Wirtschaft

Ölpreise sprengen Europas Wirtschaft

Die Ölpreise verhalten sich auf den ersten Blick erstaunlich ruhig, doch die Puffer des Weltmarkts verschwinden in gefährlichem Tempo. Die absehbare Folge: ein Preisschock für Industrie und Verbraucher in Deutschland.
02.06.2026 11:44
Lesezeit: 5 min
Ölpreise sprengen Europas Wirtschaft
Die Ölpreise wirken an den Zapfsäulen noch kontrollierbar, doch eine längere Hormus-Blockade könnte Kraftstoffe in Deutschland spürbar verteuern. (Foto: dpa | Frank Hammerschmidt) Foto: Frank Hammerschmidt

Ölpreise bleiben erstaunlich ruhig, obwohl der Markt unter Druck steht

An den Ölmärkten geschieht derzeit etwas höchst Ungewöhnliches. Das berichten unsere Kollegen von Business Post. Der Krieg im Iran und die damit verbundene Schließung der Straße von Hormus haben den größten Angebotsschock in der Geschichte des Ölmarkts ausgelöst. Obwohl sich die Preise für die Nordseesorte Brent in den vergangenen Monaten nahezu verdoppelt haben und nun bei rund 100 Dollar je Barrel liegen, bleiben sie weit entfernt von den relativen Anstiegen während der berüchtigten Ölkrisen der 1970er-Jahre. Sie haben nicht einmal die Niveaus erreicht, die nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022 zu beobachten waren.

Zu Beginn des Konflikts Ende Februar sagte Katars Energieminister Saad al-Kaabi, die Ölpreise könnten auf mehr als 150 Dollar je Barrel steigen, falls der Konflikt länger als einige Wochen andauere. Diese Prognose wurde in weiten Teilen der Branche aufgegriffen und teilweise sogar übertroffen. Fatih Birol, der Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur IEA, sagte dem Business Post im vergangenen Monat, die Ölpreise spiegelten das Ausmaß der vom Weltmarkt abgeschnittenen Ölmengen noch nicht wider. Warum also wirken die Ölmärkte von der Realität abgekoppelt? Und steht eine scharfe Korrektur bevor?

Ölpreise und Lagerbestände: Kurzfristige Puffer verdecken das Risiko

Mehrere Faktoren halten die Ölmärkte kurzfristig oberflächlich ruhig. Dazu gehören der Einsatz bestehender Ölvorräte, also gespeicherter Mengen, die Freigabe von Notreserven durch die Internationale Energieagentur, ein Rückgang der Ölnachfrage, da sich einige Märkte an höhere Preise anpassen, sowie die Hoffnung auf ein Friedensabkommen im Iran.

Das Problem besteht darin, dass die ersten drei Faktoren nur teilweise und begrenzt wirken. Sie schaffen kurzfristige Flexibilität, lösen aber kein langfristiges Versorgungsproblem. Der vierte Faktor ist keineswegs sicher. Etwa ein Drittel des weltweiten Rohölangebots ist durch den Krieg im Nahen Osten ausgefallen. Das wirkt sich weiter unten in der Lieferkette auch auf raffinierte Produkte aus. Erhebliche Mengen dieser raffinierten Produkte, etwa Kerosin und Diesel, wurden ebenfalls am Golf hergestellt. Daher entstehen auch dort direkte Versorgungseffekte.

Mehrere Branchenexperten, darunter die Internationale Energieagentur, die Rapidian Energy Group, das Brookings Institute, JPMorgan und das Institute for Energy Economics and Financial Analysis, haben gewarnt, dass die Angebotsverknappung bei Öl auf dem aktuellen Kurs im Sommer einen Krisenpunkt erreichen wird. "Das kann schwierig werden, und wir könnten im Juli und August in die rote Zone eintreten, falls wir keine Verbesserungen sehen", sagte Birol in der vergangenen Woche bei Chatham House in London.

Zunächst zu den Öllagern. Dabei handelt es sich im Kern um Lagerbestände, vor allem an unverarbeitetem Rohöl, die von Ölkonzernen weltweit oder von Raffinerien als operativer Puffer gehalten werden. Vor Beginn des Krieges lagen diese Bestände tatsächlich auf einem Fünfjahreshoch. Grund war ein globales Überangebot an Öl im Jahr 2025. Das erklärt zu einem erheblichen Teil, warum die Ölpreise vergleichsweise ruhig geblieben sind. Ungewöhnlich hohe kurzfristige Puffer erlaubten es den Märkten, darauf zu setzen, dass der Krieg endet, bevor die Lagerbestände aufgebraucht sind.

Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur lag der weltweite Ölverbrauch seit März jedoch um sechs Millionen Barrel pro Tag über der Produktion. Die Anbieter mussten daher ihre Lagerbestände abbauen, um die Nachfrage zu bedienen. Das Tempo, mit dem diese Vorräte schrumpfen, hat sich im Verlauf des Konflikts auf Rekordniveau beschleunigt. Die Bestände nähern sich bereits dem kritischen Punkt von weniger als 100 Tagen Nachfrage.

