Politik

Debatte um höheres Rentenalter: Forderungen von Politik und Ökonomen lassen aufhorchen

Ökonomen sprechen sich für ein höheres Renteneintrittsalter aus. Auch Wirtschaftsministerin Reiche fordert, dass die Deutschen länger arbeiten müssen. Ihre Berater nennen als Beispiel Dänemark, wo das Renteneintrittsalter bis 2040 auf 70 Jahre ansteige. Kommt auch für die Deutschen ein höheres Rentenalter?
15.10.2025 05:55
Lesezeit: 5 min
Debatte um höheres Rentenalter: Forderungen von Politik und Ökonomen lassen aufhorchen
Wie lange wird man in Zukunft arbeiten müssen? Kommt die Rente mit 70? (Foto: dpa) Foto: Jan Woitas

Renteneintrittsalter: Debatte um höheres Rentenalter nimmt Fahrt auf

Heute ist die Rente mit 70 in Deutschland ein Schreckgespenst, denn so lange will kaum jemand arbeiten. Muss er nach aktueller Gesetzeslage auch nicht: Spätestens mit 67 Jahren können heutige Arbeitnehmer in Rente gehen. Aber kann das so bleiben? Die Löcher in der Rentenkasse werden größer.

Im Zuge dessen erreicht die Diskussion um das Renteneintrittsalter in Deutschland neue Dimensionen. Ein von der Bundesregierung eingesetzter wissenschaftlicher Beraterkreis hat ein Gutachten vorgestellt, das für Aufsehen sorgt: Um das Rentensystem vor dem Kollaps zu bewahren, empfehlen einige Ökonomen sogar eine schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf 73 Jahre bis zum Jahr 2060.

Die Experten begründen ihren Vorschlag mit den wachsenden wirtschaftlichen Herausforderungen, denen sich Deutschland gegenübersieht. „Seit Jahren stagniert die Wirtschaftsleistung, während vergleichbare Volkswirtschaften deutlich dynamischer wachsen“, heißt es in dem Gutachten, das Bild vorliegen soll. Als Hauptursachen werden ein zu geringes Produktivitätswachstum und strukturelle demografische Probleme genannt. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hatte bereits zuvor mit der Forderung nach einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit bis 70 für Diskussionen gesorgt. Der neue Vorschlag des Beraterkreises von Bärbel Bas geht nun noch einen Schritt weiter und knüpft das Renteneintrittsalter an die steigende Lebenserwartung.

Rente mit 70: Dänemark als Vorbild für deutsches Rentenmodell?

„Wir werden mehr arbeiten müssen, wenn wir den Umfang der Sozialversicherungen bewahren wollen, ohne zeitgleich den nachfolgenden Generationen noch mehr Lasten zu hinterlassen“, argumentieren die Bas-Berater in ihrer Studie. Sie betonen die Notwendigkeit, das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln, um das System langfristig zu stabilisieren. Berechnungen für eine Rente ab 70 Jahren zeigten bereits, dass Deutschland an die EU-Spitze käme.

Die Experten orientieren sich bei ihrem Vorschlag am Modell Dänemarks. Dort wurde im Mai 2025 im Parlament mit großer Mehrheit beschlossen, das Renteneintrittsalter bis 2040 auf 70 Jahre anzuheben. Diese Regelung betrifft alle dänischen Bürger, die nach dem 31. Dezember 1970 geboren wurden. Dänemark nimmt bereits seit 2006 eine kontinuierliche Anpassung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung vor. Damals lag das Eintrittsalter noch bei 65 Jahren. Das dänische System hat sich über verschiedene Regierungskoalitionen hinweg als stabil erwiesen und wird auch von der aktuellen sozialdemokratisch geführten Regierung fortgeführt.

Obwohl Dänemark und Deutschland ähnliche demografische Probleme haben, unterscheiden sich ihre Rentensysteme allerdings deutlich: Während Deutschland auf das Umlageverfahren setzt, also die arbeitende Generation die Renten der Älteren finanziert, basiert das dänische System auf einer steuerfinanzierten Grundrente und individueller Vorsorge.

Rentenalter: Reiche und Regierungsberater fordern zügige Anhebung

Wie die DPA meldet, schlagen auch die Wirtschaftsberater von Ministerin Katherina Reiche (CDU) Alarm. Deutschland stecke in einer schweren strukturellen Krise, die ohne grundlegende Reformen zu Deindustrialisierung und dem Verlust internationaler Wettbewerbsfähigkeit führen könnte. Man wolle die Bundesregierung zu einer „Wachstumsagenda“ animieren und spreche sich für mehr Reformen aus. So beinhaltet auch deren Strategie unter anderem die umstrittene Forderung nach einem deutlich höheren Renteneintrittsalter und einer zügigen Anhebung des Rentenalters in Deutschland. Sie nennen ebenfalls Dänemark als Beispiel, wo das Renteneintrittsalter bis 2040 auf 70 Jahre ansteige.

„Eine weitere Anhebung des Rentenalters müsste jetzt auf den Weg gebracht werden“, heißt es in einem neuen Impulspapier des Beraterkreises für evidenzbasierte Wirtschaftspolitik. Die Berater, unter ihnen Wirtschaftsweise Veronika Grimm, warnen vor den Folgen der Alterung der Gesellschaft: „Ohne eine entschlossene Reformagenda droht die Rentenversicherung zu einer zunehmenden Belastung des Bundeshaushalts zu werden – und zur tickenden Zeitbombe für die Generationengerechtigkeit.“

Vor dem Hintergrund bisheriger Pläne, das Rentenniveau bei 48 Prozent zu halten, warnen sie vor einem massiven Anstieg der Kosten. Mehr als 90 Milliarden Euro müssten zusätzlich aus dem Bundeshaushalt kommen.

