Wirtschaft

Ökonom Adam Posen warnt vor Zinswende: Droht eine Rückkehr der US-Inflationskrise?

Die US-Wirtschaft wirkt stabil, doch unter der Oberfläche mehren sich Risiken, die bislang kaum eingepreist sind. Steht die Welt vor einer Rückkehr der Inflationskrise und einer geldpolitischen Kehrtwende, die Märkte und Politik gleichermaßen überraschen könnte?
05.01.2026 07:32
Lesezeit: 6 min
Ökonom Adam Posen warnt vor Zinswende: Droht eine Rückkehr der US-Inflationskrise?
Die Inflation in den USA könnte zurückkehren und die US-Notenbank zu erneuten Zinserhöhungen zwingen, mit weitreichenden Folgen für die Wirtschaft (Foto: dpa) Foto: Nathan Howard

Inflationskrise und erneute Zinswende in den USA

Ein extremes Szenario für das Jahr 2026 zeichnet sich ab. Die US-Notenbank könnte die wirtschaftliche Lage grundlegend falsch einschätzen und dabei die größte Gefahr übersehen. In der größten Volkswirtschaft der Welt kehrt die Inflationskrise zurück und stellt die bisherige geldpolitische Strategie infrage. Die Finanzmärkte wären auf eine solche Entwicklung nur unzureichend vorbereitet.

Statt weiterer Zinssenkungen müsste die US-Notenbank die Leitzinsen erneut anheben, möglicherweise sogar mehrfach. Ein solcher Kurswechsel hätte erhebliche Auswirkungen auf Anleihe, Aktien und Währungsmärkte. Investoren gehen bislang von einer Phase stabiler Preise und sinkender Zinsen aus. Diese Erwartung könnte sich als trügerisch erweisen.

Diese Analyse stammt von Adam Posen, einem der weltweit einflussreichsten Ökonomen im Bereich Geldpolitik und Inflation. Kurz vor der letzten Zinssitzung des Jahres äußerte er sich in einem Interview mit der dänischen Wirtschaftszeitung Børsen ungewöhnlich kritisch. Er zeigte sich überrascht über die Gelassenheit, mit der die US-Notenbank die Inflationsentwicklung beurteilt.

Adam Posen und seine geldpolitische Perspektive

Adam Posen ist Direktor des renommierten Peterson Institute, einer international führenden Denkfabrik für Wirtschaftspolitik. Dort analysiert ein Team hochrangiger Ökonomen regelmäßig die globale Konjunkturentwicklung. Zuvor war Posen Mitglied der britischen Zentralbank Bank of England. In dieser Funktion war er an der Ausgestaltung der Geldpolitik nach der Finanzkrise beteiligt.

Nach Posens Einschätzung missverstehen viele Beobachter, einschließlich der US-Notenbank, die aktuelle Dynamik der amerikanischen Wirtschaft. Diese Kritik äußerte er kürzlich auch auf einer Konferenz der Danske Bank in Kopenhagen. Die derzeitige Beruhigung an den Märkten stehe im Widerspruch zu den strukturellen Risiken. Besonders die Inflation werde unterschätzt.

Sollte sich Posens Analyse bewahrheiten, hätte dies Folgen weit über die USA hinaus. Die amerikanische Geldpolitik ist global richtungsweisend. Veränderungen beim Zinsniveau wirken sich unmittelbar auf Europa und andere Industriestaaten aus. Auch die Europäische Zentralbank geriete dadurch unter zusätzlichen Handlungsdruck.

Zinserwartungen und Marktberuhigung

An den Finanzmärkten wird derzeit fest mit einer Zinssenkung gerechnet. Investoren kalkulieren laut Marktdaten mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 86 Prozent, dass die US-Notenbank die Leitzinsen senkt. Diese Erwartung prägt die aktuelle Positionierung vieler Marktteilnehmer. Sie gilt als nahezu eingepreist.

Der Hintergrund dieser Einschätzung ist die Sorge um den US-Arbeitsmarkt. Erste Anzeichen einer Abkühlung nähren die Befürchtung, dass kleinere Schwächen zu größeren Problemen werden könnten. Mit niedrigeren Zinsen versucht die Notenbank, möglichen wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen. Der Fokus liegt dabei klar auf der Konjunkturstützung.

Aus Sicht von Adam Posen greift diese Argumentation jedoch zu kurz. Er erwartet, dass im Jahr 2026 nicht der Arbeitsmarkt, sondern erneut die Inflation das zentrale Thema sein wird. Die derzeitige Geldpolitik setze an der falschen Stelle an. Damit steige das Risiko einer späteren Korrektur erheblich.

Späte Folgen der Trump-Wirtschaftspolitik

Posen prognostiziert für 2026 einen Anstieg der Inflationsrate auf 4,5 Prozent, möglicherweise sogar auf 5 Prozent. Damit würde die Teuerung deutlich über dem Zielwert der US-Notenbank liegen. Seine Einschätzung geht weiter als die Prognosen der meisten Ökonomen. Gerade deshalb gilt sie als besonders kontrovers.

