Finanzen

Hin und Her macht Taschen leer: Wenn Emotionen den Markt treiben

Die Börse zittert – nicht wegen Fakten, sondern wegen Stimmungen. Tweets, Schlagzeilen und kurzfristige Impulse treiben Kurse in Sekunden nach oben oder unten. Doch was passiert, wenn Anleger immer schneller reagieren, aber immer weniger verstehen? Droht der Verlust jeder langfristigen Orientierung?
03.05.2026 13:30
Lesezeit: 2 min
Hin und Her macht Taschen leer: Wenn Emotionen den Markt treiben
Anleger rotieren hektisch zwischen Märkten und Trends. Doch warum führt dieses Verhalten oft zu Verlusten statt zu Gewinnen? (Foto: ChatGPT)

Nervöses Zucken

„In the short run, the market is a voting machine but in the long run, it is a weighing machine." lautet ein berühmtes Zitat von Benjamin Graham, dem Mentor von Warren Buffett. Langfristig, soll das heißen, richten sich die Aktienmärkte (notgedrungen) immer nach den fundamentalen Daten, den Unternehmensgewinnen, den Zinsen. Zurzeit hat man den Eindruck, dass die Börse eigentlich nur noch „voting machine“ ist, dahinzittert nach kurzfristigen Impulsen, erratischen Stimmungsschwankungen mit shaking hands.

Aufmerksamkeitsspanne wie TikTok-User

Private wie institutionelle Investoren, haben, wie ich neulich las, nur noch die Aufmerksamkeitsspanne von TikTok-Usern. Wenige Sekunden zur Erfassung einer komplexen Lage, dann wird weiter gescrollt. Laut einer Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung ist die Zahl der Neudiagnosen von ADHS von 2015 bis 2024 um 199 Prozent gestiegen. Besonders stark war der Anstieg seit 2021 bei Frauen.

Vielleicht liegt es daran? Ein Grund für das nervöse Anlegerverhalten? Mehr ADHS unter den Investoren? Und automatisierte Handelsprogramme (Algorithmic Trading, High-Frequency Trading/HFT), die möglicherweise auch ADHS haben, verstärken die Volatilität in Stressphasen nochmal erheblich.

Noise-trading

Was ist da eigentlich los? Geopolitische Ereignisse werden nur noch auf kürzeste Sicht beurteilt, hier haben politische Börsen nicht nur kurze Beine, sondern gar keine mehr. Sie spielen Hüpfburg. Ein verschobenes Ultimatum, ein kurzfristiger Waffenstillstand, tägliche Wasserstandsmeldungen vom Hormus werden mit Kursausschlägen von Tweet zu Tweet quittiert, auch wenn die Lage dadurch langfristig schlechter aussehen sollte als zuvor. Jede propagandistische Äußerung wird für bare Münze genommen und führt zu einem hektischen Auf und Ab. Und die Pressemitteilung eines AI-Unternehmens führt gleich zum undifferenzierten Einbruch ganzer Branchen.

Max Weber prägte den Unterschied zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik. Hier ist es ähnlich: Noise-Trading gegen Horizon-Investing. Die Börsen agieren nicht moralisch, und das ist vermutlich gar nicht vorwerfbar, aber auch nicht strategisch-langfristig.

Rotation als Geschäftsmodell

Und dann diese Rotationen, die Anleger gehen mal raus aus den Kartoffeln, dann wieder rein in die Kartoffeln, raus aus dem Dollar, rein in den Euro, raus aus Aktien, rein in Anleihen, raus aus USA, rein in Emerging Markets, obwohl die langfristigen Fundamentaldaten sich nicht wirklich geändert haben. Manchmal hat man den Eindruck, dass Investoren den langsamen und stetigen Aufstieg der Börsen über viele Jahre langweilig finden, und glauben, an einem hektischen Auf und Ab würden sie schneller verdienen, so als würden sie das Timing beherrschen. Und einige versuchen, die Volatilität aktiv durch „Experten-Meinungen“ anzuheizen. Man braucht ja möglichst viele Anleger, die in dieselbe Richtung rennen. Nur Frontrunner an der Spitze haben was davon. So war es auch Anfang des Jahres 2026 als die große Rotation aus den USA nach Europa und Emerging Markets lief und dann zwei Monate später alles wieder zurück.

Die alte Börsenweisheit: „Hin und her macht Taschen leer.“ Vergessen? Und dabei wollen wir doch, dass die Weighing Machine noch was zu Wiegen hat.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

avtor1
Prof. Dr. Ulrich Seibert

                                                      ***

Prof. Dr. Ulrich Seibert ist Jurist und Honorarprofessor für Wirtschaftsrecht an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Als ehemaliger Leiter des Referats für Gesellschaftsrecht, Unternehmensverfassung und Corporate Governance im Bundesministerium der Justiz hat er bis 2020 maßgeblich an zahlreichen Reformen im Gesellschaftsrecht mitgewirkt. Mit über 200 veröffentlichten Aufsätzen zählt er zu den renommierten Experten auf diesem Gebiet.

DWN
Politik
Politik US-Politikwissenschaftler: Der Schwerpunkt der NATO verlagert sich nach Osten, nur Europa hat das noch nicht begriffen
24.05.2026

Die NATO verändert ihre innere Geografie und Polen rückt ins Zentrum der europäischen Sicherheit. Dahinter steht das Ende eines...

DWN
Panorama
Panorama Elon Musk als Technokönig: Warum Muskismus mehr ist als Tesla und SpaceX
24.05.2026

Elon Musk ist längst mehr als ein Unternehmer. Eine neue Analyse beschreibt Muskismus als Projekt, das Technologie, Macht und...

DWN
Technologie
Technologie Handynutzung: Prepaid-Handys kommen in Deutschland aus der Mode
24.05.2026

Wie viele Minuten waren das? Wer früher bei der Handynutzung sparsam sein wollte, der hielt Telefonate kurz. Prepaid-Karten konnten...

DWN
Politik
Politik Kann Europa Weltmacht werden? Eine Analyse
24.05.2026

Die alte Weltordnung bricht weg, und Europa steht plötzlich allein zwischen den streitenden Machtblöcken. Jetzt entscheidet sich, ob der...

DWN
Technologie
Technologie Rekordabsatz bei Wärmepumpen: Fast jede zweite neue Heizung läuft elektrisch
24.05.2026

Der Markt für neue Heizgeräte erholt sich schneller als erwartet: Im ersten Quartal 2026 stieg der Gesamtabsatz um 16 Prozent....

DWN
Politik
Politik EU-USA-Abkommen: Brüssel bekommt nicht, was es wollte, aber was es braucht
24.05.2026

Bernd Lange, Chef des Ausschusses für den Außenhandel des Europäischen Parlaments, glaubt, dass die EU ein Sicherheitsnetz gegen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Neuer EQT-Vorsitzender Salata: „Mit Geld kommt Verantwortung“
24.05.2026

Der chilenische Milliardär Jean Eric Salata hat nun den Vorsitz bei der schwedischen Private-Equity-Gesellschaft EQT übernommen....

DWN
Politik
Politik Russischer Topökonom: „Putin wird bald begreifen, dass die Zeit nicht auf seiner Seite ist“
24.05.2026

Sergej Guriev, russischer Ökonom im Exil, gilt als einer der weltweit führenden Experten für Russlands Wirtschaft. Im Interview schätzt...