Forderung: Anpassung des Renteneintrittsalters

„Die steigende Lebenserwartung bedeutet, dass ohne eine Anpassung des Renteneintrittsalters nicht nur die Rentenbezugsdauer immer mehr zunimmt, sondern auch die Jahre als Rentner bei guter Gesundheit“, so die Ökonomen. Denn: „Ausgehend von den mittleren Annahmen des Statistischen Bundesamtes würde das bedeuten: Ab 2031 – wenn die schrittweise Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters auf 67 Jahre abgeschlossen ist – müsste das Rentenalter etwa alle zehn Jahre um ein halbes Jahr steigen“, schreiben sie. Die Grenze von 69 Jahren wäre demnach „erst Anfang der 2070er Jahre“ erreicht.

Für die Wirtschaftsexperten ist eine automatische „Kopplung des gesetzlichen Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung“, die konsequenteste Lösung, so wie es einige europäische Nachbarn bereits praktizieren. Auch der Internationale Währungsfonds hatte Deutschland im vergangenen Jahr diesen Schritt empfohlen.

Rentenreform: Berater werfen Regierung Verzögerung vor

Dabei fordern sie Tempo: „Eine weitere Anhebung des Rentenalters müsste jetzt auf den Weg gebracht werden.“ Wenn die Politik damit bis zur nächsten Legislaturperiode warte, bleibe kaum Zeit für eine faire und rechtzeitige Umsetzung. „Die derzeitige Verzögerungstaktik lässt das Zeitfenster für eine sozialverträgliche Anpassung zunehmend kleiner werden.“

Auch andere „gezielte Anpassungen“ seien nötig, um die Zuschüsse zur Rente einzudämmen. Die Berater plädieren für einen Verzicht auf eine Ausweitung der Mütterrente und eine Abschaffung der Rente ab 63. Daneben plädieren die Wirtschaftsberater für weitere einschneidende Reformschritte, etwa eine künftige Anpassung der Bestandsrenten an die Preisentwicklung statt an die Löhne.

Wirtschaftsministerin Reiche ist überzeugt, dass die Lebensarbeitszeit steigen muss, um einen Kollaps des Rentensystems zu verhindern. Es könne auf Dauer nicht gut gehen, nur zwei Drittel des Erwachsenenlebens zu arbeiten und ein Drittel in der Rente zu verbringen. Die CDU-Politikerin ist damit die Renten-Rebellin in der Regierung, denn weder Koalitionspartner SPD noch ihre eigene Partei wollen von einem späteren Renteneintrittsalter derzeit etwas wissen. In der Koalition wird bisher eine Erhöhung des Renteneintrittsalters abgelehnt.

Jens Spahn: Rente mit 67 nur ein Zwischenschritt

Noch will Unionsfraktionschef Jens Spahn nicht über die Rente mit 70 diskutieren. Aber der Beginn der Rente wird sich seinen Worten nach auch im kommenden Jahrzehnt weiter nach hinten verschieben. „Wenn wir immer länger leben, werden wir einen Teil dieser längeren Lebenszeit auch arbeiten müssen“, sagte der CDU-Politiker in der ARD-Sendung Maischberger.

Dass Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) eine Rente mit 70 fordere, sei „für den jetzigen Zeitpunkt nicht die richtige Debatte“, sagte Spahn. „Wir gehen ja gerade auf die Rente mit 67 – schrittweise, das wird so 2030/31 dann erreicht werden.“ Für die nächste Legislaturperiode stelle sich die Frage dann wieder. Seiner Ansicht nach werde auch in den 30er Jahren das Renteneintrittsalter „schrittweise Jahr um Jahr und dann Monat um Monat weiter steigen müssen“.

Rente mit 70? Oder noch später? Utopisch, viele schaffen nicht einmal 67 Jahre

Die Anhebung des Renteneintrittsalters auf gar 73 Jahre könnte tiefgreifende Auswirkungen auf die deutsche Gesellschaft und Wirtschaft haben: Eine solch drastische Erhöhung würde die Belastung für ältere Arbeitnehmer unverhältnismäßig steigern. Schon 2020 ergab eine Umfrage bei der IG Metall, dass ein Renteneintrittsalter von 67 Jahren für die Mehrheit der Beschäftigten nicht erreichbar ist. Mehr als die Hälfte (55 Prozent) ging davon aus, dass sie ihren derzeitigen Beruf nicht bis 67 ausüben kann. Für viele Arbeitnehmer ist daher eine Rente erst ab 70 unrealistisch, insbesondere in körperlich und mental anstrengenden Berufen.

Deshalb dürfte die politische Umsetzung solcher Vorschläge auf erhebliche Widerstände stoßen. Eine mögliche Lösung wären verschiedene Rentenalter für verschiedene Berufsgruppen. Sicher ist, dass die Diskussion um die Zukunft der Rente in Deutschland eine neue Dynamik entwickelt. Denn wird die notwendige Rentenreform weiter in die Zukunft verlagert, wird sich die Problematik der leeren Rentenkassen weiterhin verschärfen. Und so wird auch die Debatte um die Rente mit 70 nicht verstummen.

Übrigens: Die Rente mit 70, die gab’s schon mal in Deutschland. Als Reichskanzler Otto von Bismarck Ende des 19. Jahrhunderts die gesetzliche Rentenversicherung einführte, lag die Altersgrenze bei 70 Jahren. Allerdings erreichten damals viele Menschen das nötige Alter gar nicht erst.

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