Finanzen

Mercedes-Aktie: Autobauer investiert eine Milliarde Euro in Ungarn – Strategie gegen chinesische Konkurrenz?

Mercedes hat eine Milliarde Euro in Ungarn investiert. Nach dem Ausbau soll das Werk in Kecskemét jährlich mehrere hunderttausend Autos produzieren und damit zu einem der wichtigsten Standorte in der Produktionslandschaft der Marke werden.
17.07.2026 16:00
Lesezeit: 5 min
Mercedes-Aktie: Autobauer investiert eine Milliarde Euro in Ungarn – Strategie gegen chinesische Konkurrenz?
Die elektrische C-Klasse von Mercedes-Benz bei der Eröffnung der Werkserweiterung in Kecskemet (Foto: dpa). Foto: Julian Weber

Schub für Mercedes-Aktie? Kecskemét wird zu einem Schlüsselstandort

Die Mercedes-Benz Group stärkt die industrielle Landschaft Europas. Am vergangenen Montag hat der deutsche Konzern im Werk Kecskemét in Ungarn die Produktion der vollelektrischen C-Klasse aufgenommen und damit den umfangreichen Ausbau des Werks abgeschlossen. Die berichtete das Portal Puls Biznesu. Das Werk, das jahrelang vor allem mit der Produktion von Kompaktmodellen in Verbindung gebracht wurde, ist nun zu einem der wichtigsten Glieder im globalen Produktionsnetzwerk des Mercedes-Benz-Konzerns geworden.

Der Ausbau des Werks ist Teil eines umfassenderen Wandels, den der deutsche Hersteller durchläuft: Er passt seine Werke an die neue Fahrzeuggeneration an. Die Investition in Ungarn soll die Produktionskosten senken, die Lieferkette optimieren und die Wettbewerbsfähigkeit im Wettbewerb mit den dynamisch wachsenden chinesischen Herstellern von Elektroautos steigern.

„Das ist für uns ein Meilenstein“, sagt Michael Schiebe, Vorstandsmitglied der Mercedes-Benz Group und verantwortlich für Produktion, Qualität und Lieferkettenmanagement.

Er betont, dass viele Marken die Elektromobilität anfangs vor allem als technologische Herausforderung betrachteten, das Interesse an Elektroautos jedoch wächst und diese zunehmend zu einer Alternative zu Verbrennermodellen werden.

„Bei den elektrischen GLC- und CLA-Modellen ist das Interesse größer als bei ihren Pendants mit Verbrennungsmotor. Deshalb glauben wir an den Erfolg der elektrischen C-Klasse“, sagt Michael Schiebe.

Das Modell soll eine wichtige Rolle in der Strategie des Konzerns spielen. Es bietet über 400 PS, mehr Komfort und kürzere Ladezeiten und soll nicht nur mit den traditionellen Premium-Konkurrenten, sondern auch mit dem immer stärkeren Angebot chinesischer Hersteller konkurrieren.

Eine Erweiterung im Wert von einer Milliarde Euro

Der Ausbau des Werks kostete über eine Milliarde Euro. Investiert wurde in neue Produktionshallen, den Ausbau der Infrastruktur, die Vorbereitung auf die Produktion von Elektroautos, die Batteriemontage sowie die Einführung digitaler Fertigungstechnologien.

Nach Abschluss des Ausbaus soll Kecskemét eine Produktionskapazität von 350.000 bis 400.000 Fahrzeugen pro Jahr erreichen. Das wäre mehr als doppelt so viel wie bisher. Das Werk wird nicht nur die elektrische C-Klasse produzieren, sondern auch weitere Modelle der neuen Generation, darunter Elektroautos aus den Schlüsselsegmenten von Mercedes.

Für Ungarn ist dies ein großer Erfolg. Das Land hat nicht nur das Werk angezogen, sondern auch Technologien, hochqualifizierte Arbeitsplätze und einen großen Teil der Lieferkette.

„Der Vorteil von Kecskemét beruht nicht ausschließlich auf niedrigeren Arbeitskosten. Auch die Produktivität, die Kompetenz der Mitarbeiter, die Produktionsorganisation und die Fähigkeit, das Werk schnell an neue Modelle anzupassen, spielen eine Rolle“, versichert Michael Schiebe.

Mercedes bereitet sich auf die chinesische Konkurrenz vor

Der Ausbau des Werks ist Teil einer umfassenderen Reaktion von Mercedes auf die veränderte Marktsituation. Die größte Herausforderung für europäische Hersteller ist die zunehmende Konkurrenz durch chinesische Marken. Die Hersteller aus dem Reich der Mitte konkurrieren längst nicht mehr nur über den Preis. Zu ihren Vorteilen zählen auch die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung, die Digitalisierung sowie die Fähigkeit, neue Modelle zügig auf den Markt zu bringen.

