sind, den Transport zum doppelten oder dreifachen Kilometerpreis zu bezahlen – einzig, um ihre Waren klimafreundlich zustellen zu lassen und sich damit ein grünes Image sowie bessere Werte in ihrer Umweltbilanz zu verschaffen. Selbst für diese wenigen Elektro-Lkw müssen die Unternehmen jedoch mehrere Hunderttausend Euro in Ladeinfrastruktur investieren und die Fahrten sowie Ladevorgänge minutengenau planen. Derzeit gibt es dafür kaum praktikable Optionen: Die Infrastruktur hält mit den politischen Zielen nicht Schritt.

Hersteller im Spannungsfeld zwischen Politik und Realität

Die dritte Partei in diesem Geschäft „in den Wolken“ sind die Lkw-Hersteller. Diese versuchen selbstverständlich, sowohl den gesetzlichen Vorgaben als auch den Kundenwünschen gerecht zu werden – schlicht, weil sie keine andere Wahl haben. Sie sind auf den grünen Wandel vorbereitet, doch ihre Kunden sind es nicht. Wann diese so weit sein werden, ist unklar. Klar ist lediglich: Die Hersteller müssen diese Übergangszeit so gesund wie möglich überstehen, am besten mit Gewinn, um die Aktionäre zufriedenzustellen und Mittel für die Weiterentwicklung bereitzustellen.

Dabei gehen sie unterschiedliche Wege: Manche agieren überhastet, andere zu zurückhaltend. Der deutsche Hersteller MAN etwa verfolgt einen Kompromissansatz. In den Sommermonaten stellte das Unternehmen seine Elektro-Lkw, seine Produktionsphilosophie und seine kundenorientierte Strategie vor: flexible Fertigungslinien, die sowohl Diesel- als auch Elektroantriebe produzieren können, lokale Batterieproduktion und intensive Unterstützung für Kunden, damit sie beim Übergang zur grünen Mobilität nicht in eine Sackgasse geraten.

Der Transportsektor ist schwer belastet – nicht nur durch den regulatorischen Druck zum grünen Wandel, sondern auch durch ungelöste Probleme wie Fahrermangel, Verkehrsstaus, das Vordringen unlauterer Konkurrenz aus Ländern mit laxeren Vorschriften, die hohen Kosten der Digitalisierung und vieles mehr. Statt diese Herausforderungen anzugehen, konzentriert sich die Gesetzgebung auf eine grüne Transformation, die derzeit noch ohne wirkliche Grundlage im Alltag der Branche ist.

Transport in der Sackgasse: Warum Spediteure Elektro-Lkw ablehnen

Spediteure hierzulande kämpfen schon heute mit hohen Energiekosten, Fachkräftemangel und dem Druck internationaler Konkurrenz. Eine überhastete Elektrifizierung ohne flächendeckende Ladeinfrastruktur könnte viele mittelständische Transportunternehmen in die Insolvenz treiben. Gleichzeitig droht die deutsche Industrie ihre Rolle als Leitmarkt zu verlieren, wenn die Politik zwar ambitionierte Klimaziele vorgibt, aber die Realität der Transportwirtschaft ignoriert.

Die Zukunft der Transportbranche führt zweifellos in Richtung Elektro-Lkw. Doch solange Infrastruktur, Finanzierung und Praxislösungen nicht mit den politischen Zielvorgaben Schritt halten, bleibt der grüne Wandel ein Projekt „in den Wolken“. Hersteller wie MAN versuchen, durch flexible Strategien den Spagat zwischen Regulierung und Realität zu meistern. Für Spediteure jedoch bleibt die Umstellung vorerst ein riskantes Geschäft – und für Deutschland ein strategisches Risiko im internationalen Wettbewerb.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Ripple startet RWA-Strategie, AMT DeFi-Verträge für erneuerbare Energien gehen live – XRP beginnt einen neuen Aufwärtszyklus

Mit der beschleunigten Einführung der RWA-Strategie (Real World Assets) durch Ripple entwickelt sich die Blockchain-Branche von reinem...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Digitale Souveränität: Europas Weg aus der US-Tech-Abhängigkeit
18.01.2026

Europas Abhängigkeit von globalen Technologiekonzernen rückt zunehmend in den Fokus politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen. Wird...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Basel IV: Warum viele Unternehmen plötzlich keinen Kredit mehr erhalten
18.01.2026

Basel IV verändert die Kreditlandschaft grundlegend – und der Mittelstand zahlt den Preis. Immer mehr Unternehmen stoßen auf...

DWN
Finanzen
Finanzen Trump im zweiten Amtsjahr: Wachsende Risiken für globale Finanzmärkte
18.01.2026

Donald Trumps zweite Amtszeit fällt in eine Phase erhöhter politischer und ökonomischer Verwundbarkeit der Märkte. Droht den...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Inflationsschock, Schuldenfalle, Rezession: Das neue ökonomische Dreieck
18.01.2026

Deutschland geht der finanzielle Spielraum aus. Hinter der Fassade steckt ein Staat, der ganz langsam unter explodierenden Schulden, hoher...

DWN
Panorama
Panorama DWN-Wochenrückblick KW 03: Die wichtigsten Analysen der Woche
18.01.2026

Im DWN Wochenrückblick KW 03 des neuen Jahres fassen wir die zentralen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutschlands Industrie am Wendepunkt: Strukturwandel prägt die Entwicklung
18.01.2026

Die deutsche Industrie verharrt nach dem Abschwung in einer Phase wirtschaftlicher Unsicherheit. Handelt es sich um eine vorübergehende...

DWN
Technologie
Technologie Speicherchips: Der wahre Engpass der Künstlichen Intelligenz
18.01.2026

Jahrelang drehte sich im KI-Boom alles um Rechenleistung. Doch nun zeigt sich, dass nicht Prozessoren, sondern Speicherchips den Takt...

DWN
Technologie
Technologie BDEW kritisiert Infrastruktur auf dem Silbertablett: Was sich nach dem Angriff aufs Berliner Stromnetz dringend ändern muss
18.01.2026

Nach dem Anschlag auf das Berliner Stromnetz übt der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) scharfe Kritik an geltenden...