Politik

Machtverschiebung in Syrien: Rückzug der Kurden und Neuausrichtung der USA

Der Rückzug der Kurden aus Nordostsyrien markiert eine strategische Zäsur und verschiebt das Machtgefüge zwischen Damaskus und Washington. Welche Interessen prägen den neuen US-Kurs in Syrien und welche Rolle spielt Energiepolitik dabei?
22.01.2026 16:13
Lesezeit: 2 min
Machtverschiebung in Syrien: Rückzug der Kurden und Neuausrichtung der USA
Der Rückzug der Kurden aus Nordostsyrien verändert das Machtgefüge in Syrien, während die USA ihre politische und strategische Rolle in der Region neu ausrichten (Foto: dpa) Foto: Susannah George

Kurden verlassen Nordostsyrien und beenden ein Jahrzehnt der Autonomie

Der Nordosten Syriens tritt in eine neue Phase politischer und wirtschaftlicher Konsolidierung ein. Die kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte SDF, lange Zeit zentraler Verbündeter der USA im Kampf gegen den Islamischen Staat, ziehen sich nach mehrtägigen Gefechten aus den Städten Rakka und Deir ez-Zor zurück. In diesen Regionen konzentrieren sich die wichtigsten Öl- und Gasvorkommen des Landes.

Mit dem Rückzug endet faktisch die kurdische Selbstverwaltung im Nordosten. Die Kontrolle übernimmt die Regierung von Präsident Ahmed al-Schara, einem früheren islamistischen Kommandeur, der im syrischen Bürgerkrieg Einheiten von Al Kaida führte und nach dem Sturz von Baschar al-Assad Ende 2024 zur zentralen Figur der neuen Macht in Damaskus aufstieg.

Washingtons Kurswechsel und das Ende der militärischen Sonderrolle

Der Abzug der Kurden folgt einem klaren Wandel der amerikanischen Politik. Washington forderte die SDF auf, sich in die staatlichen Strukturen Syriens zu integrieren. Die Führung in Damaskus verlangt dabei die vollständige Eingliederung der kurdischen Kämpfer in die regulären Streitkräfte, nicht als geschlossene Verbände, sondern als einzelne Soldaten.

Damit endet eine mehr als zehn Jahre währende militärische Unterstützung der kurdischen Autonomie durch die USA. Der Schritt markiert einen strategischen Bruch mit der bisherigen Praxis, lokale Milizen als eigenständige Machtfaktoren zu stützen, und stärkt zugleich die zentrale Kontrolle des syrischen Staates über den Nordosten des Landes.

Sicherheitsrisiken und Machtübernahme durch Damaskus

Die Folgen des Rückzugs waren unmittelbar spürbar. Aus dem Gefängnis von Schaddadi entkamen mehrere Hundert Kämpfer des Islamischen Staates, von denen ein Teil später von der syrischen Armee erneut festgenommen wurde. Der Vorfall machte die sicherheitspolitischen Risiken eines raschen Kontrollwechsels deutlich.

Gleichzeitig eröffnete er Damaskus die Möglichkeit, die Kontrolle über Gefängnisse, Grenzübergänge und vor allem über die strategisch wichtige Energieinfrastruktur zu übernehmen. Damit festigt die neue Führung nicht nur ihre politische Autorität, sondern auch ihren Zugriff auf zentrale wirtschaftliche Ressourcen.

Trump unterstützt neue Führung und relativiert das Kurdenbündnis

US-Präsident Donald Trump stellte sich in den vergangenen Tagen öffentlich hinter Präsident al Schara. Er betonte die Notwendigkeit einer Stabilisierung Syriens, insbesondere mit Blick auf die inhaftierten Kämpfer des Islamischen Staates. Zugleich relativierte er das Bündnis mit den Kurden deutlich.

Trump erklärte, die kurdischen Kräfte hätten vor allem im eigenen Interesse gehandelt und seien für ihre Zusammenarbeit großzügig entlohnt worden, unter anderem durch den Zugang zu Öl. Über die Lage in Syrien sprach er auch mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der die SDF als Terrororganisation einstuft.

Energieinteressen als treibende Kraft der Neuordnung

Hinter der sicherheits- und machtpolitischen Neuordnung tritt zunehmend ein wirtschaftliches Motiv hervor. Im November 2025 unterzeichnete der US-Konzern ConocoPhillips mit der staatlichen syrischen Ölgesellschaft ein Memorandum of Understanding zur Zusammenarbeit bei der Entwicklung von Öl- und Gasfeldern.

Auch wenn das Abkommen noch keinen unmittelbaren Produktionsbeginn vorsieht, gilt es als erstes konkretes Signal für eine Rückkehr amerikanischen Kapitals in den syrischen Energiesektor. Für Washington ist die Übergabe der Kontrolle an Damaskus damit nicht nur eine sicherheitspolitische Entscheidung, sondern Teil einer pragmatischen Kalkulation.

Stabilisierung Syriens und energiepolitische Implikationen für Europa

Eine zentral geführte und stabilisierte syrische Staatsordnung gilt aus US-Sicht als Voraussetzung für die wirtschaftliche Nutzung von Energiequellen, die jahrelang durch Krieg, Sanktionen und lokale Milizen blockiert waren. Diese Entwicklung hat auch für Europa Bedeutung.

Für Deutschland stellt sich die Frage, wie sich eine mögliche Wiederanbindung Syriens an internationale Energiemärkte auf die langfristige Diversifizierung der Energieversorgung auswirken könnte. Während kurzfristig keine direkten Lieferbeziehungen absehbar sind, unterstreicht der Fall, wie eng geopolitische Stabilisierung, amerikanische Wirtschaftsinteressen und die künftige Energiearchitektur Europas miteinander verflochten bleiben.

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