Europäische Gaspreise fallen um fast 20 Prozent
Die Preise für Erdgas in Europa sind dem allgemeinen Rückgang an den Rohstoffmärkten gefolgt. Mit Beginn des neuen Monats gaben sie um 19 Prozent nach, da die Risikobereitschaft an den Märkten nachließ und mittelfristige Wetterprognosen erste Anzeichen eines beginnenden Frühlings zeigten.
Am Montag fiel der Preis für Erdgas mit Lieferung im kommenden Monat am niederländischen Handelspunkt TTF um 14,6 Prozent. Auslöser war das Auslaufen des Handels mit Februarkontrakten und der Übergang zum Handel mit Terminkontrakten für März.
Ein Großteil der langfristigen Gaslieferverträge in Europa ist an diesen Preisindex gekoppelt, darunter auch zahlreiche Verträge in Litauen. Die Preisbewegung hat daher unmittelbare Bedeutung für weite Teile des europäischen Gasmarktes.
Deutlicher Preisrutsch nach kurzfristigem Hoch
Der Gaspreis sank zunächst auf 33,555 Euro je Megawattstunde, nachdem er zum Ende der Vorwoche noch die Marke von 40 Euro je Megawattstunde erreicht hatte. Am Dienstagmorgen setzte sich der Rückgang fort, als die Preise um weitere 6,5 Prozent auf 31,745 Euro je Megawattstunde fielen.
Damit verbilligte sich Erdgas innerhalb von etwas mehr als einer Handelssitzung um insgesamt 19,2 Prozent. Gleichzeitig liegen die Preise deutlich unter dem Niveau des Vorjahreszeitraums, als Erdgas fast 40 Prozent teurer gehandelt wurde. Zuletzt waren Gaspreise zu Beginn eines Februars im Jahr 2024 auf einem vergleichbar niedrigen Niveau. Der aktuelle Preisrückgang fällt somit auch im historischen Vergleich ins Gewicht.
Markt reagiert kaum auf niedrige Speicherstände
Diese Preisentwicklung hält trotz anhaltender Berichte über niedrige Füllstände der europäischen Gasspeicher an. Wie bereits berichtet, liegen die Speicherstände derzeit auf dem niedrigsten Niveau seit dem Krisenjahr 2022. Im europäischen Durchschnitt sind die Gasspeicher zu 41,13 Prozent gefüllt. Analysten zufolge entspricht dies rund 130 LNG-Ladungen weniger als zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres.
Dennoch richten sich die Erwartungen der Marktteilnehmer weniger auf die Speicherstände als auf die Aussicht auf milderes Wetter und ein wachsendes Angebot an verflüssigtem Erdgas. Diese Faktoren dominieren derzeit die Preisbildung.
Wetterprognosen und geopolitische Entspannung stützen Preise
Modelle des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersagen zeigen, dass die kältere als übliche Wetterlage in Nord- und Teilen Nordwesteuropas im März voraussichtlich wieder auf historische Durchschnittswerte zurückkehren wird.
Brendan A’Hearn, Gasmarktexperte des Energieanalyse- und Beratungsunternehmens ICIS, verweist auf drei zentrale Einflussfaktoren. Dazu zählen die allgemein sinkende Risikobereitschaft an den Rohstoffmärkten nach dem starken Preisrutsch am Wochenende und zu Wochenbeginn, nachlassende geopolitische Spannungen zwischen den USA und Iran sowie Phasen milderen Wetters.
Zusätzlich wird ein Teil der ungewöhnlich starken Preisschwankungen der sogenannten Papiermarkt-Dynamik zugeschrieben. Gemeint sind Positionsanpassungen von Hedgefonds, die kurzfristig erhebliche Ausschläge an den Terminmärkten verursachen können.
Terminkurve signalisiert Nervosität für den Spätwinter
A’Hearn weist darauf hin, dass der Preisrückgang im hinteren Teil der Terminkurve stärker ausgefallen ist. Die Preise für März gaben schneller nach als jene für April oder für das gesamte zweite Quartal, also in dem Zeitraum, in dem sich ein Großteil der Liquidität und der Risikoprämien konzentriert.
Dies deutet darauf hin, dass weiterhin Sorgen bestehen: Ein sehr kalter Februar könnte die Gasspeicher in Deutschland auf einstellige Füllstände drücken. In diesem Fall könnten die Gaspreise im weiteren Verlauf des Winters erneut anziehen.
Gleichzeitig betonen Marktbeobachter, dass keine akute Gefahr eines physischen Gasmangels bestehe. Entlastend wirkt zudem die Lage in den USA, wo eine Wintersturmserie, die den Gasexport zeitweise beeinträchtigt hatte, inzwischen abgeklungen ist.
Zusätzliche LNG-Kapazitäten aus den USA in Sicht
Das Beratungsunternehmen Wood Mackenzie meldete bereits zum Ende der vergangenen Woche, dass mithilfe von Wärmebildkameras erstmals Aktivität an der ersten Verflüssigungslinie des LNG-Projekts Golden Pass in Texas festgestellt wurde. Die Anlage befindet sich im Bau und soll nach Inbetriebnahme bis zu 234,5 Gigawattstunden Gas pro Tag liefern können.
Das von ExxonMobil und QatarEnergy entwickelte Exportprojekt war bereits im vergangenen Jahr vom Markt erwartet worden. Die nun sichtbaren Fortschritte gelten als positives Signal für europäische Gaskunden.
Auch Bloomberg New Energy Finance geht davon aus, dass das Angebot an verflüssigtem Erdgas ausreichen wird. Nach Einschätzung von BNEF dürfte die zusätzliche LNG-Menge, vor allem aus den USA, im Sommer genügen, um die europäischen Speicher wieder aufzufüllen, erklärte die Analystin Olympe Mattei d’Ornano.
Auswirkungen auf Deutschland und den Energiemarkt
Für Deutschland bedeutet die aktuelle Entwicklung eine vorübergehende Entlastung bei den Energiekosten, insbesondere für Industrie und Versorger, die stark vom europäischen Gaspreis abhängen. Gleichzeitig bleibt die Lage fragil, da niedrige Speicherstände und witterungsbedingte Risiken weiterhin Einfluss auf die Preisentwicklung nehmen können.
Entscheidend für den deutschen Energiemarkt wird sein, ob das zusätzliche LNG-Angebot rechtzeitig und in ausreichendem Umfang verfügbar ist, um die Versorgungssicherheit auch im weiteren Jahresverlauf zu stabilisieren.


