Neue Mercedes C-Klasse: Hightech gegen die Konkurrenz aus China
Die neue elektrische Mercedes C-Klasse wirkt wie eine durchdachte Antwort auf die Konkurrenz aus China. Sie bietet 800-Volt-Technik, einen funktionalen Innenraum mit Fokus auf Ästhetik, effiziente Assistenzsysteme und eine herrlich dynamische Art der Fortbewegung. Das berichten unsere Kollegen von Børsen.
Das fahrbereite Gewicht der neuen elektrischen Mercedes-Benz C-Klasse mit Allradantrieb beträgt 2.460 Kilogramm. Auf der kurzen und technisch anspruchsvollen Teststrecke nördlich von Helsinki, auf der Mercedes-Benz das Auto präsentiert, ist davon jedoch nichts zu spüren. Warum Finnland und nicht Deutschland, wo das Auto gebaut wird? Weil die Hitze in Südeuropa kaum auszuhalten ist und es hier eine ausgezeichnete Teststrecke für diesen Zweck gibt. Es sind 19 Grad und der Himmel ist bewölkt. Die Strecke ist nach einem Regenschauer feucht.
Voraus fährt eine Werksfahrerin als eine Art Hase. Nach eigener Aussage hat sie während der dreiwöchigen Veranstaltung „mindestens 1.000 Runden“ absolviert. Entsprechend zügig ist sie unterwegs. Der Testwagen ist ein C 400 4Matic mit jeweils einem Elektromotor an Vorder- und Hinterachse, Allradantrieb, Allradlenkung und Luftfederung. Während der Testwagen dem vorausfahrenden Fahrzeug folgt, messen Sensoren die Arbeit der Stoßdämpfer, die G-Kräfte, die Stellung des Fahrpedals, die Seitenkräfte, die Bodenhaftung, die Balance, die Bremswirkung und 117 weitere Parameter.
Das Auto kaschiert sein Gewicht und bewegt sich mit einer Leichtigkeit, die nur schwer zu begreifen ist. Mercedes-Benz beherrscht den Antriebsstrang. Mit 800-Volt-Technik und extrem schnellem Laden kann er mit den neuesten chinesischen Konkurrenten mithalten. Die Ästhetik überzeugt mit einem ruhigen Layout und hochwertigen Materialien. Am Lenkrad gibt es physische Tasten. Hinzu kommt eine Sprachsteuerung, die mit den Worten „Hey Mercedes“ aktiviert wird. Anschließend lässt sich mit dem Auto wie mit einem Passagier sprechen. Das System versteht, was gesagt wird. Das ist beispiellos.
Doch was ist mit dem Gewicht? Machen die beinahe 2,5 Tonnen aus dem Auto ein ausgesprochen elegantes Nilpferd? Genau hier zeigt Mercedes-Benz Charakter und entwickelt neue Technik. Das Fahrwerk reagiert nicht mehr nur. Es denkt voraus. Kernstück ist ein flüssigkeitsgekühlter Prozessor auf der linken Seite des Kofferraums. Er fungiert als Gehirn des Autos.
Die adaptive Federung wird auf raffinierte Weise gesteuert. Fährt das Auto über eine Bodenschwelle, werden die Daten in Echtzeit an die Mercedes-Cloud übertragen. Der nächste Mercedes mit Car-to-X-Technologie empfängt diese Informationen und passt seine Federung an die Schwelle an, bevor er sie überfährt. Dadurch kann das System eine weichere Dämpfung einstellen, die die Unebenheit nahezu vollständig absorbiert. Das Auto schwebt darüber hinweg, statt hinter der Schwelle in die Vertiefung zu fallen.
In einer Kurve drücken 2.460 Kilogramm mit großer Kraft nach außen und lassen die Karosserie zur Seite neigen. Das Airmatic-System wirkt dem entgegen, indem es die Luftfederbälge auf der Außenseite der Kurve blitzschnell verhärtet. Das funktioniert wie eine unsichtbare Kraft, die das Auto beinahe vollständig waagerecht hält. Der Fahrer erlebt kein schweres, schwammiges Gefühl, sondern eine flache und stabile Kurvenfahrt. Dieser Effekt ist beim ersten Erleben am schwersten zu begreifen.
Allradlenkung und MB.OS machen das Elektroauto beweglich
Auch die Hinterräder lenken mit. Die Hinterachslenkung mit einem Winkel von bis zu 4,5 Grad ist ein weiterer Teil des Zaubertricks. Bei niedriger Geschwindigkeit drehen sich die Hinterräder entgegengesetzt zu den Vorderrädern. Dadurch fühlt sich das Auto kleiner an, als es tatsächlich ist. Der Wendekreis verringert sich um fast einen Meter. In einer Haarnadelkurve in einem Parkhaus überrascht es, wie viel Platz beim Wenden übrig bleibt.
Bei hoher Geschwindigkeit von mehr als 70 Kilometern pro Stunde drehen sich die Hinterräder in dieselbe Richtung wie die Vorderräder. Dadurch wird der Radstand virtuell „verlängert“. Das verbessert die Richtungsstabilität bei Manövern wie einem Spurwechsel auf der Autobahn. In der Stadt wirkt das Auto kompakt und wendig. Auf der Autobahn liegt es stabil wie ein Fels. Diese Technik ergibt Sinn und soll Käufer davon überzeugen, sich für einen Mercedes zu entscheiden.