Mercedes reagiert darauf mit einer Neuausrichtung der Produktionsstrategie.

„Wir müssen unsere Kostenbasis anpassen, bevor der Wettbewerb durch chinesische Hersteller noch weiter zunimmt. Kecskemét ist eines der Instrumente dieser Strategie“, betont Michael Schiebe.

Die Fabrik der Zukunft – was das für die Mercedes-Aktie bedeutet

Kecskemét soll zudem zum Standort für die Einführung neuer Technologien werden, die später auch in anderen Werken des Konzerns zum Einsatz kommen werden. Eine der wichtigsten Lösungen ist der sogenannte digitale Zwilling. Mercedes hat bereits vor Baubeginn ein digitales Modell der Montagehalle erstellt. So konnten die Ingenieure den Produktionsablauf, die Anordnung der Anlagen und die Logistik überprüfen, noch bevor die erste Maschine in der Halle stand.

„Wir hatten ein vollständiges digitales Modell der Montagehalle. Bereits in einer sehr frühen Phase der Fahrzeugentwicklung und des Werksbaus konnten wir die Produktionsprozesse simulieren“, sagt Christian Dikkerd, Werksleiter in Kecskemét. Die Lösung wird schrittweise in weiteren Werken des globalen Produktionsnetzwerks von Mercedes eingeführt.

Ein zweites Beispiel für technologische Lösungen ist ein Qualitätskontrollsystem, das künstliche Intelligenz nutzt. Mercedes nennt es „Octopus“. Die Technologie wurde in China entwickelt, und das Werk in Ungarn ist das erste in Europa, in dem sie zum Einsatz kommt.

Das System analysiert Fahrzeugkomponenten und weist auf potenzielle Probleme hin, zum Beispiel Kratzer oder kleine Oberflächenbeschädigungen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Kontrolle vollständig an Maschinen übergeben wird. „Die künstliche Intelligenz weist lediglich auf ein potenzielles Problem hin. Die endgültige Entscheidung trifft immer ein Mensch“, betont Christian Dikkerd.

Batterien direkt neben der Produktion

Eines der wichtigsten Elemente des neuen Werks ist die lokale Montage der Batterien. Mercedes hat diese direkt neben dem Werk angesiedelt, um den logistischen Aufwand zu reduzieren und die Flexibilität der Produktion zu erhöhen.

„Die Entfernung zwischen der Endmontage der Batterien und der Fahrzeugmontagelinie beträgt nur wenige hundert Meter“, sagt Christian Dikkerd. Bei einem Treffen in Kecskemét vermieden Vertreter von Mercedes Aussagen zum Anteil von Elektroautos am Absatz im Jahr 2035. Der Grund: Zu viel hängt von den Vorschriften und der Situation auf den einzelnen Märkten ab.

„Heute lässt sich schwer sagen, ob es 100 oder 75 Prozent sein werden. Es könnten andere Anforderungen hinzukommen, und die Vorschriften haben einen enormen Einfluss auf das Tempo der Entwicklung der Elektromobilität“, erklärt Michael Schiebe.

Im zweiten Quartal betrug der Anteil von Elektroautos am Absatz von Mercedes in Europa 43 Prozent. Für die zweite Jahreshälfte rechnet der Konzern mit einem Anstieg, unter anderem dank des Auslieferungsstarts der neuen Elektromodelle GLC und CLA sowie der Markteinführung der C-Klasse.

Automatisierung ist nicht immer die Lösung

Mercedes betont jedoch, dass Kostenreduzierung nicht automatisch durch Automatisierung erreicht wird. „Die Arbeitskosten sollten nicht das einzige Kriterium sein, das über Automatisierung entscheidet“, sagt Michael Schiebe.

Seiner Meinung nach kann die Robotisierung komplizierter Prozesse in vielen Fällen sogar teurer sein als menschliche Arbeit. Maschinen erfordern große Investitionen, ihre Einführung ist kostenintensiv, und wenn sich die Produktion schnell verändert, kann eine zu starre Automatisierung zum Hindernis werden. Roboter sollten deshalb dort eingesetzt werden, wo sie tatsächlich einen messbaren Mehrwert bringen und den Produktionsprozess verbessern.

„Die Möglichkeit, die Produktion flexibel zu gestalten und den Prozess laufend anzupassen, ist wichtiger als eine automatische Entscheidung zugunsten der Automatisierung“, sagt Michael Schiebe.

