Wirtschaft

Yuan in Afrika: Wie Peking den Kontinent an sein Finanzsystem bindet

Der Dollar dominiert die Weltwirtschaft, doch in Afrika baut China längst eine alternative Zahlungsroute für den Yuan auf. Was Handel und Kredite günstiger machen kann, stärkt zugleich Pekings Einfluss und schafft neue Abhängigkeiten. Für deutsche Unternehmen entscheidet sich, ob sie im Wettbewerb um Afrikas Zukunft noch mithalten können.
20.07.2026 16:58
Lesezeit: 10 min
Yuan in Afrika: Wie Peking den Kontinent an sein Finanzsystem bindet
Der Dollar bleibt stark, doch Afrika nutzt zunehmend den Yuan. (Foto: dpa | Fernando Gutierrez-Juarez) Foto: Fernando Gutierrez-Juarez

Yuan in Afrika: Chinas Währung gewinnt neue Stützpunkte

Der Renminbi, auch Yuan genannt, gewinnt in Afrika zunehmend an Bedeutung. Zahlungen in chinesischer Währung können die Kosten des Handels und der Finanzierung von Infrastruktur senken. Die Vorteile gehen jedoch mit einem wachsenden Einfluss Pekings einher. Afrikas interessanteste Antwort könnte deshalb darin bestehen, einen eigenen grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr aufzubauen. Das berichten unsere polnischen Kollegen von Puls Biznesu.

Das Ende des Dollars wurde bereits so oft angekündigt, dass die amerikanische Währung längst auf dem Friedhof der Wirtschaftsgeschichte liegen müsste. Tatsächlich dominiert sie die Weltfinanzmärkte weiterhin. Im ersten Quartal 2026 entfielen 57,13 Prozent der weltweiten Devisenreserven auf den Dollar. Der Yuan erreichte lediglich einen Anteil von 1,99 Prozent. Ein unmittelbarer Wechsel an der Spitze des globalen Währungssystems ist deshalb nicht zu erwarten.

Dennoch findet ein schrittweiser Wandel statt. Sichtbar wird er weniger in politischen Erklärungen als in den Abrechnungssystemen der Banken, in Kreditverträgen und in der Währung, die Unternehmen auf ihre Rechnungen schreiben. Ankündigungen auf den Gipfeltreffen der BRICS-Staaten bilden lediglich den politischen Hintergrund dieser Entwicklung.

Die Standard Bank, gemessen an den Vermögenswerten die größte Bank Afrikas, wickelte während ihrer ersten vier Monate im chinesischen Cross-Border Interbank Payment System Transaktionen im Umfang von 3,39 Milliarden Yuan ab. Nach dem Referenzkurs der Europäischen Zentralbank vom 14. Juli 2026 entspricht dies rund 438 Millionen Euro.

Das als CIPS bezeichnete System ermöglicht grenzüberschreitende Zahlungen und Abrechnungen in chinesischer Währung. Im November 2025 wurde die Standard Bank als erstes afrikanisches Kreditinstitut direkt an das System angeschlossen. In den ersten vier Monaten bearbeitete sie Geschäfte im Gegenwert von rund 500 Millionen Dollar, ebenfalls etwa 438 Millionen Euro. Wenig später erhielten die Standard Bank und die chinesische Industrial and Commercial Bank of China die Genehmigung, entsprechende Yuan-Geschäfte in 19 afrikanischen Staaten abzuwickeln.

CIPS und das Kommunikationsnetzwerk Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication, besser bekannt als SWIFT, erfüllen unterschiedliche Aufgaben. SWIFT übermittelt standardisierte Informationen zu Finanztransaktionen. CIPS kann Zahlungen in Yuan dagegen zusätzlich verrechnen und endgültig abwickeln.

Peking baut damit eine eigene Finanzautobahn, die Dollarabrechnungen teilweise umgeht. Das System ersetzt SWIFT allerdings nicht vollständig. Vielmehr ergänzt es die bestehende Infrastruktur um eine direkte Abwicklung in chinesischer Währung.

