Politik

Wie denken Jugendliche über die Zukunft Deutschlands? Jugendstudien geben ernüchternde Antworten

Persönliche Freiheitsrechte, Wirtschafts- und Energiekrise, Wohnraummangel, Rente und Pandemien. Die psychischen Belastungen bei jungen Menschen sind auf einen Höchststand gestiegen. Jugendliche sind zunehmend besorgt über ihre eigene Zukunft in Deutschland. Immer mehr denken ans Auswandern und sehen ihre Zukunft nicht im Heimatland.
03.04.2026 21:22
Lesezeit: 3 min
Wie denken Jugendliche über die Zukunft Deutschlands? Jugendstudien geben ernüchternde Antworten
„Jugend in Deutschland 2026“-Studie: Ein Fünftel der jungen Generation gibt an, konkrete Pläne zu haben, aus Deutschland wegzuziehen, um im Ausland bessere Lebensbedingungen zu finden. (Foto: dpa) Foto: Fernando Gutierrez-Juarez

Wie denken Jugendliche über die Zukunft Deutschlands? Jugendstudien geben ernüchternde Antworten

Die anhaltenden Krisen und Konflikte hinterlassen Spuren: Die Sorgen der Jugend wachsen, die Zuversicht auf bessere Zeiten sinkt drastisch. Das belegt eine der Krankenkasse Barmer. Jedes Jahr befragt die Krankenkasse Barmer in der Sinus-Jugendstudie bundesweit rund 2.000 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren zu aktuellen Themen. Die Ergebnisse der aktuellen und repräsentativen Studie, die im vergangenen Herbst erstellt wurde, zeigen: Die Sorgen der Jugendlichen auch um die Zukunft Deutschlands haben abermals zugenommen.

Zukunft der Welt: Nur 36 Prozent optimistisch

So gaben 56 Prozent der befragten Jugendlichen an, „eher pessimistisch“ auf die Zukunft der Welt zu schauen. 2021, ein Jahr vor Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine, lag dieser Wert noch bei 49 Prozent. Optimistisch, was die Zukunft der Welt angeht, äußern sich nur 36 Prozent der Befragten. 2021 lag dieser Wert bei 44 Prozent. Mädchen blicken dabei pessimistischer auf die Zukunft der Welt als Jungen. Sie antworteten auf die Frage nach der Zukunft der Welt im Durchschnitt fünf Prozentpunkte pessimistischer als Jungen.

Auch Altersunterschiede sind festzustellen: Die 16- bis 17-Jährigen sind pessimistischer eingestellt als die 14- bis 15-Jährigen. Besonders stark hat auch in dieser Altersgruppe laut der Umfrage die Sorge um den Standort Deutschland zugenommen. Eine Mehrheit von 56 Prozent der Jugendlichen gab an, nicht optimistisch in die Zukunft Deutschlands zu blicken. Acht Prozent davon sind sogar ganz und gar nicht optimistisch.

Am meisten Sorgen bereitet den Befragten derzeit das Thema Krieg (63 Prozent), gefolgt von den Bereichen Klimawandel (43 Prozent), Populismus und Extremismus beziehungsweise Umweltverschmutzung (je 43 Prozent).

Zukunft Deutschlands: Alle Gruppen pessimistisch

Die Skepsis um die Zukunft Deutschlands hat dabei in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Nur 44 Prozent äußerten sich bei einer Befragung für die Sinus-Jugendstudie 2025/2026 optimistisch. Im Jahr 2021 gaben noch 62 Prozent der Jugendlichen an, optimistisch in die Zukunft Deutschlands zu blicken. In der aktuellen Befragung ist dieser Wert nun um 18 Prozent zurückgegangen. Dabei gaben 23 Prozent an, dass ihnen die Arbeitsplatzsuche Sorgen bereitet und 19 Prozent die Ausbildung.

In der Frage zur Zukunft Deutschlands zeigen sich dabei auch die formal Niedriggebildeten nicht optimistischer als der Rest. Alle Gruppen sind in dieser Frage mehrheitlich pessimistisch gestimmt.

