Börsencrash in China: Peking setzt auf Vorsorge statt Konjunkturpakete
China stellt sich nach Einschätzung von Analysten auf eine Finanzkrise ein. Die wirtschaftlichen Probleme verschärfen sich, doch umfassende staatliche Hilfspakete sind bislang nicht vorgesehen. Stattdessen will Peking neue Rettungsfonds aufbauen, die im Fall eines Börsencrashs oder einer Bankenkrise eingreifen können. Das berichten unsere Kollegen von Dagens Industri.
Die Warnsignale für Chinas Wirtschaft leuchten inzwischen in immer mehr Bereichen rot. Bei der jüngsten vierteljährlichen Sitzung des Politbüros räumte die Führung ein, dass das Land vor "Schwierigkeiten und Herausforderungen" stehe. Hinweise auf umfangreiche Konjunkturprogramme, die Konsum und Investitionen ankurbeln könnten, blieben jedoch aus. "Wer erwartet hatte, dass die politischen Entscheidungsträger Chinas schwächelnder Wirtschaft zu Hilfe kommen, für den gibt es schlechte Nachrichten. Die Kavallerie ist nicht unterwegs", schreibt das in Peking ansässige Analysehaus Trivium China.
Chinas Wirtschaft hat sich in den vergangenen Monaten deutlich abgekühlt. Die Investitionen brechen ein, der Immobiliensektor befindet sich weiter im freien Fall und die Einkommen der privaten Haushalte sind auf historische Tiefstände gesunken. Die Exportindustrie bleibt zwar leistungsfähig, leidet jedoch unter Überkapazitäten und sinkenden Gewinnmargen. Auch chinesische KI-Herausforderer geraten an den Börsen erheblich unter Druck, wie die schwedische Wirtschaftszeitung Dagens industri berichtete.
Die Forderungen nach umfassenden Konjunkturmaßnahmen werden lauter. In einer vergleichbaren Lage hätten Regierungen anderer großer Volkswirtschaften vermutlich bereits umfangreiche Hilfen beschlossen. Peking scheint jedoch einen anderen Weg zu wählen. Ein mögliches Ziel besteht darin, den weiteren Anstieg der chinesischen Schuldenlast zu begrenzen.
Chinas Schuldenquote erhöht das Risiko eines Börsencrashs
Die Gesamtverschuldung Chinas erreichte Ende 2025 rund 300 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Damit liegt sie höher als in den meisten großen Volkswirtschaften und fast 50 Prozentpunkte über dem Stand vom Höhepunkt des chinesischen Immobilienmarktes im Jahr 2021. Berechnungen des Analysehauses Trivium zufolge könnte die Schuldenquote innerhalb eines Jahrzehnts auf mehr als 400 Prozent steigen, falls Peking nicht gegensteuert. Die chinesische Führung muss deshalb zwischen kurzfristiger Konjunkturstützung und langfristiger Finanzstabilität abwägen.
Diese Entscheidung gewinnt durch den demografischen Wandel zusätzlich an Bedeutung. Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter sinkt bereits. Gleichzeitig dürften die Kosten für das Gesundheitswesen und die Versorgung älterer Menschen erheblich steigen. Damit nehmen die langfristigen Verpflichtungen des Staates zu, während sich die wirtschaftliche Grundlage für ihre Finanzierung abschwächt.
Auch andere Beobachter kommen zu einer ähnlichen Einschätzung. "Chinas Führung bereitet sich auf einen großen finanziellen Zusammenbruch vor", schreibt Ann Listerud, leitende Analystin beim Beratungsunternehmen Pamir Consulting in Washington. Listerud verweist auf den jüngsten chinesischen Fünfjahresplan. Dieser enthält nach ihrer Einschätzung erstmals konkrete Anweisungen, das Land durch den Aufbau neuer Rettungsfonds auf eine künftige Finanzkrise vorzubereiten. Die Maßnahmen lassen darauf schließen, dass Peking erhebliche Risiken im Bankensystem und in der Gesamtwirtschaft erkennt, selbst wenn die Regierung öffentlich keinen unmittelbar bevorstehenden Börsencrash ankündigt.
Die Zentralregierung in Peking soll den größten Teil der Finanzierung dieser Fonds übernehmen. Parallel dazu werden die lokalen Behörden aufgefordert, spezielle Anleihen aufzulegen, mit denen kleinere Banken gestützt und rekapitalisiert werden können. Für die Provinzen und Kommunen könnte diese Aufgabe zu einer erheblichen Belastung werden. Seit Beginn des Jahres haben mindestens 86 chinesische Regionalbanken bereits zusätzliches Kapital erhalten. Die Mittel kamen überwiegend von lokalen staatlichen Stellen.
Börsencrash mit Folgen für deutsche Unternehmen
Unklar bleibt, wie die Lokalregierungen zusätzliche Bankenhilfen dauerhaft finanzieren sollen. Ihre Einnahmemöglichkeiten sind begrenzt, solange China sein nationales System zur Verteilung der Steuereinnahmen nicht grundlegend neu ordnet. Viele Provinzen leiden zugleich unter den Folgen der Immobilienkrise, da Einnahmen aus Grundstücksverkäufen eingebrochen sind und bestehende Schulden weiter bedient werden müssen.
Gabriel Wildau, Gründer des in New York ansässigen Analysehauses Teneo, verweist ebenfalls auf das Fehlen umfassender Maßnahmen zur Stabilisierung der angeschlagenen Wirtschaft. Peking könnte demnach erst eingreifen, falls sich die außenwirtschaftlichen und innenpolitischen Risiken weiter verschärfen. "Neue Maßnahmen werden wahrscheinlich erst aktuell, falls sich der Iran-Konflikt hinzieht und Chinas Exporte beeinträchtigt oder die inländische Nachfrage weiter nachgibt", schreibt Wildau.
Eine chinesische Finanzkrise wäre auch für deutsche Unternehmen von erheblicher Bedeutung. China gehört für zahlreiche deutsche Industrie-, Chemie-, Maschinenbau- und Automobilkonzerne zu den wichtigsten Absatz- und Produktionsmärkten. Ein Börsencrash oder eine Bankenkrise könnte die chinesische Nachfrage zusätzlich schwächen, Investitionsprojekte verzögern und den Preisdruck durch chinesische Überkapazitäten auf dem europäischen Markt erhöhen. Gleichzeitig könnten Finanzierungsprobleme bei chinesischen Kunden und Geschäftspartnern zu höheren Ausfallrisiken führen.
Für deutsche Unternehmen besteht das zentrale Risiko daher nicht allein in sinkenden Aktienkursen. Entscheidend wäre, ob finanzielle Verwerfungen auf Banken, Immobilienunternehmen, Verbraucher und die Industrie übergreifen. Pekings Aufbau neuer Rettungsfonds zeigt, dass sich die chinesische Führung zumindest auf ein solches Szenario vorbereitet.