Auf den ersten Blick erscheinen Geschäfte im Gegenwert von rund 438 Millionen Euro kaum revolutionär. Die Summe entspricht ungefähr der Hälfte des täglichen Handelsvolumens zwischen China und Afrika. Im Jahr 2025 erreichte der bilaterale Warenhandel einen Rekordwert von 348 Milliarden Dollar. Umgerechnet waren das rund 305 Milliarden Euro.

CIPS wickelte 2025 weltweit Zahlungen im Umfang von 180 Billionen Yuan ab. Nach dem zugrunde gelegten Wechselkurs entsprach dies etwa 23,3 Billionen Euro. Die ersten vier Monate des Afrikageschäfts der Standard Bank machten somit nur einen verschwindend kleinen Teil des gesamten Systems aus. Rechnerisch entspricht das Transaktionsvolumen ungefähr zehn Minuten eines durchschnittlichen CIPS-Betriebstages.

Die Größenordnung ist bislang begrenzt. Der Mechanismus dahinter besitzt jedoch wirtschaftliche Bedeutung. Ein afrikanischer Importeur, der eine Maschine in China kaufen wollte, musste häufig zunächst Dollar beschaffen. Dabei entstanden Kosten für den Währungsumtausch. Zugleich trug das Unternehmen ein Wechselkursrisiko, während die Zahlung über mehrere Korrespondenzbanken laufen konnte.

Nun kann der chinesische Lieferant seine Rechnung direkt in Yuan ausstellen. Das Geld erreicht ihn, ohne zwingend über ein Dollarkonto geleitet zu werden. Für Unternehmen zählt dabei vor allem eine einfache Rechnung: niedrigere Gebühren, schnellere Abwicklung und möglicherweise ein geringeres Wechselkursrisiko.

Die Abkehr vom Dollar verläuft deshalb wesentlich unspektakulärer, als viele Schlagzeilen vermuten lassen. Die amerikanische Währung behält ihre klare Vormachtstellung. Für bestimmte Geschäfte ist sie jedoch nicht länger der einzige mögliche Weg.

Ihre Bedeutung kann schrittweise sinken, wenn immer mehr Unternehmen Handel betreiben können, ohne zuvor Dollar kaufen zu müssen. Der Yuan muss den Dollar dafür nicht als globale Leitwährung verdrängen. Bereits ein wachsender Anteil bilateraler Geschäfte in chinesischer Währung stärkt Pekings Einfluss.

Entdollarisierung: Afrika spart Kosten und China gewinnt Einfluss

Der nächste Schritt betrifft die Verschuldung. Kenia wandelte drei ursprünglich in Dollar aufgenommene Kredite der chinesischen Export-Import Bank in Yuan-Verbindlichkeiten um. Die Kredite dienten dem Bau der Eisenbahnverbindung zwischen der Hafenstadt Mombasa und der Hauptstadt Nairobi.

Die kenianische Regierung erwartet dadurch Einsparungen bei der jährlichen Bedienung der Schulden von rund 215 Millionen Dollar. Nach dem EZB-Referenzkurs vom 14. Juli 2026 entspricht dies etwa 188,5 Millionen Euro beziehungsweise mehr als 516.000 Euro pro Tag. Die Einsparungen ergeben sich nicht allein aus dem Währungswechsel. Sie beruhen auf einem Maßnahmenpaket aus niedrigeren Zinsen, längeren Laufzeiten, einer zusätzlichen tilgungsfreien Zeit und der Umstellung von Dollar auf Yuan.

Der Vorteil ist allerdings nicht garantiert. Verliert der kenianische Schilling gegenüber dem Yuan deutlich an Wert, steigen die in heimischer Währung berechneten Kreditkosten. Die Wechselkursrisiken verschwinden nicht, sondern verlagern sich lediglich von der amerikanischen auf die chinesische Währung.

Die andere Seite der Rechnung zeigt sich in der Handelsbilanz. China exportierte 2025 Waren im Wert von rund 225 Milliarden Dollar nach Afrika. Das entspricht etwa 197 Milliarden Euro. Gleichzeitig importierte die Volksrepublik afrikanische Waren im Wert von 123 Milliarden Dollar oder rund 108 Milliarden Euro.

Pekings Handelsüberschuss belief sich damit auf 102 Milliarden Dollar, umgerechnet etwa 89 Milliarden Euro. Auf jeden Dollar, den China für Waren aus Afrika ausgab, entfielen somit rund 1,83 Dollar an chinesischen Exporten auf den Kontinent.

