Qivalis-Stablecoin: Digitaler Euro bekommt private Ergänzung
Fast vier Jahre ist es her, dass vier europäische Banken eine Arbeitsgruppe einberiefen, um die Entwicklung digitaler Zahlungen in Europa voranzutreiben. Nun hat das Projekt, das von ING, KBC, Danske und RBI gestartet wurde, einen Wendepunkt erreicht. Mehr als drei Dutzend EU-Banken stellen sich hinter ein Konsortium namens Qivalis, das in den kommenden Monaten einen gemeinsamen Stablecoin auf den Markt bringen will. AIB und Bank of Ireland gehören zu den Banken, die sich als Aktionäre an Qivalis beteiligt haben. Die Institute in der EU reagieren damit auf den Aufstieg digitaler Token und auf den Bedarf an schnellerer, einfacherer Infrastruktur für Abwicklung, Sicherheiten-Management und Zahlungen.
Stablecoins sind eine Form digitalen Geldes, deren Wert an eine zentrale Währung gekoppelt ist, meist an den US-Dollar. Häufig werden sie von Krypto-Händlern genutzt, um Gelder zwischen einzelnen Geschäften zu bewegen. Der Qivalis-Stablecoin soll zu 100 Prozent durch Reserven in Euro gedeckt sein. Geld verdienen will das Unternehmen über die Zinsmarge auf diese Reserven.
Der Schritt zur Schaffung eines europäischen Stablecoins erfolgt vor dem Hintergrund wachsender Sorgen über die Dollar-Dominanz bei digitalen Währungen. Fast alle derzeit umlaufenden Stablecoins sind in Dollar denominiert. Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank, sagte kürzlich, die zunehmende Nutzung von Dollar-Stablecoins in Europa sei eine „berechtigte Sorge, die das Risiko birgt, die Dollar-Abhängigkeit zu verfestigen“.
„Das ist ein ziemlich revolutionärer Moment“, sagte Floris Lugt, Finanzchef von Qivalis, im Gespräch mit dem irischen Finanzportal Business Post.
Banken öffnen den Weg zur Blockchain
Lugt, der zuvor mehr als ein Jahrzehnt bei der niederländischen Bank ING verbracht hatte, einem der Gründungsmitglieder des Euro-Stablecoin-Projekts, wies darauf hin, dass Blockchain-Technologie nicht neu sei, sich aber bislang nicht breit durchgesetzt habe. „Blockchain-Infrastruktur gibt es schon seit geraumer Zeit, aber sie wird außerhalb der Krypto- und DeFi-Märkte kaum im Mainstream genutzt“, sagte er. „Aus meiner Sicht liegt das wirklich daran, dass sie von Banken bisher noch nicht unterstützt oder genutzt wurde.“
„Als Kunde einer Bank, und jeder ist Kunde einer Bank, hat man seine Finanzprodukte bei seiner Bank. Und wenn diese nichts On-Chain anbietet, ist man selbst in der Regel auch nicht On-Chain“, fügte Lugt hinzu. „Nun gehen Banken in ganz Europa diesen Schritt. Deshalb glaube ich, dass dies eine sehr bedeutende Veränderung bei der Entwicklung der Zahlungs- und Marktinfrastruktur sein wird.“
„Alle Arten neuer, innovativer Möglichkeiten können nun verfügbar werden. Das ist ein großer Schritt in diese Richtung.“ Lugt wollte nicht sagen, wie viel die 37 Aktionärsbanken im Rahmen des Stablecoin-Konsortiums in Qivalis investiert haben. Er deutete jedoch an, dass die Einbindung der Banken der breiten Nutzung eines Euro-Stablecoins erheblichen Schub geben könne, etwa bei grenzüberschreitenden Unternehmenszahlungen oder bei der Abwicklung tokenisierter Vermögenswerte wie Anleihen oder Aktien.
„Es liegt an den Banken, die Anwendungsfälle für Stablecoins zu entwickeln, nicht an Qivalis“, sagte Lugt. „Aber wo wir die größte Nachfrage sehen, ist dort, wo wirklich viel Mehrwert entsteht. Das gilt zum Beispiel für grenzüberschreitende B2B-Zahlungen. Auch im Privatkundengeschäft könnten Überweisungen einbezogen werden.“
Europas kleiner Stablecoin-Markt
Mit dem neuen Stablecoin adressiert Qivalis einen europäischen Markt, der im Vergleich zu den USA winzig ist. Daten des Marktdatenanbieters CoinMarketCap zeigen, dass der Euro-Stablecoin von Circle, dem Fintech mit Sitz in New York, eine Marktkapitalisierung von rund 440 Millionen Dollar hat. Der Dollar-Stablecoin des Unternehmens kommt dagegen auf mehr als 76 Milliarden Dollar.
Lugt sagte, die Aufnahme des Projekts durch europäische Banken sei anfangs schleppend verlaufen, auch aufgrund der Verbindung zwischen Stablecoins und Kryptomärkten. „Es ist einfach etwas sehr Neues, und Banken treffen Entscheidungen nicht sehr schnell, besonders wenn sie Folgen für ihre Strategien haben“, sagte er. „Das war eine ziemlich bedeutende strategische Entscheidung. Deshalb dauerte es bei vielen Banken in Europa recht lange, bis sie sich entschieden hatten.“
Am Ende habe das Projekt bei den Banken Zuspruch gefunden, da digitale Währungen Chancen eröffneten. Der Stablecoin von Qivalis soll „komplementär“ zu den Plänen der EU für einen digitalen Euro sein. Lugt betonte, dass der digitale Euro auf Zahlungen im Privatkundengeschäft ausgerichtet sei. Qivalis werde sich dagegen auf grenzüberschreitende Geschäftszahlungen konzentrieren, auf die Abwicklung digitaler Vermögenswerte wie Anleihen, Aktien, Kredite oder Daten sowie sogar auf Zahlungen, die durch agentische KI ausgelöst werden.
Qivalis-Stablecoin: Banken setzen auf digitale Unabhängigkeit vom Dollar
Das Konsortium hat bei der niederländischen Zentralbank eine E-Geld-Lizenz beantragt. Es hofft, diese in der zweiten Hälfte des Jahres 2026 zu erhalten. „Wir wollen bis dahin operativ bereit sein, sodass wir unmittelbar oder sehr bald nach Erhalt der Lizenz starten können“, sagte Lugt.
Er fügte hinzu: „Wir glauben, dass diese On-Chain-Infrastruktur aufgrund ihres Potenzials stark wachsen wird. Deshalb ergibt es nur Sinn, dass wir eine vertrauenswürdige Euro-Alternative anbieten, die von europäischen Banken entwickelt wurde.“
Das heißt also, wenn europäische Banken eigene digitale Zahlungsinfrastrukturen aufbauen, geht es nicht nur um schnellere Überweisungen, sondern um monetäre Souveränität und geringere Abhängigkeit vom Dollar. Für Unternehmen mit internationalem Geschäft könnten Euro-Stablecoins zudem die Abwicklung von Zahlungen und tokenisierten Vermögenswerten deutlich verändern.