Automatisierung ist damit nicht nur ein strategisches Element im Kampf um Effizienz, sondern auch eine Frage der richtigen Balance. Es geht nicht darum, Menschen pauschal durch Roboter zu ersetzen, nur weil die Arbeitskosten sinken sollen. Entscheidend ist, wo Technologie den Prozess wirklich optimiert.

„Ziel des Einsatzes neuer Technologien ist nicht nur eine neue Generation von Autos, sondern auch eine Optimierung der Prozesse und die Möglichkeit, verschiedene Modelle auf einer gemeinsamen Produktionslinie zu fertigen“, sagt Michael Schiebe.

Ungarn gegen Polen: Warum Mercedes auf Kecskemét setzt

Der Erfolg von Kecskemét zeigt, wie stark Mitteleuropa um neue Investitionen der Automobilindustrie konkurriert. Ungarn hat Mercedes bereits 2008 angezogen. Ausschlaggebend waren nicht nur niedrigere Kosten, sondern auch die Lage, die Infrastruktur, die Verfügbarkeit von Arbeitskräften und die Nähe zu wichtigen Zulieferern.

Mercedes-Benz Manufacturing Hungary entwickelte sich in Kecskemét schrittweise zu einem Standort, der nun eine zentrale Rolle in der neuen Strategie des Konzerns spielt.

Polen hat zwar keine Mercedes-Fabrik von der Größe Kecskeméts, ist aber ebenfalls Teil der europäischen Produktionslandschaft des Konzerns. 2017 begann Mercedes mit dem Bau eines Werks in Jawor in Niederschlesien. Die Investition im Wert von rund 500 Millionen Euro war die erste Fabrik von Mercedes in Polen. Die Produktion startete 2019.

Der nächste Schritt bedeutete die Ausrichtung des Werks auf Elektromobilität. Mercedes produziert dort Batteriesysteme für Elektroautos und Hybridfahrzeuge. 2024 kündigte Mercedes-Benz Vans zudem eine weitere Investition an: In Jawor soll die Produktion von Transportern auf Basis der neuen VAN.EA-Plattform entstehen. Die geplante Investition soll mehr als eine Milliarde Euro betragen und rund 2.500 Arbeitsplätze schaffen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Wall Street gerät wegen steigender US-Anleiherenditen ins Stocken
15.09.2026

Erfahren Sie, welche globalen Entwicklungen die Aktienmärkte derzeit ausbremsen und warum Anleger jetzt besonders wachsam sein müssen.

DWN
Panorama
Panorama Werden Kippen viel teurer? Tabakbranche warnt vor "Exzess"
15.09.2026

Damit der Bund zusätzliche Einnahmen erzielt, sollen Deutschlands Raucher stärker zur Kasse gebeten werden als bisher. Doch bringt das...

DWN
Finanzen
Finanzen Northrop Grumman-Aktie: Dieser Megaauftrag könnte den Kurs zünden
15.09.2026

Europas Rüstungsaktien sind davongezogen, doch ausgerechnet ein US-Gigant hinkt hinterher. Northrop Grumman steht vor milliardenschweren...

DWN
Technologie
Technologie United States Space Force: USA bestätigen Weltraumwaffen
15.09.2026

Der Weltraum wird zum neuen militärischen Machtfeld: Die USA bestätigen erstmals offiziell Waffen im Orbit. Dahinter steht die United...

DWN
Politik
Politik Merz kündigt Entlastungen bei Spritpreisen an
15.09.2026

Die Spritpreise steigen weiter und bringen immer mehr Autofahrer an ihre Belastungsgrenze. Kanzler Merz kündigt nun schnelle Entlastungen...

DWN
Politik
Politik "Vor Kraft kaum laufen": AfD will Volkspartei werden
15.09.2026

Die rechtspopulistische AfD hat in Sachsen-Anhalt einen historischen Wahlerfolg erzielt und könnte am kommenden Sonntag weiter zulegen....

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie springt über 1.000 Euro: Neuer Auftrag sorgt für Rückenwind – ist das die Trendwende?
15.09.2026

Die Rheinmetall-Aktie meldet sich mit einem kräftigen Kurssprung über die Marke von 1.000 Euro zurück. Ein neuer Munitionsauftrag...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Zerfällt die WTO?
15.09.2026

Die Welthandelsorganisation WTO verliert weiter an Bedeutung. Sie warnt nun vor massiven Wohlstandsverlusten, wenn sich die Weltwirtschaft...