Technologie

Drohnenabwehr ohne Kollateralschäden: Deutsches Start-up Argus Interception entwickelt neue Soft-Kill-Technologie

Unbemannte Systeme verändern militärische und zivile Sicherheitskonzepte in Europa spürbar. Welche technologischen und politischen Antworten ergeben sich daraus für Staaten mit hohen Schutzanforderungen?
30.01.2026 16:45
Lesezeit: 3 min
Drohnenabwehr ohne Kollateralschäden: Deutsches Start-up Argus Interception entwickelt neue Soft-Kill-Technologie
Das deutsche Start-up Argus Interception setzt auf netzbasierte Drohnenabwehr, um feindliche Drohnen ohne Kollateralschäden zu neutralisieren (Foto: dpa). Foto: Marcus Golejewski

Deutsches Start-up entwickelt Drohnenabwehr mit estnischer Unterstützung

Das deutsche Verteidigungs-Start-up Argus Interception hat eine neue Lösung zur Abwehr feindlicher Drohnen entwickelt und arbeitet dabei eng mit einem estnischen Rüstungsunternehmen zusammen. Ziel ist es, unbemannte Fluggeräte in gesperrten Lufträumen unschädlich zu machen, ohne dabei Risiken für Menschen oder Infrastruktur zu verursachen.

Ein strukturelles Problem moderner Verteidigungsplanung besteht darin, dass militärische Konzepte häufig auf vergangene Konflikte ausgerichtet sind. Der Krieg in der Ukraine hat jedoch deutlich gemacht, dass Drohnen inzwischen zu den zentralen Elementen moderner Kriegsführung zählen. Gleichzeitig ist absehbar, dass sich auch diese Einsatzformen weiterentwickeln werden.

„Die Art und Weise, wie die Ukraine Drohnen einsetzt, lässt sich nicht eins zu eins übertragen, insbesondere nicht auf Deutschland“, betont Sven Steingräber, Geschäftsführer und Mitgründer von Argus Interception. Im Gespräch mit dem estnischen DWN-Partnerportal Äripäev erklärt er, Europa beginne erst langsam zu begreifen, wie tiefgreifend sich sicherheitspolitische Rahmenbedingungen verändert hätten. Künftige Konflikte würden zunehmend als Auseinandersetzungen zwischen Drohnen geführt, so Steingräber. Entscheidend sei dabei weniger die reine Hardware, sondern die Intelligenz der Software, die das jeweilige System steuert und an neue Bedrohungen anpasst.

Warum Soft-Kill-Ansätze politisch an Bedeutung gewinnen

Argus Interception wurde im Jahr 2022 gegründet, als Russland seinen Angriff auf die Ukraine massiv ausweitete. Vier Studenten der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg, darunter Steingräber, entwickelten das Unternehmen mit dem Ziel, kleine Flugobjekte abzufangen, die in verbotene Lufträume eindringen. Im Mittelpunkt stand dabei von Beginn an der Schutz des zivilen Raums. Der Abschuss von Drohnen gilt als wirtschaftlich ineffizient, da Raketen deutlich teurer sind als ihre Ziele. Zudem entsteht durch herabfallende Trümmerteile ein unmittelbares Sicherheitsrisiko für Menschen und Gebäude.

„In Deutschland darf es bei der Drohnenabwehr keinen Kollateralschaden geben, insbesondere nicht über Schulen oder anderen sensiblen Einrichtungen“, erklärt Steingräber. Aus diesem Grund sind die Abfangdrohnen von Argus nicht bewaffnet, sondern mit einem Netz ausgestattet, das das Ziel kontrolliert außer Gefecht setzt. Im Einsatz wird die Drohne nahe eines zu schützenden Areals positioniert und startet automatisch bei einem Sensoralarm. Sie fliegt auf das Ziel zu und wirft mittels Druck ein Netz aus. Ein explosionsfreier Auslösemechanismus ist dabei ein zentraler Bestandteil des Designs.

Politische Abwägungen zwischen Soft-Kill und Hard-Kill

Steingräber verweist auf die politische Dimension der Unterscheidung zwischen Soft-Kill und Hard-Kill. Während Soft-Kill das kontrollierte Herunterholen einer Drohne beschreibt, steht Hard-Kill für deren Abschuss, der insbesondere im zivilen Umfeld als hochproblematisch gilt.

