Finanzen

Anlagestrategie: Falsche Prognosen sind besser als keine Prognosen

Prognosen sind notorisch unzuverlässig – und dennoch unverzichtbar. Ob Wetter, Kapitalmärkte oder Geschichte: Wir wissen, dass Vorhersagen scheitern, halten aber an ihnen fest. Warum wir etwas brauchen, dem wir gleichzeitig misstrauen.
11.01.2026 13:30
Lesezeit: 3 min
Anlagestrategie: Falsche Prognosen sind besser als keine Prognosen
Prognosen sind keine Wahrheiten, sondern Werkzeuge – und Anleger benötigen sie (Foto: iStockphoto.com/EyeEm Mobile GmbH). Foto: EyeEm Mobile GmbH

Kapitalmarktausblicke: A plan is better than no plan

Der spätere Nobelpreisträger Kenneth J. Arrow arbeitete im US Army Air Corps an Langfrist-Wetterprognosen. Als sein Team statistisch zeigte, dass diese nicht besser als der Zufall waren und die Einstellung der Prognosen vorschlug, kam die legendäre Antwort: „The Commanding General is well aware that the forecasts are no good. However, he needs them for planning purposes.“

Der kommandierende General ist sich sehr wohl bewusst, dass die Prognosen nichts taugen. Dennoch benötigt er sie für Planungszwecke.

So geht es ja auch dem Anleger. Wir alle wissen mittlerweile, dass Banker keine Glaskugel haben und sie die Zukunft genauso wenig kennen wie ich. Aber trotzdem machen Goldman, JPMorgan, LGT, Pictet und all die anderen Analysten regelmäßig ihre Kapitalmarktausblicke – und gerne gehen Investoren hin, allerdings nicht wegen des warmen Abendessens. Zumal die Events neuerdings oft virtuell angeboten werden. Super kluge und adrett angezogene Leute mit vielen, kleinteiligen PowerPoint-Slides machen Vorhersagen über den Dollar, die Inflation, die Aktienindices, Rezession oder Soft Landing?

Wir wollen und brauchen das, auch wenn wir wissen, dass es vermutlich anders kommen wird. Und ist schon mal aufgefallen, dass die Black Swans, die Extremereignisse, gar nicht berücksichtigt werden? Die nächste Krise wird vielleicht wieder ein Virus sein, ein Cyberwar, Hyperinflation, Völkerwanderung, Aliens from Outerspace, was immer. In allen Prognosen müssen Extremereignisse ganz ausgeklammert werden, denn sie sind noch weniger kalkulierbar als der Rest. Sonst könnten wir ja überhaupt nicht mehr planen.

Deterministen und Non-Deterministen

Warum ist das mit den Prognosen eigentlich so schwierig? Nun für die Non-Deterministen, die der Meinung sind, die Zukunft sei nicht festgelegt, sondern vom Zufall abhängig, ist es einigermaßen klar. Für die Deterministen, die die Aiffassung vertreten, seit dem Urknall habe sich alles konsequent kausal entwickelt und insofern sei auch die Zukunft vorhersehbar, ist es etwas schwieriger.

Egon Friedell, österreichischer Kulturhistoriker, Schriftsteller und scharfsinniger Beobachter menschlicher Selbstüberschätzung, brachte dieses Dilemma pointiert auf den Punkt: „Die historische Kausalität ist schlechterdings unentwirrbar, sie besteht aus so vielen Gliedern, dass sie dadurch für uns den Charakter der Kausalität verliert.“ Vielleicht kann die künstliche Intelligenz irgendwann die historische Kausalität knacken. Und dann könnte auch der kommunistische Traum von der zentral planbaren Wirtschaft Wirklichkeit werden.

Karl Popper zum Thema

Nicht viel von Prognosen hielt auch Karl Popper, der Philosoph und Kritiker des Historizismus: „Jeder betrachtet die Menschheitsgeschichte als einen mächtigen Strom, der vor unseren Augen dahinrollt – wir sehen, wie sie aus der Vergangenheit herunterkommt, und wenn unser Blick gut informiert ist, müsste man doch zumindest die grobe Richtung ihres zukünftigen Verlaufs vorhersehen können. Für viele klingt das plausibel, doch es ist vollkommen falsch, ja sogar moralisch verfehlt. Diese Sicht der Geschichte müsste durch eine ganz andere ersetzt werden: Die Geschichte endet heute. Wir können aus ihr lernen, aber die Zukunft ist niemals eine bloße Fortführung der Vergangenheit, noch eine Extrapolation – die Zukunft existiert noch nicht.“

Emotionaler Bias

Erschwerend kommt noch der emotionale Bias hinzu. Alle unsere Aussagen sind, selbst wenn wir extrem objektiv zu sein versuchen, emotional eingefärbt. Eine Bekannte von mir berichtete von ihrer Investmentstrategie.

  • Sie hat das richtig erkannt: „Mein Bauchgefühl sagt mir: die Aktien werden noch ein wenig weiter runtergehen, bevor sie steigen.“
  • Ich fragte: „Gibt es irgendwelche Gründe?“
  • „Nein, sagte sie, „das ist Bauch! Gäbe es Gründe, wäre es ja Kopf.“
  • „Stimmt.“

Wenn ich Prognosen über die Zukunft mache, dann nur, um dir zu sagen, was ich mir wünsche oder fürchte. Amerikanische Banken wie Goldman Sachs zum Beispiel sind grundsätzlich sehr bullish bezüglich der USA, the US-Exceptionalism. Warren Buffet hat das auch durchschaut: „Forecasts may tell you a great deal about the forecaster; they tell you nothing about the future.“ („Prognosen verraten oft sehr viel über denjenigen, der sie erstellt – über die Zukunft sagen sie hingegen nichts aus.“)

Konvergenz zum Konsens

Und die Prognosen driften alle zur Konsensmeinung, alle Banken schielen darauf, was die anderen als Prognose herausgeben. Folglich oder trotz alledem gehe ich auch dieses Jahr zu den (besonders zu Beginn des Jahres) offerierten Kapitalmarktausblicken von diesen smarten Bankern und denke mir: wenn ich alles gehört und alles gelesen habe und dann alles wieder vergessen habe, was dann übrigbleibt, ist eine gute Grundlage für eine Investitions-Entscheidung.

Und eins ist jedenfalls sicher: We don’t know what the future holds, but it will definitely be more expensive. (Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt – aber sie wird definitiv teurer.)

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Prof. Dr. Ulrich Seibert

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Prof. Dr. Ulrich Seibert ist Jurist und Honorarprofessor für Wirtschaftsrecht an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Als ehemaliger Leiter des Referats für Gesellschaftsrecht, Unternehmensverfassung und Corporate Governance im Bundesministerium der Justiz hat er bis 2020 maßgeblich an zahlreichen Reformen im Gesellschaftsrecht mitgewirkt. Mit über 200 veröffentlichten Aufsätzen zählt er zu den renommierten Experten auf diesem Gebiet.

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