Zuerst-zum-Hausarzt-Reform: Das steckt dahinter
Wie rasch kommt man zu einer Orthopädin oder zu einem Hautarzt? Oft müssen gesetzlich Versicherte darauf viele Wochen warten. Für verlässlichere Termine bei Fachärztinnen und Fachärzten soll nach Vorstellungen der schwarz-roten Koalition künftig eine klarere Patientensteuerung sorgen. Und zwar nach dem Grundsatz: in der Regel zunächst in die Hausarztpraxis. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) lädt am Dienstag zum Auftakt eines Dialogs mit Beteiligten von Ärztevertretungen bis hin zu den Krankenkassen. Die oppositionellen Grünen erkennen großes Potenzial, warnen jedoch vor zusätzlichen Belastungen.
Union und SPD wollen laut Koalitionsvertrag ein verbindliches Primärarztsystem etablieren, bei dem Patienten primär – also zuerst – eine Hausarztpraxis aufsuchen. Diese überweist dann bei Bedarf und mit einem Termin innerhalb eines definierten Zeitraums an Fachärztinnen und Fachärzte. Gelingt dies dort nicht, soll auch der Gang zu Fachärzten in einer Klinik möglich sein. Das soll eine "Termingarantie" darstellen. Bei Kindern sollen Kinderärzte die erste Anlaufstelle bleiben. Ziel ist eine effizientere Versorgung sowie weniger unnötige Mehrfachuntersuchungen durch das Primärarztsystem und das Erst-zum-Hausarzt-Prinzip im Rahmen der Zuerst-zum-Hausarzt-Reform.
Die offenen Fragen beim Erst-zum-Hausarzt-Prinzip
Wie das System konkret ausgestaltet wird, ist bislang offen. Warken will hierzu zunächst einen Fachdialog beginnen. Laut Koalitionsvertrag sollen Termine bei Frauen- und Augenärzten vom Erst-zum-Hausarzt-Prinzip ausgenommen sein. Für Patienten mit bestimmten schweren chronischen Erkrankungen sollen "geeignete Lösungen" gefunden werden – etwa Jahresüberweisungen oder die Möglichkeit, dass ein Fachinternist die Rolle eines steuernden Primärarztes im Primärarztsystem übernimmt.
Ein großer Umbau
Der geplante Umbau zählt zu den größten Projekten dieser Wahlperiode und greift in ein hochkomplexes Gefüge ein: 578 Millionen Behandlungsfälle und eine Milliarde Kontakte von Patienten zu Fach- und Hausärzten verzeichnet die Kassenärztliche Bundesvereinigung pro Jahr in den bundesweit 98.500 Praxen. Warken strebt im Sommer einen ersten Referentenentwurf für ein Gesetz an. "Greifen wird die Primärversorgung aber erst im Laufe des Jahres 2028", erklärte sie in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Die Zuerst-zum-Hausarzt-Reform soll dann schrittweise wirksam werden.
Instrumente der Steuerung
Grundsätzlich gilt in Deutschland die freie Arztwahl, und diese soll bestehen bleiben. Viele Patienten gehen bereits heute zuerst zum Hausarzt und anschließend mit Überweisung zur Weiterbehandlung oder genaueren Untersuchung zu Spezialisten. Verpflichtend sind Überweisungen bislang jedoch nicht, sondern nur für einzelne Fachrichtungen wie Radiologen. Damit das neue System Akzeptanz findet, werden Instrumente diskutiert: etwa ein Bonus bei Einhaltung des Weges oder eine Gebühr, wenn Patienten direkt einen Facharzt aufsuchen. Auch dies ist Teil der Zuerst-zum-Hausarzt-Reform.
Digitale Ersteinschätzung
Geplant ist zudem eine Art Lotsenstelle, bevor Patienten überhaupt eine Praxis aufsuchen. Laut Koalitionsvertrag soll "die flächendeckende Möglichkeit einer strukturierten Ersteinschätzung über digitale Wege in Verbindung mit Telemedizin" entstehen. Konzepte existieren bereits. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) schlug vor, dass Versicherte beispielsweise in einer Kassen-App ihre Beschwerden eingeben und erfahren, ob ein Arztbesuch nötig ist oder eine Apotheke helfen kann. Vorgesehen wäre demnach auch eine neutrale Plattform mit verfügbaren Praxisterminen im Rahmen des Primärarztsystems.
Voraussetzungen für den Erfolg
Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen sagte, ein gut umgesetztes Primärsystem sei längst überfällig, da es die Versorgung deutlich verbessern könne. Es brauche jedoch ein Modell, das Haus- und Kinderarztpraxen dauerhaft stärke, statt sie zusätzlich zu belasten. "Weder eine Termin-App allein noch eine bloße Pflicht ohne Entlastung bringt bessere Versorgung." Andernfalls würden Hausärzte zu "Türstehern und bürokratischen Überweisungsstellen". Warteschlangen und Frust wären die Folge. Erforderlich seien vielmehr mehr Zeit, mehr Personal und stärkere Teamversorgung, damit die Zuerst-zum-Hausarzt-Reform und das Erst-zum-Hausarzt-Prinzip im Primärarztsystem funktionieren.
Balanceakt im Gesundheitssystem
Die Zuerst-zum-Hausarzt-Reform markiert einen tiefen Einschnitt in die bisherige Versorgungsstruktur. Das Primärarztsystem und das Erst-zum-Hausarzt-Prinzip versprechen eine gezieltere Patientensteuerung und kürzere Wartezeiten bei Fachärzten. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass Haus- und Kinderarztpraxen ohne ausreichende personelle und organisatorische Stärkung an ihre Grenzen geraten. Digitale Ersteinschätzungen und neue Steuerungsinstrumente könnten helfen, reichen aber allein nicht aus. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, Entlastung und Verbindlichkeit in Einklang zu bringen. Nur dann kann die Reform langfristig zu besserer Versorgung und höherer Akzeptanz führen.