Das Gehirn des Autos ist ein neues zentrales Betriebssystem namens MB.OS, kurz für Mercedes-Benz Operating System. Es vereint Gehirn und zentrales Nervensystem. Mercedes hat es selbst entwickelt, um vier Bereiche gleichzeitig zu steuern: Infotainment, Assistenzsysteme, Karosserie und Komfort sowie Fahren und Laden. Das System basiert auf einer „Chip-to-Cloud“-Architektur. Software und Hardware sind voneinander getrennt, damit das Auto flexibel bleibt. Das Fahrzeug ist niemals „fertig“, sondern kann drahtlose Aktualisierungen erhalten. Dazu gehören künftig auch neue Funktionen für automatisiertes Fahren.
Um die enormen Datenmengen der bis zu zehn Kameras und 17 Sensoren zu verarbeiten, wird MB.OS von einem wassergekühlten Supercomputer angetrieben. Er kann bis zu 254 Billionen Berechnungen pro Sekunde ausführen. Das Ausmaß dieser Leistung ist kaum zu begreifen. Hinter dem Lenkrad wirkt die elektrische Mercedes C-Klasse jedoch unmittelbar intelligenter als andere Autos. Das System kann selbstständig lernen und sich an den Nutzer sowie die Umgebung anpassen. Das Ziel besteht darin, nicht mehr nur ein Auto zu sein, sondern ein intelligenter Begleiter.
Neu ist ein Spurwechsel, der automatisch ausgeführt werden kann. Dafür muss lediglich der Blinkerhebel angetippt werden. Hinzu kommt eine automatische Rückfahrfunktion. Das Auto merkt sich fortlaufend die letzten 150 Meter der gefahrenen Strecke. Gerät der Fahrer in eine Sackgasse oder muss das Fahrzeug auf einer Fähre rückwärtsfahren, genügt es, „P“ zu drücken und „automatisches Rückwärtsfahren“ auszuwählen. Das Auto fährt anschließend exakt denselben Weg rückwärts, den es zuvor vorwärts zurückgelegt hat. Eine weitere Neuheit ist der automatische Schutz der Felgen, der Kratzer verhindern soll.
Reichweite, Effizienz und Bedeutung für Deutschland
Mit einem cW-Wert von 0,22 besitzt die elektrische Mercedes C-Klasse eines der aerodynamisch effizientesten Designs, die derzeit auf den Straßen zu finden sind. Der Innenraum besteht aus recycelten Materialien und ist als erster weltweit von der Vegan Society zertifiziert. Außerdem verfügt das Auto über eine neue und effizientere Wärmepumpe. Die allradgetriebene C-Klasse darf Anhänger mit einem Gewicht von bis zu 1.800 Kilogramm ziehen. Auf dem Dach können bis zu 80 Kilogramm transportiert werden. An der Hinterachse arbeitet ein Zweiganggetriebe, das die Effizienz steigert. Wird der vordere Elektromotor nicht benötigt, wird er mechanisch entkoppelt, um Energie zu sparen. Im normalen Fahrbetrieb fährt die elektrische C-Klasse damit zeitweise nur mit Hinterradantrieb.
Der Preis für den umfangreich ausgestatteten C 400 4Matic liegt bei umgerechnet rund 73.600 Euro. Mercedes gewährt eine Garantie von fünf Jahren oder 200.000 Kilometern. Das Auto kann ab Ende des Jahres ausgeliefert werden.
Für Deutschland besitzt die elektrische Mercedes C-Klasse eine besondere Bedeutung. Das Modell wird hierzulande gebaut und soll zeigen, dass Mercedes-Benz technologisch mit chinesischen Elektroautoherstellern mithalten kann. Gerade der deutsche Markt stellt jedoch hohe Anforderungen an Reichweite, Ladegeschwindigkeit, Autobahnstabilität und Alltagstauglichkeit. Die Kombination aus 800-Volt-Technik, intelligentem Fahrwerk, hoher Anhängelast und eigener Softwareplattform könnte deshalb entscheidend sein. Sie muss traditionelle Mercedes-Kunden überzeugen und zugleich neue Käufer ansprechen, die bislang chinesische oder amerikanische Elektroautos bevorzugen.
Das Fazit fällt eindeutig aus: Die elektrische Mercedes C-Klasse kann ihr erhebliches Gewicht nicht beseitigen, aber erstaunlich gut verbergen. Fahrwerk, Hinterachslenkung und Software arbeiten so überzeugend zusammen, dass sich das 2,5-Tonnen-Auto leichter und beweglicher anfühlt, als es sein dürfte. Damit liefert Mercedes eine technisch ernst zu nehmende Antwort auf die Konkurrenz aus China. Ob daraus auch ein wirtschaftlicher Befreiungsschlag wird, entscheidet am Ende nicht die Teststrecke in Finnland, sondern der Preis und die Nachfrage auf den europäischen Märkten.



