So behalten Sie in turbulenten Börsenzeiten die Nerven
Kurse abgestürzt? Wer in solchen Momenten die Kontrolle verliert, zahlt dafür meist finanziell einen hohen Preis – deshalb sollten Anlegerinnen und Anleger möglichst ruhig bleiben. Diese fünf Tipps können dabei helfen.
Wenn die Kurse deutlich nachgeben, werden viele Anlegerinnen und Anleger nervös. Denn dort, wo im Depot zuvor noch erfreuliche Gewinne angezeigt wurden, bleibt plötzlich kaum noch etwas davon übrig. In der Theorie wissen Verbraucherinnen und Verbraucher zwar, dass es an den Börsen immer wieder Abschwünge geben kann. Wenn das hart ersparte Geld jedoch gefühlt sprichwörtlich durch die Hände rutscht, fällt es dennoch vielen schwer, wirklich gelassen zu bleiben.
"Diese Nervosität entsteht auch deshalb, weil viel Irrglaube darüber besteht, was man tatsächlich beeinflussen kann und was nicht", sagt Finanzprofessor Andreas Hackethal von der Universität Frankfurt. Erst vor Kurzem veröffentlichte er das Finanzratgeber-Buch "Dein Financial Lifestyle Code", in dem Anlegerinnen und Anleger Strategien kennenlernen können, um Impulse zu kontrollieren und finanzielle Fehlentscheidungen zu vermeiden.
Doch wie gelingt es konkret, ruhig zu bleiben, wenn Börsenkurse sinken und der Wert des eigenen Depots immer weiter nachgibt? Diese fünf Tipps können helfen:
Tipp 1: Den Nachrichtenstrom begrenzen
Andreas Hackethals erster Rat lautet: Abstand nehmen vom ständigen Strom an Informationen über Themen wie den täglichen Goldpreis, die Entwicklung einzelner Aktien oder ETFs oder politische Turbulenzen, die Auswirkungen auf das Depot haben könnten. "Auf solche Marktmechanismen kann ich als Privatanleger ohnehin keinen Einfluss nehmen", sagt Hackethal. "Schwankungen sind normal und dürfen mir nicht die Gelassenheit nehmen."
Hinzu kommt, dass der Verhaltensökonom Prof. Matthias Weber von der Universität St. Gallen beobachtet, dass viele Privatanleger den Informationen, die sie erhalten, zu viel Gewicht geben. "Wenn ein Laie von bestimmten Entwicklungen liest, sind diese meist bereits in den aktuellen Aktienkursen eingepreist", sagt Weber. Wer dennoch aktiv werde – etwa indem er Anteile verkauft –, müsse in der Regel auch hohe Transaktionskosten in Kauf nehmen.
Da sich ein tagesaktuelles Reagieren auf Marktentwicklungen für Privatanleger aus diesen Gründen meist nicht lohnt, rät Volkswirtschaftler Markus Demary vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln ebenfalls davon ab, täglich die Bewegungen im eigenen Depot zu verfolgen. Das gelte besonders dann, wenn einen diese Schwankungen beunruhigen. "Wer Interesse daran hat und dabei ruhig bleibt, kann es natürlich trotzdem tun", sagt Markus Demary.
Tipp 2: Verluste ins Verhältnis zum Gesamtvermögen setzen
Wenn die Kurse um 10, 20 oder sogar 30 Prozent sinken, fallen auch die Buchverluste im Depot entsprechend hoch aus. Allerdings gilt: "In Aktien haben die meisten ohnehin nur einen kleinen Teil ihres tatsächlichen Gesamtvermögens investiert", sagt Andreas Hackethal. Denn die eigene Arbeitskraft – auch Humankapital genannt – wird von Börsenturbulenzen ebenso wenig beeinflusst wie Rentenansprüche, Bankguthaben, Versicherungen oder Immobilien. "Wenn ich mir das bewusst mache, reduziert das meine prozentualen Vermögenseinbußen deutlich und ich kann gelassener auf Börsenverluste reagieren", erklärt der Finanzprofessor.
Voraussetzung dafür ist allerdings ein durchdachtes Gesamtkonzept für die Geldanlage. "Wenn ich sehr viel Geld in Aktien investiert habe und es möglicherweise kurzfristig brauche, etwa weil mein Auto kaputtgeht, dann ist es verständlich, dass jemand in Panik gerät, wenn die Börse einbricht", sagt Markus Demary.
Für Privatanleger kann das ein guter Moment sein, die gesamte Anlagestrategie zu überdenken – und Risiken zu reduzieren, indem man breiter streut. Einen Teil der Ersparnisse in festverzinsliche Anlageformen wie Tages- oder Festgeld zu investieren, kann den Puls möglicherweise beruhigen.
