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Duale Ausbildung in der Krise: Deutschland verliert Azubis, andere Länder nicht

In Deutschland gibt es heute rund ein Fünftel weniger Auszubildende als 2004. In Österreich fällt das Minus halb so stark aus, die Schweiz legt sogar zu. Auch bei der Ausbildungsquote liegen die drei Länder weit auseinander. Wie Deutschlands eigenes Erfolgsmodell im Vergleich schwächelt - und welche Gründe es gibt.
06.07.2026 11:12
Lesezeit: 4 min
Duale Ausbildung in der Krise: Deutschland verliert Azubis, andere Länder nicht
Die duale Berufsausbildung steht in Deutschland deutlich stärker unter Druck als in Österreich und der Schweiz. (Foto: iStock/credit: Pressmaster) Foto: Pressmaster

Duale Ausbildung in der Krise: Deutschland verliert Azubis, andere Länder nicht

Wie steht es wirklich um die Chancen junger Deutscher auf dem Ausbildungsplatz? Der Berufsbildungsbericht 2026 zeigt eine negative Entwicklung: Deutschland steckt in einer Ausbildungskrise. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 476.000 duale Ausbildungsverträge neu abgeschlossen. 2024 waren es noch 486.300, im Jahr davor knapp 490.000. Während der Rückgang 2024 mit 0,6 Prozent noch vergleichsweise gering ausfiel, sank die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge letztes Jahr um 2,1 Prozent!

Damit spiegelt die Krise auf dem Ausbildungsmarkt die angespannte wirtschaftliche Lage Deutschlands wider. Betriebe investieren immer weniger in die Ausbildung. Nur noch knapp 18,7 % der Unternehmen bilden überhaupt aus – ein historischer Negativrekord. Die duale Ausbildung war für Deutschland das Erfolgsmodell junge Menschen in Arbeit zu bringen. Warum funktioniert die praktische Berufsausbildung nicht mehr im eigenen Land?

Duale Ausbildung: ein Erfolgsmodell seit 100 Jahren

Das Modell hat tiefe Wurzeln, die bis in die historischen Handwerkszünfte des Mittelalters zurückreichen. Die Idee, Ausbildung zweigleisig aufzuteilen, um qualifizierten Nachwuchs zu sichern, revolutionierte Betriebe im 20. Jahrhundert. Robert Bosch gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter der dualen Ausbildung in Deutschland. Selbst unzufrieden mit seiner eigenen Mechanikerlehre, revolutionierte er die Berufsausbildung, als er am 1. April 1913 in Stuttgart die erste firmeneigene Lehrwerkstatt gründete. Aufgrund der exzellenten Ergebnisse dient dieses System heute weltweit als Vorlage für Bildungsreformen, unter anderem auch in Ländern wie China, Vietnam und verschiedenen europäischen Staaten.

Vorallen im DACH-Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz) bildet die duale Berufsausbildung das Rückgrat der Arbeitsmärkte. Obwohl das Grundprinzip in allen drei Staaten identisch ist, gibt es dennoch länderspezifische Unterschiede und Bezeichnungen. Wie sieht der aktuelle Vergleich der Ausbildungszahlen innerhalb der DACH-Raum-Staaten aus?

Deutschland, Österreich, Schweiz: Duale Ausbildung im Vergleich

Die duale Berufsausbildung steht in Deutschland deutlich stärker unter Druck als in Österreich und der Schweiz. Das geht aus einem aktualisierten Bericht des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) hervor, den das Institut gemeinsam mit dem österreichischen Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw), dem Beratungsunternehmen 3s Research & Consulting sowie dem Schweizerischen Observatorium für die Berufsbildung an der Eidgenössischen Hochschule für Berufsbildung erstellt hat. Hier die aktuellen Ergebnisse im Vergleich:

Duale Rückgang in Deutschland am stärksten

In Deutschland lag die Zahl der Auszubildenden 2024 um 22,1 Prozentpunkte unter dem Wert von 2004. In Österreich fiel der Rückgang nur etwa halb so stark aus. Die Schweiz legte im selben Zeitraum sogar um fünf Prozentpunkte zu.

Auch der Anteil eines Altersjahrgangs, der eine duale Ausbildung startet, hat sich in Deutschland verringert. 2024 lag die Quote bei 52,9 Prozent. In Österreich begannen 33,6 Prozent eines Jahrgangs eine duale Lehre, in der Schweiz sogar 75,6 Prozent.

Demografie und Bildungssystem bestimmen das Bild

Ein Grund für die Unterschiede liegt in der Demografie. Die Zahl der 15-Jährigen ging in Deutschland seit 2004 um 19,4 Prozentpunkte zurück, in Österreich um 9,8 Prozentpunkte. In der Schweiz stieg sie dagegen um 3,6 Prozentpunkte.