Je stärker dieser Puffer sinkt und je näher die weltweite Ölversorgung an einen Abgrund gerät, desto mehr werden die Energiemärkte gezwungen sein, ihre Preissignale aus den physischen Fundamentaldaten des Marktes abzuleiten. Dann zählen nicht mehr nur die politischen Aussagen aus Washington und Teheran. "Sobald die Märkte erwarten, dass die temporären Puffer erschöpft sein werden, könnte der Marktpreis auf Basis dieser Elastizitäten auf nahezu 150 Dollar je Barrel steigen", sagte Robin Brooks, Senior Fellow am Brookings Institute, in einem Papier aus der vergangenen Woche.

Ölpreise und Notreserven: Warum der Sommer gefährlich wird

Von kommerziellen Lagerbeständen zu unterscheiden sind die Notreserven nationaler Regierungen. Ihre Freigabe wird von der Internationalen Energieagentur koordiniert. Eine historische Freigabe von 400 Millionen Barrel, die im März angekündigt wurde, wird schrittweise in den 32 Mitgliedstaaten der Internationalen Energieagentur umgesetzt. Die meisten dieser Länder sind wohlhabende Industrienationen.

Dies hat den Markt etwas beruhigt. Zugleich sind noch rund 80 Prozent der Reserven nicht freigegeben, sodass weitere Maßnahmen möglich bleiben, falls die Ölkrise anhält. Jede Entnahme verringert jedoch diesen Puffer. Das bedeutet, dass Freigaben der Internationalen Energieagentur die Versorgung kurzfristig entlasten können. Mittelfristig können sie aber die Preisempfindlichkeit verschärfen, sobald die Märkte einpreisen, dass die letzte Verteidigungslinie abgebaut wird.

Drittens ist die weltweite Ölnachfrage seit Beginn des Konflikts um ungefähr zwei Prozent gefallen. Auch das hat geholfen, die Preise abzufedern. Der größte Teil dieses Nachfragerückgangs entfiel nach Angaben des Institute for Energy Economics and Financial Analysis jedoch auf Entwicklungsländer in Asien. Diese Region war bereits zuvor besonders stark von Öl aus dem Nahen Osten abhängig.

Auf der Nordhalbkugel dürfte die Ölnachfrage im Sommer ihren Höchststand erreichen. Das würde den Abbau der Puffer beschleunigen und die Preise in Richtung der Marke von 150 Dollar treiben. Sollten die Preise nochmals so stark steigen, käme es zwar zu einer weiteren Nachfragereaktion. Die wirtschaftlichen Folgen wären aber deutlich ernster, vor allem in reicheren Staaten, die Dienstleistungen oder Produktion kürzen müssten.

Ölpreise und Hoffnung: Warum Deutschland die Entwicklung genau verfolgen muss

Der letzte und wichtigste Punkt, der all diese Faktoren stützt, ist die Suche nach einem dauerhaften Friedensabkommen zwischen Iran und den Vereinigten Staaten sowie Israel. Die unerwartet hohe kurzfristige Flexibilität im Energiesystem und die politische Notwendigkeit für US-Präsident Donald Trump, ein Friedensabkommen zu erreichen, haben die Preise gedrückt. Zugleich wurden sie eng an die Signale aus Teheran und Washington gebunden.

Die Schwankungen der Ölpreise in den vergangenen Wochen wurden fast vollständig durch diese politische Rhetorik und jede Wahrnehmung geprägt, dass eine Einigung näher rückt oder scheitert. Gleichzeitig haben sich die physischen Fundamentaldaten des Ölmarkts weiter verschlechtert.

Falls die Straße von Hormus nicht wieder geöffnet wird, müssen Investoren irgendwann stärker auf den strukturellen Rückgang des tatsächlichen globalen Ölangebots achten. Die temporären Puffer, die den Markt bislang geschützt haben, reichen dann nicht mehr als Erklärung. Wenn der Spielraum im System aufgebraucht ist, werden die Märkte weniger gelassen darauf reagieren, ob eine Einigung zustande kommen könnte. Stattdessen werden sie beginnen, die Schwere des bevorstehenden Angebotsabbruchs einzupreisen.

Nach Angaben des Brookings Institute könnte dies zu plötzlichen "scharfen Preissprüngen" führen. Diese hätten eine Kette weiterer Folgewirkungen. Der europäische Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas sagte kürzlich in Athen, falls die Straße von Hormus in den kommenden Wochen nicht wieder geöffnet werde, sei er "besorgt, dass eine Weltrezession auf dem Tisch liegen könnte". Er ist nur eine von immer mehr Stimmen, die inzwischen Ähnliches sagen. Ohne eine Lösung am Golf würden die verzögerten Preiseffekte des Ölangebotsschocks plötzlich sichtbar. Das würde die Weltwirtschaft deutlich näher an einen Kipppunkt bringen.

Für Deutschland wäre ein solcher Ölpreisschock unmittelbar relevant. Denn die deutsche Industrie, die Logistikbranche und energieintensive Unternehmen reagieren besonders empfindlich auf steigende Transport- und Energiekosten. Höhere Ölpreise würden nicht nur Kraftstoffe verteuern, sondern auch Lieferketten, Chemieprodukte, Flugverkehr und Teile der industriellen Produktion belasten. Damit hätte die Entwicklung auch eine finanzpolitische Dimension. Steigende Ölpreise können die Inflation erneut erhöhen und die Spielräume von Unternehmen und Verbrauchern einengen. Für einen exportorientierten Standort wie Deutschland wäre eine globale Ölkrise daher nicht nur ein Energieproblem, sondern ein Risiko für Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Investitionsplanung.

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