Die wirtschaftlichen Effekte der Politik von Präsident Donald Trump wirkten mit erheblicher Verzögerung, betont Posen. Dazu zählen sowohl die Abschiebung illegaler Einwanderer als auch die Erhöhung von Importzöllen. Diese Maßnahmen entfalten ihre Wirkung nicht sofort. Vielmehr durchlaufen sie komplexe wirtschaftliche Anpassungsprozesse.

Unternehmen müssten zunächst zahlreiche Unsicherheiten klären, bevor sie ihre Preise anpassten. Unklar sei, ob politische Entscheidungen dauerhaft Bestand hätten oder später wieder revidiert würden. Auch mögliche Ausnahmeregelungen spielten eine Rolle. Erst danach würden Kosten an die Verbraucher weitergegeben.

Lieferketten und strategische Anpassungen

Zusätzlich stehen viele Unternehmen vor grundlegenden Entscheidungen über ihre Lieferketten. Produktionsverlagerungen, etwa von China nach Mexiko oder zurück in die USA, sind mit hohen Kosten verbunden. Solche Schritte benötigen Zeit und Planung. Kurzfristige Reaktionen sind kaum möglich.

Viele Unternehmen haben sich zudem mit umfangreichen Lagerbeständen gegen mögliche Handelskonflikte abgesichert. Diese Vorräte verschaffen temporären Spielraum. Sie verzögern jedoch die unmittelbare Weitergabe steigender Importkosten. Damit wird der Inflationsimpuls zunächst abgefedert.

Sobald diese Lagerbestände aufgebraucht sind, müssen Unternehmen reagieren. Steigende Importpreise schlagen dann direkt auf die Endpreise durch. In der Breite führt dies zu höherer Inflation. Genau diesen Effekt erwartet Adam Posen für das Jahr 2026.

Inflationserwartungen als kritischer Faktor

Ein einmaliger Preisschub wäre aus ökonomischer Sicht noch beherrschbar. Problematisch wird die Situation laut Posen erst dann, wenn sich Inflationserwartungen verfestigen. Unternehmen und Verbraucher passen ihr Verhalten dann dauerhaft an. Dadurch entsteht ein selbstverstärkender Prozess.

US-Notenbankchef Jerome Powell betont regelmäßig, die Inflationserwartungen seien stabil verankert. Adam Posen teilt diese Einschätzung nicht. Er verweist auf die Erfahrungen der Jahre 2020 und 2021. Diese Phase habe das Vertrauen in dauerhafte Preisstabilität geschwächt.

Hinzu kommt, dass die Inflation aktuell bei rund 3 Prozent liegt. Damit befindet sie sich über dem offiziellen Zielwert von 2 Prozent. Aus Posens Sicht macht dies Erwartungen besonders anfällig. Eine erneute Inflationswelle könnte deshalb schneller an Dynamik gewinnen.

Migration und der Arbeitsmarkteffekt

Posen überträgt seine Analyse auch auf die Einwanderungspolitik der USA. Wie bei den Zöllen zeigen sich deren wirtschaftliche Effekte erst mit zeitlicher Verzögerung. Politische Ankündigungen allein verändern die Realität noch nicht. Entscheidend ist die tatsächliche Umsetzung.

Die Trump-Regierung spricht von rund einer Million abgeschobener illegaler Einwanderer. In den verfügbaren Arbeitsmarktdaten lässt sich diese Zahl bislang nicht erkennen. Posen verweist auf Produktionsstatistiken in besonders betroffenen Branchen. Diese zeigen bislang keine Einbrüche.

Untersucht wurden unter anderem Teile des Gesundheitswesens, der Landwirtschaft, der Lebensmittelverarbeitung, das Baugewerbe sowie verschiedene Dienstleistungsbereiche. Diese Sektoren sind stark auf illegale Arbeitskräfte angewiesen. Dennoch blieb die Produktionsleistung stabil. Daraus zieht Posen klare Schlüsse.

Warum die Daten bisher trügen

Die stabilen Produktionszahlen deuten darauf hin, dass die meisten illegalen Arbeitskräfte weiterhin im Land sind. Abschiebungen hätten bislang keinen flächendeckenden Effekt entfaltet. Auch Produktivitätssteigerungen können dies nicht erklären. Die entsprechenden Kennzahlen verlaufen ebenfalls seitwärts.

Große Investitionen in den USA fließen vor allem in KI-Technologien. Arbeitsintensive Niedriglohnbranchen profitieren davon kaum. Die strukturellen Abhängigkeiten bleiben bestehen. Erst ein tatsächlicher Arbeitskräfteabfluss würde die Effekte sichtbar machen.