Afrikanische Volkswirtschaften müssen deshalb ausreichend Yuan beschaffen, um chinesische Importe und in der chinesischen Währung aufgenommene Schulden zu bezahlen. Einen Teil der benötigten Mittel können sie durch Exporte nach China verdienen.

Weitere Yuan können aus Devisengeschäften, chinesischen Krediten, Direktinvestitionen oder Swap-Linien zwischen Zentralbanken stammen. Solche Vereinbarungen ermöglichen es Zentralbanken, ihre jeweiligen Währungen zeitweise untereinander zu tauschen und dem heimischen Finanzsystem Liquidität zur Verfügung zu stellen.

Die Umgehung des Dollars kann Kosten senken. Zugleich bindet sie afrikanische Länder enger an ein von Peking geprägtes Finanzsystem. Je häufiger Handel, Kredite und Investitionen in Yuan abgewickelt werden, desto stärker hängen die betroffenen Staaten von chinesischen Banken, Kapitalströmen und politischen Entscheidungen ab.

Ob der Wandel für Afrika langfristig vorteilhaft ist, hängt deshalb davon ab, ob niedrigere Kosten tatsächlich eine größere wirtschaftliche Handlungsfreiheit ermöglichen. Eine Abhängigkeit von einer Währung kann auch durch die Abhängigkeit von einem anderen Finanzzentrum ersetzt werden. China profitiert mehrfach. Der Einsatz des Yuan verringert für chinesische Unternehmen das eigene Wechselkursrisiko. Gleichzeitig fördert er die internationale Verbreitung der Währung und stärkt chinesische Banken sowie Finanzinfrastrukturen.

Peking kann außerdem Kredite, Handel und Investitionen enger miteinander verknüpfen. Ein chinesisch finanziertes Infrastrukturprojekt kann mit chinesischen Bauunternehmen, chinesischer Technik und einer Rückzahlung in Yuan verbunden sein. Auf diese Weise entsteht ein geschlossener wirtschaftlicher Kreislauf, in dem ein wachsender Teil der Wertschöpfung im chinesischen System verbleibt.

Für afrikanische Staaten muss dies nicht zwangsläufig nachteilig sein. Neue Verkehrswege, Energieanlagen und Zahlungssysteme können die wirtschaftliche Entwicklung fördern. Entscheidend ist jedoch, ob die Projekte transparent finanziert werden, tragfähige Erträge erwirtschaften und die lokale Wirtschaft dauerhaft stärken. Der Yuan schafft zusätzliche Möglichkeiten. Er ersetzt jedoch weder eine ausgewogene Handelsbilanz noch eine solide Schuldenpolitik. Staaten, die mehr aus China importieren als dorthin exportieren, benötigen langfristig weiterhin ausreichend Devisen oder neue Kredite.

Afrikas eigenes Zahlungssystem: Was der Wandel für Deutschland bedeutet

Eine afrikanische Alternative zum Dollar und zum Yuan könnte auf dem Kontinent selbst entstehen. Das Pan-African Payment and Settlement System, kurz PAPSS, soll Unternehmen ermöglichen, grenzüberschreitende Geschäfte in ihren jeweiligen Landeswährungen abzuwickeln.

Ein Unternehmen aus Kenia könnte beispielsweise in Schilling zahlen, während ein Geschäftspartner in Ghana den Betrag in Cedi erhält. Die Umrechnung und Verrechnung erfolgen über das gemeinsame System. Dadurch sollen afrikanische Unternehmen nicht mehr für jedes regionale Geschäft zunächst Dollar oder Euro beschaffen müssen.

PAPSS soll die historischen Schwierigkeiten grenzüberschreitender Zahlungen innerhalb Afrikas verringern und eine gemeinsame Marktinfrastruktur für Staaten, Banken, Zahlungsdienstleister und Unternehmen bereitstellen. Die Empfängerbank zahlt den Betrag dabei in der jeweiligen lokalen Währung aus.