Ein Abschuss in der Nähe eines Flughafens werde schnell zu einem landesweiten Thema. Das Einfangen einer Drohne mit einem Netz hingegen bleibe meist eine lokale Meldung. Diese Differenz sei für politische Entscheidungsträger von erheblicher Bedeutung. Der Soft-Kill-Ansatz trage dazu bei, sicherheitsrelevante Vorfälle auf niedrigeren Eskalationsstufen zu halten. Dadurch ließen sich nicht nur rechtliche Risiken reduzieren, sondern auch politische Spannungen vermeiden.

Zusammenarbeit mit der estnischen Verteidigungsindustrie

Argus Interception arbeitet seit mehreren Jahren mit dem estnischen Verteidigungsunternehmen Defsecintel zusammen. Beide Unternehmen präsentierten ihre Technologien bereits vor zwei Jahren gemeinsam auf Fachmessen und führten seither verschiedene Demonstrationsprojekte durch. Nach Angaben von Getter Oper, Strategie- und Kommunikationsleiterin bei Defsecintel, ist die Abfangdrohne von Argus in das eigene System Eirshield integriert. Dabei handelt es sich um ein mobiles Kurzstrecken-Luftverteidigungssystem, das Funkverbindungen stört und unbekannte Drohnen neutralisiert.

Defsecintel kooperiere mit zahlreichen Start-ups aus dem In- und Ausland. Langfristige Partnerschaften entstünden jedoch nur mit Unternehmen, deren Produkte sich kontinuierlich weiterentwickelten und im praktischen Einsatz bewährten. Argus erfülle diese Anforderungen in besonderem Maße. Das System habe sich als zuverlässig erwiesen und lasse sich flexibel in bestehende Drohnenabwehrstrukturen integrieren.

Software als Kern der technologischen Weiterentwicklung

Nach Einschätzung Steingräbers liegt der entscheidende Vorteil der Abfangdrohne in der Software, die den autonomen Flug steuert. Da sich Bedrohungslagen und Gegenmaßnahmen ständig verändern, betrage ein typischer Entwicklungszyklus weniger als zwei Monate.

Wenn sich die Art der Bedrohung ändere, könne die Anpassung häufig über ein reines Software-Update erfolgen. Die Hardware bleibe dabei unverändert, was Entwicklungszeiten und Kosten reduziere. Technisch sei das System bereits heute in der Lage, den gesamten Einsatz autonom durchzuführen. Aufgrund der deutschen Rechtslage müsse jedoch weiterhin ein Mensch die finale Entscheidung treffen.

Zivile Einsatzfelder und strategische Perspektiven

Argus Interception wurde vollständig aus eigenen Mitteln aufgebaut und hat bislang kein Risikokapital aufgenommen. Finanzielle Engpässe gebe es nicht, da die Nachfrage nach Drohnenabwehrsystemen hoch sei. In Deutschland zählen Polizei und Bundeswehr zu den Partnern des Unternehmens. Als Zielmarkt sieht Argus jedoch das gesamte NATO-Gebiet, insbesondere Staaten an den östlichen Außengrenzen des Bündnisses.

Steingräber misst zugleich dem zivilen Einsatz großes Potenzial bei. Insbesondere an Flughäfen könnten Staaten erhebliche Kosten sparen, wenn Drohnenstörungen schnell und kontrolliert beseitigt würden. Besonders wertvoll seien Einsätze gegen spionierende Drohnen. Da diese Systeme nicht zerstört werden, könnten sie anschließend technisch analysiert und ausgewertet werden.

Welche Bedeutung diese Entwicklung für Deutschland hat

Für Deutschland zeigt das Beispiel Argus Interception, wie sicherheitspolitische Innovation zunehmend aus der Verbindung von Softwarekompetenz, rechtlichen Vorgaben und europäischer Kooperation entsteht. Die Zusammenarbeit mit estnischen Partnern verdeutlicht zudem die wachsende Bedeutung grenzüberschreitender Rüstungsprojekte. Angesichts zunehmender Bedrohungen im zivilen und militärischen Luftraum gewinnt die Fähigkeit zur kontrollierten Drohnenabwehr auch für deutsche Infrastrukturbetreiber und Sicherheitsbehörden strategisch an Gewicht.

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