Sowohl Unternehmen als auch betroffene Familien benötigen Zeit für weitreichende Entscheidungen. Erst jetzt näherten sich viele dem Punkt, an dem sie die USA tatsächlich verlassen. Wenn dies geschieht, dürfte sich die Lage rasch ändern. Genau diesen Moment erwartet Posen in den kommenden Jahren.

Lohndruck und gesellschaftliche Nebenwirkungen

Wenn Arbeitskräfte das Land verlassen, sinkt das Angebot am Arbeitsmarkt spürbar. Dies erhöht den Lohndruck in betroffenen Branchen. Steigende Löhne wirken wiederum preistreibend. Der Inflationsdruck nimmt dadurch weiter zu.

Erste Engpässe zeigen sich bereits in der Pflege älterer Menschen und in der Kinderbetreuung. Steigende Kosten könnten dazu führen, dass Frauen häufiger aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Diese Entwicklung hätte weitere wirtschaftliche Folgen. Die Erwerbsbeteiligung würde sinken.

Schon ein Rückgang der Erwerbsbeteiligung um ein Prozent hätte laut Posen erhebliche Auswirkungen. Der Arbeitsmarkt würde sich weiter verknappen. Löhne und Preise gerieten zusätzlich unter Druck. Die Inflationsspirale würde sich verstärken.

Weitere Risiken für die Preisstabilität

Neben Handel und Migration rechnet Posen mit einer expansiven Fiskalpolitik. Diese würde die Nachfrage zusätzlich anheizen. Auch der dänische Ökonom Torsten Sløk erwartet einen signifikanten fiskalischen Impuls. Beide sehen darin ein zusätzliches Inflationsrisiko.

Hinzu kommt die Möglichkeit eines schwächeren US-Dollar. Eine Abwertung verteuert Importe und erhöht damit den Preisdruck. Posen hält die Geldpolitik deshalb für weniger restriktiv als allgemein angenommen. Seiner Einschätzung nach ist sie derzeit nahezu neutral.

Besonders kritisch bewertet er die wachsenden Zweifel an der Unabhängigkeit der US-Notenbank. Politischer Druck könne das Vertrauen in ihre Handlungsfähigkeit untergraben. Dies erschwert eine glaubwürdige Inflationsbekämpfung. Die Risiken nehmen dadurch weiter zu.

Notenbank zwischen Politik und Glaubwürdigkeit

Donald Trump hat US-Notenbankchef Jerome Powell mehrfach öffentlich kritisiert. Da Powells Amtszeit 2026 endet, wird Trump einen Nachfolger nominieren. Dieser muss vom Senat bestätigt werden. Die politische Dimension der Entscheidung ist erheblich.

Posen erwartet jedoch nicht, dass ein neuer Notenbankchef das Inflationsrisiko ignorieren kann. Fragen der Glaubwürdigkeit und des beruflichen Ansehens spielen eine große Rolle. Zinserhöhungen könnten daher unausweichlich werden. Auch gegen politischen Widerstand.

Allerdings könnte diese Reaktion zu spät erfolgen. Viele könnten argumentieren, es handle sich nur um einen einmaligen Preisschub. Genau diese Verzögerung hält Posen für gefährlich. Historische Beispiele stützen seine Sorge.

Lehren aus der Volcker-Ära

Posen verweist auf die Zeit unter Notenbankchef Paul Volcker in den 1980er Jahren. Damals wurden Zinserhöhungen zunächst beendet, bevor die Inflation vollständig überwunden war. Später musste die Notenbank deutlich nachschärfen. Die Kosten waren hoch.

Die erneuten Zinserhöhungen führten zu einer tiefen Rezession in den USA. Dieses Ereignis ging als Volcker-Schock in die Wirtschaftsgeschichte ein. Posen hält ein solches Extrem heute für unwahrscheinlich. Dennoch sieht er Parallelen in der Ausgangslage.

Je länger die Notenbank zögert, desto höher fallen die späteren Kosten aus. Höhere Zinsen und steigende Arbeitslosigkeit wären die Folge. Genau davor warnt Posen eindringlich. Die Risiken wachsen mit jedem Jahr des Zuwartens.

Bedeutung für Deutschland und Europa

Sollte sich dieses Szenario bewahrheiten, hätte es auch für Deutschland erhebliche Folgen. Steigende US-Zinsen würden globale Kapitalströme neu ausrichten. Der Druck auf die Europäische Zentralbank nähme zu. Eine geldpolitische Entkopplung wäre kaum möglich.

Für die exportorientierte deutsche Wirtschaft bedeuten volatile Finanzmärkte zusätzliche Unsicherheit. Eine erneute Inflationswelle würde Kostenstrukturen belasten. Investitionsentscheidungen könnten verschoben werden. Die Planbarkeit nähme ab.

Die wirtschaftliche Entwicklung in den USA bleibt damit ein zentraler Risikofaktor für Deutschland. Geldpolitik, Inflation und Konjunktur sind eng miteinander verknüpft. Entsprechend hoch ist die Abhängigkeit von Entscheidungen jenseits des Atlantiks.

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