Hinzu kommen Unterschiede in den Bildungssystemen: In Deutschland landen viele Jugendliche ohne Lehrstelle zunächst im sogenannten Übergangssystem – also in Maßnahmen, die auf eine Ausbildung vorbereiten sollen. Österreich setzt stärker auf rein schulische Berufsbildung. Die Schweiz schafft besonders reibungslose Übergänge von der Schule in die Lehre.

Frauenanteil sinkt in Deutschland

Beim Frauenanteil zeigen sich ebenfalls Unterschiede. In Deutschland fiel der Anteil der Frauen unter den Ausbildungsanfängerinnen und -anfängern zwischen 2004 und 2024 um 5,3 Prozentpunkte auf 34,8 Prozent. In Österreich lag er 2024 bei 32,5 Prozent, in der Schweiz bei 41,3 Prozent – in beiden Ländern blieb der Wert weitgehend stabil.

Der höhere Frauenanteil in der Schweiz ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass Sozial- und Gesundheitsberufe dort stärker in das duale Ausbildungssystem integriert sind. In Deutschland erfolgt die Ausbildung in den Bereichen Gesundheit, Erziehung und Soziales überwiegend außerhalb des dualen Systems.

Mehr ausländische Auszubildende in allen drei Ländern

Deutlich gestiegen ist überall der Anteil ausländischer Auszubildender. In Deutschland erhöhte er sich zwischen 2010 und 2024 um 7,3 Prozentpunkte auf 12,4 Prozent. Österreich verzeichnet ein Plus von neun Prozentpunkten auf 16,2 Prozent, die Schweiz von 8,4 Prozentpunkten auf 24,8 Prozent. Aus Sicht der Autoren hilft diese Entwicklung, Fachkräftelücken zu schließen und junge Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit zu integrieren.

Deutschland: Mangelnde Fähigkeiten der Bewerber?

In Deutschland will Bundesbildungsministerin Karin Prien nun mehr junge Menschen für eine Ausbildung gewinnen und Betriebe unterstützen, freie Plätze zu besetzen. Geplant sind bessere Berufsorientierung, gezielte Ansprache und mehr Förderprogramme. Doch viele Betriebe sehen deutliche Defizite. Es fehlt an grundlegenden Fähigkeiten wie Arbeitsverhalten, Sprache und Rechnen. Zudem scheitern viele Ausbildungen früh: 14 % der Betriebe, die bei der Industrie- und Handelskammer ohnehin schon über Besetzungsprobleme klagen, lösen Verträge in der Probezeit wieder auf.

Karin Prien: "Der Berufsbildungsbericht 2026 zeigt, dass eine erfolgreich absolvierte duale Ausbildung klare Vorteile bietet. Gleichzeitig wachsen die Herausforderungen für den Ausbildungsmarkt: Das Angebot geht zurück, das Interesse steigt - und dennoch bleiben viele Stellen unbesetzt, weil es an der Passung fehlt."

Das deutsche Kernproblem ist jedoch nicht nur fehlende Passung zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt, sondern das viele Unternehmen inzwischen am Nachwuchs sparen und systematisch Ausbildungsplätze zurück fahren - trotz steigender Nachfrage. Ein gefährlicher Abwärtstrend für den deutschen Standort inmitten der Wirtschaftskrise, der Nachwuchsmangel und Menschen ohne Berufsabschluss hinterlässt.

Hintergrund der Auswertung

Der zweite Bericht "Ein Erfolgsmodell auf dem Prüfstand" im Vergleich der drei Länder zur dualen Berufsausbildung ergänzt eine erste Veröffentlichung aus dem Jahr 2024. Ziel des Forschungsprojekts ist es, die duale Berufsbildung in Deutschland, Österreich und der Schweiz regelmäßig und auf Basis vergleichbarer Daten zu beobachten. Schwierig macht das nach Angaben des BIBB, dass Begrifflichkeiten, Definitionen, Klassifikationen und Messmethoden zwischen den Ländern variieren. Die Zahlen seien deshalb immer im Zusammenhang mit dem jeweiligen Bildungssystem und der Bevölkerungsentwicklung zu lesen.

Länderspezifische Unterschiede und Bezeichnungen

  • Deutschland: Die Ausbildung ist bundesweit durch das Berufsbildungsgesetz (BBiG) geregelt. Die duale Ausbildung (oft schlicht "Ausbildung" genannt) dauert in der Regel zwischen zwei und dreieinhalb Jahren. Sie ist der klassische Weg für Schulabgänger in den Arbeitsmarkt.
  • Österreich: Hier spricht man typischerweise von der Lehre. Sie ist ähnlich stark verankert und findet wie in Deutschland primär im Betrieb und in der Berufsschule statt
  • Schweiz: Die Schweiz hat eines der international angesehensten Systeme, das Berufslehre genannt wird. In der Schweiz ist der Anteil der jungen Menschen, die eine duale Ausbildung absolvieren, im Vergleich besonders hoch. Sie bietet sehr flexible Weiterbildungswege (z. B. mit integrierter Berufsmatura, die den Zugang zu Fachhochschulen ermöglicht)

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Mirell Bellmann

Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

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