EURIBOR bei 2,6 Prozent
Über den EURIBOR und ähnliche Referenzzinssätze am Interbankenmarkt war in der Vergangenheit oft von klugen Finanzleuten zu hören, dass sie das Schicksal der Wirtschaft bestimmen. Das gilt vermutlich auch heute noch, doch der durchschnittliche deutsche Haushalt regt sich über diese Zahl deutlich weniger auf als vor einigen Jahren, als der Großteil der Immobilienkredite an variable Zinssätze gekoppelt war. Seit die Lösung der Wohnungsfrage meist auf festen Zinssätzen beruht, beachten viele den EURIBOR kaum noch.
Aber können Haushalte wirklich völlig gelassen verfolgen, dass der Sechsmonats-EURIBOR auf 2,6 Prozent steigt, den höchsten Stand seit eineinhalb Jahren? Erst recht, wenn Termingeschäfte signalisieren, dass der Anstieg damit noch nicht beendet ist und die Zahl bis Jahresende nahe drei Prozent liegen dürfte?
Die ehrlichste Antwort lautet: deutlich ruhiger als vor Jahren, aber keineswegs völlig gleichgültig, so das slowenische Finanzportal Casnik Finance.
Der EURIBOR läuft den Entscheidungen der Europäischen Zentralbank in der Regel voraus. Sein Anstieg zeigt, dass die Märkte keine Rückkehr in die Welt des billigen Geldes mehr einpreisen. Ein höherer Zinssatz ist an sich nichts Schlechtes, da er nicht immer nur Folge des Kampfes der Zentralbanken gegen Inflation ist. Man kann ihn auch als Zeichen verstehen, dass die Wirtschaft stark genug ist, einen höheren Preis des Geldes zu verkraften, dass die Nachfrage stabil ist, der Arbeitsmarkt robust bleibt und Unternehmen auch ohne dauerhafte Unterstützung durch billige Finanzierung Gewinne erzielen können.
Das Problem entsteht, wenn Zinsen nicht aufgrund wirtschaftlicher Stärke steigen, sondern weil die Inflation hartnäckig bleibt und den Zentralbanken keine Lockerung der Geldpolitik erlaubt. Dann ist der höhere Preis des Geldes kein Ausdruck von Gesundheit mehr, sondern eine Bremse.
Teureres Geld verändert die Rechnung
Vor allem ist wichtig zu verstehen, dass der EURIBOR nicht nur eine Zahl ist, die jene betrifft, die einen Kredit mit variablem Zinssatz haben. Er ist ein Signal für teureres Geld in Europa, und das verändert die Rechnung im Geschäftsumfeld.
Zuerst spüren das diejenigen, die gerade erst in den Immobilienmarkt eintreten. Ihnen hilft es wenig, dass der Nachbar aus der Vergangenheit einen günstigen festen Zinssatz hat. Die Bank berechnet ihre Rate heute nach heutigen Bedingungen, bei heutigen Wohnungspreisen und heutigen Erwartungen an die Zinssätze. Wer eine Anlageimmobilie verkauft, muss nicht davon ausgehen, dass der Immobilienmarkt über Nacht zusammenbricht. Doch ein Teil potenzieller Käufer kommt schwerer oder teurer an die gewünschte Kreditsumme.
Ähnlich wirkt es bei Unternehmen, nicht nur bei jenen, die verschuldet sind. Investitionsentscheidungen werden immer unter Berücksichtigung des risikofreien Zinssatzes bewertet. Sobald dieser steigt, wandern weniger rentable Projekte in den Ordner „vielleicht irgendwann“.
So fließen höhere Zinsen langsam in die Wirtschaft ein, da verschobene Investitionen weniger Aufträge für Subunternehmer bedeuten.
Auch Staatshaushalte spüren den Druck
Während sich neue und alte Abgeordnete dieser Tage mit öffentlichen Finanzen und einem keineswegs kleinen Defizit vertraut machen, steigen auch die Kosten dieser Zeche. Ohne sorglose Staatsausgaben rechtfertigen zu wollen: Das ist in fast allen Industriestaaten so.
Das beginnt langsam die Stimmung an den Kapitalmärkten zu belasten. In heutigen Aktienkursen sind positive Szenarien weiterer Gewinnsteigerungen eingepreist. Zu den Faktoren, die diesen Optimismus beschädigen können, zählen demnach auch die Zinsen. Die geforderte Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen ist in zweieinhalb Monaten um einen halben Prozentpunkt auf 4,6 Prozent gestiegen. Das muss noch kein Grund zur Sorge sein. Bei einem weiteren Anstieg auf 5,5 Prozent kann man jedoch verständlicherweise nervös werden, was wiederum sowohl die Wirtschaft als auch die Aktienmärkte erschüttern könnte.
Vor allem treffen höhere Zinsen sogenannte Growth-Aktien. Das sind Unternehmen, deren Wert zu einem großen Teil auf erwarteten Gewinnen weit in der Zukunft beruht. Technologie, künstliche Intelligenz, Digitalisierung und Elektrifizierung können weiterhin großes Potenzial haben. Doch bei höheren Zinsen wird man weniger geduldig, wenn es um die Verwirklichung dieses Potenzials geht.
Was teureres Geld für Haushalte und Unternehmen bedeutet
In dieser Diskussion tauchen fast immer auch Einlagenzinsen auf. In einem solchen Umfeld fragen sich viele, weshalb Banken nicht mehr für Einlagen zahlen. So sehr sich Kunden für ihre Ersparnisse stets mehr wünschen, sollten Anleger, die langfristige Rendite anstreben, verstehen, dass diese Frage eher zu den weniger wichtigen gehört. Das zeigte bereits die Phase erhöhter Inflation nach 2022. Wer damals ausführlich untersuchte, welche Bank für eine Festgeldanlage 3,5 Prozent oder mehr bot, verkündet heute vermutlich nicht besonders laut, welche reale Rendite er in den vergangenen vier Jahren erzielt hat. Wer hingegen in Zeiten höherer Zinsen und damit breiterer Zinsmargen Bankaktien kaufte, hat eine deutlich bessere Erfahrung gemacht.
Einmal mehr zeigte sich, dass Vermögen langfristig nicht durch das Jagen von Einlagenzinsen wächst, sondern durch die Suche nach Anlagen, die Inflation schlagen können.
In Zeiten billigen Geldes sind Strafen für falsche Entscheidungen meist weniger schmerzhaft. Der Kauf einer teuren Immobilie ließ sich leichter in einer niedrigen monatlichen Kreditrate verstecken. Ein zu optimistischer Geschäftsplan überlebte leichter bei günstiger Finanzierung. Eine zu hohe Aktienbewertung ließ sich einfacher mit dem Versprechen künftigen Wachstums rechtfertigen.
Wenn Geld teurer wird, kann die Mathematik weniger freundlich werden.