Zukunftssorgen: Themen und Sorgenpotenzial

Freiheitseinschränkungen, Wirtschaftskrisen und Wohnraumnot stehen dieses Jahr laut der Sinus-Jugendstudie 2025/2026 gleich stark im Sorgenfokus. Krankheiten und Pandemien sind zu einem Hintergrundrauschen geworden:

  • 28% der Jugendlichen machen sich geschlechts- und altersunabhängig große Sorgen wegen möglicher Einschränkungen der persönlichen Freiheit (plus drei Prozentpunkte zu 2024).
  • Wirtschaftskrisen sind ebenfalls für 28% der Jugendlichen Grund für große Besorgnis (2024: 29%; 2023: 30%). Es zeigen sich dabei kaum Bildungs- oder Geschlechtseffekte.
  • Wohnraumnot scheint derzeit wieder etwas mehr Grund für Sorgen darzustellen als 2024. So messen 28% der Jugendlichen (2024: 26%; 2023: 28%; 2022: 23%) dem Thema großes Sorgenpotenzial bei.
  • Über mögliche Energiekrisen machen sich heute noch 23% der Jugendlichen (2023: 31%; 2022: 44%) starke Sorgen. − Dabei ergeben sich keine Geschlechts- oder Altersschwerpunkte.
  • Das Thema Krankheiten und Pandemien ist rückläufig und löst aber noch bei 23% der Jugendlichen große Zukunftssorgen aus (2024 und 2023: 27%; 2022: 28%). Fast ebenso viele zeigen sich nicht besorgt (22%).

Eigene Zukunft: Größtenteils optimistisch

Trotz der sinkenden Zuversicht auf die Lage Deutschlands und der Welt bewerten Jugendliche ihre eigene Zukunft größtenteils optimistisch. So gaben 80 Prozent der befragten Jugendlichen an, optimistisch in die eigene Zukunft zu blicken. 20 Prozent der Befragten zeichnen hingegen ein negatives Bild der eigenen Zukunft.

Vier Fünftel der Jugendlichen vertrauen somit weiterhin darauf, dass sie ihre persönlichen Ziele erreichen werden. Dieser Wert ist seit dem Jahr 2021, trotz des Ukraine-Kriegs, weitgehend konstant geblieben. Auch hängt dieser Wert nicht mit dem Geschlecht zusammen und kaum mit dem Bildungsgrad. "Jugendliche trennen offenbar zwischen einer unsicheren und schwer beeinflussbaren Welt und ihrer eigenen Zukunft. Diese können sie selbst in die Hand nehmen und gestalten“, kommentiert Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer, die bemerkenswerte Abweichung zwischen allgemeiner und persönlicher Zukunftseinschätzung."

Ausblick: Jeder fünfte junge Deutsche hat Pläne zum Auswandern

Dabei sehen immer mehr junge Menschen ihre eigene Zukunft nicht in Deutschland: Ein Fünftel der jungen Generation gibt an, konkrete Pläne zu haben, aus Deutschland wegzuziehen, um im Ausland bessere Lebensbedingungen zu finden. Das ist eine Erkenntnis aus der Studie „Jugend in Deutschland 2026“, die letzten Dienstag vorgestellt wurde.

Der Studie zufolge plant mit 21 Prozent der Befragten jeder fünfte junge Mensch, ins Ausland zu ziehen. Das bedeute nicht, dass eine Auswanderung nächste Woche passiere, aber dass man sie in Erwägung zieht, sagte Co-Autor Kilian Hampel, Sozialforscher an der Universität Konstanz. 41 Prozent können sich grundsätzlich vorstellen, auszuwandern. Hampel resümiert: „Die Studie unterstreicht, wie dringend junge Menschen verlässliche Perspektiven für Arbeit, Wohnen und finanzielle Sicherheit benötigen.“

Zudem ist die psychische Belastung bei jungen Menschen der Befragung zufolge auf einen Höchststand gestiegen. „Die Ergebnisse der Trendstudie zeigen auf dramatische Weise, wie sehr die Belastungen der letzten Jahre den jungen Menschen zusetzen – in Form von Stress, Erschöpfung und wachsender Perspektivlosigkeit“, betont Studienleiter Simon Schnetzer.

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Mirell Bellmann

Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

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