Bislang entfallen lediglich rund 16 Prozent des gesamten afrikanischen Handels auf Geschäfte zwischen afrikanischen Staaten. In Europa liegt der Anteil des intraregionalen Handels bei etwa 68 Prozent. Die geringe wirtschaftliche Verflechtung innerhalb Afrikas zählt damit zu den größten Hindernissen für die Entwicklung eines gemeinsamen Binnenmarktes. Ein funktionierendes afrikanisches Zahlungssystem könnte Handelskosten senken, Wechselkursrisiken begrenzen und den Aufbau regionaler Lieferketten fördern. Vor allem kleinere Unternehmen könnten davon profitieren, wenn sie Zahlungen nicht mehr über teure internationale Korrespondenzbanken abwickeln müssen.

Finanzielle Souveränität beginnt dort, wo ein Unternehmen zwischen mehreren sicheren und kostengünstigen Zahlungswegen wählen kann. Entdollarisierung bedeutet in diesem Sinne zunächst nicht, dass eine andere Währung den Dollar vollständig ersetzt. Sie bedeutet vor allem, dass zusätzliche Wege entstehen.

Für deutsche Unternehmen ist diese Entwicklung unmittelbar relevant. Maschinenbauer, Fahrzeughersteller, Chemiekonzerne, Energieunternehmen und mittelständische Zulieferer handeln mit afrikanischen Geschäftspartnern und konkurrieren dort zunehmend mit chinesischen Anbietern. Je stärker sich der Yuan im Handel mit Afrika etabliert, desto leichter können chinesische Unternehmen ihre Waren in der eigenen Währung anbieten und ihre Finanzierung über heimische Banken organisieren. Deutsche Exporteure könnten dadurch gegenüber Wettbewerbern aus China einen Nachteil erleiden, insbesondere bei großen Infrastruktur- und Industrieprojekten. Zugleich eröffnet eine vielfältigere Zahlungslandschaft Chancen. Können afrikanische Unternehmen günstiger und schneller zahlen, kann dies auch den Handel mit europäischen Lieferanten erleichtern. Voraussetzung dafür ist, dass neue Systeme mit dem Euro-Raum und europäischen Banken verbunden werden können.

PAPSS wickelt derzeit vor allem innerafrikanische Zahlungen ab. Eine Zahlung aus Deutschland gelangt zunächst weiterhin über die üblichen Bank- und Devisenkanäle nach Afrika. Das System kann jedoch anschließend die Weiterleitung innerhalb des Kontinents vereinfachen. Für deutsche Unternehmen mit mehreren Standorten, Lieferanten oder Kunden in Afrika könnte dies den Zahlungsverkehr langfristig effizienter machen.

Deutschland und die Europäische Union stehen damit vor einer strategischen Aufgabe. Sie müssen den Euro als Handels- und Finanzierungswährung attraktiv halten, ohne afrikanischen Partnern eine neue einseitige Abhängigkeit aufzudrängen. Dazu gehören wettbewerbsfähige Finanzierungen, transparente Verträge und leichter zugängliche Zahlungssysteme.

Der Dollar verliert in Afrika nicht plötzlich sein Monopol. Vielmehr entstehen schrittweise neue Abzweigungen neben der bisherigen Hauptstraße. China baut eine leistungsfähige Route für den Yuan. Afrika versucht zugleich, ein eigenes Straßennetz zu entwickeln. Für den Kontinent liegt die größte Chance deshalb möglicherweise nicht darin, den Dollar durch den Yuan zu ersetzen. Entscheidender ist die Möglichkeit, zwischen Dollar, Euro, Yuan und lokalen Währungen wählen zu können. Erst ein solcher Wettbewerb der Zahlungswege kann Kosten senken und wirtschaftliche Abhängigkeiten begrenzen.

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Marcin Dobrowolski

Marcin Dobrowolski ist Historiker und Journalist bei Puls Biznesu, dem polnischen Schwesterunternehmen der Deutschen Wirtschafts Nachrichten im Bonnier-Konzern, und schreibt für die DWN einen Gastbeitrag mit polnischer Perspektive auf Wirtschaft und Unternehmen. Seit 2008 arbeitet er in Wirtschaftsmedien, moderiert seit 2009 die Gala „Gazellen der Wirtschaft“, gründete das Portal PulsHistorii.pl zur Wirtschaftsgeschichte und engagiert sich darüber hinaus in urbanen Bewegungen.
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