Tipp 3: Risiken realistisch einschätzen
Solange man im eigenen Portfolio weiterhin auf Aktien setzt, gehört Andreas Hackethal zufolge auch die Erkenntnis dazu: Mit Aktien lassen sich langfristig höhere Renditen erzielen als mit einem Sparbuch. Mit der Chance auf höhere Gewinne steigt jedoch immer auch das Risiko von Kursschwankungen. "Das ist der Deal – darüber muss ich mich nicht ständig ärgern oder mich jedes Mal verrückt machen, wenn im Depot ein rotes Minus auftaucht", sagt Andreas Hackethal.
Trotzdem lässt sich dieses Risiko reduzieren: "Ich wähle ein möglichst breit gestreutes Portfolio und Produkte mit geringen Gebühren", sagt Matthias Weber. Beides erreiche man bei klassischen Welt-ETFs, also börsengehandelten Indexfonds, die große Aktienindizes nachbilden. "Für Privatanleger sind das die besten Standardprodukte, und darum muss ich mich dann auch nicht ständig kümmern", sagt Weber.
Dass es innerhalb eines solchen Portfolios immer wieder Schwankungen einzelner Aktien gebe, könne für Anleger sogar beruhigend sein, erklärt Andreas Hackethal. "Wenn ein Teil rot und ein Teil grün aufleuchtet, zeigt das, dass ich breit diversifiziert bin. Und das reduziert insgesamt mein Risiko."
Tipp 4: Die Einnahmen im Blick behalten
Mit Aktien-ETFs lassen sich langfristig gute Renditen erzielen. Aufgrund der Marktmechanismen können Privatanleger daran allerdings persönlich nur wenig verändern, um schneller mehr Geld zu verdienen. Ganz anders sieht es dagegen auf der persönlichen Einnahmeseite aus.
"Wer finanziell mehr Spielraum haben möchte, sollte eher über den nächsten Karriereschritt nachdenken oder vielleicht sein Arbeitspensum von Teilzeit auf Vollzeit erhöhen", sagt Andreas Hackethal. Höhere Einnahmen könnten auch zu mehr finanzieller Gelassenheit führen. "Was sich dagegen sicher nicht lohnt, ist, das Arbeitspensum zu reduzieren, um stattdessen mit Aktien zu handeln", so Hackethal weiter.
Tipp 5: Sich auf das Kontrollierbare konzentrieren
"Reich wird man nicht durch das, was man verdient, sondern durch das, was man nicht ausgibt", sagte bereits der amerikanische Industrielle Henry Ford und betonte damit die Bedeutung von Sparsamkeit für die eigene finanzielle Situation.
Um zu prüfen, ob man im Rahmen der eigenen Möglichkeiten ausreichend spart, empfiehlt Matthias Weber die 50-30-20-Regel: Sie besagt, dass 50 Prozent des Einkommens für notwendige Ausgaben wie Miete, Versicherungen und Lebensmittel verwendet werden können und 30 Prozent für Dinge wie Freizeitaktivitäten oder Anschaffungen, die das Leben angenehmer machen. Die restlichen 20 Prozent sollten gespart werden. "Es lohnt sich, regelmäßig zu prüfen, ob diese Sparquote noch passt", sagt Matthias Weber. "Falls ich einen Sparplan habe, kann ich auch immer wieder überprüfen, ob ich die Raten dort entsprechend anpassen kann", sagt Matthias Weber.
Wer Einnahmen und Ausgaben sowie die eigene Sparquote im Blick behält, hat eine gute Kontrolle über seine persönlichen Finanzen – und damit über die Dinge, die sich tatsächlich selbst beeinflussen lassen. So aufgestellt kann man Hackethal zufolge deutlich gelassener bleiben, wenn es an den Börsen turbulenter wird, und lässt sich weniger zu übereilten Entscheidungen verleiten. Das spart Stress – und kann langfristig zu einer besseren Rendite führen.
Börsencrash? Gelassenheit ist an der Börse oft die beste Strategie
Wer langfristig an den Börsen investiert, muss immer wieder mit Schwankungen rechnen. Sinkende Kurse lösen zwar schnell Nervosität aus, doch überstürzte Entscheidungen führen häufig zu unnötigen Verlusten. Wichtiger ist es, die eigenen Finanzen ganzheitlich zu betrachten, Risiken realistisch einzuschätzen und ein breit gestreutes Portfolio aufzubauen. Auch persönliche Faktoren wie Einkommen, Sparquote und finanzielle Planung spielen eine größere Rolle für den Vermögensaufbau als kurzfristige Marktbewegungen. Wer sich auf diese Aspekte konzentriert und den täglichen Nachrichtenstrom relativiert, kann auch in turbulenten Börsenphasen deutlich ruhiger bleiben. Genau diese Gelassenheit hilft Anlegern langfristig, bessere Entscheidungen zu treffen.


