Europäische Aktien verlieren gegenüber den USA dramatisch an Boden
Noch vor drei Jahren stellte Europa neun der 50 wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt. Heute sind davon nur noch drei übrig. Als Hauptgrund sehen Strategen den Boom der künstlichen Intelligenz, berichtet die dänische Wirtschaftszeitung "Børsen".
Die Dominanz der USA hat sich weiter verstärkt. Allein die fünf größten amerikanischen Technologieunternehmen vereinen inzwischen rund 16 Prozent des gesamten Werts des globalen Aktienmarktes auf sich. Diese Entwicklung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem viele Anleger auf eine Rückkehr europäischer Aktien gehofft hatten. Antreiben sollten sie Investitionen in Milliardenhöhe in Verteidigung und Infrastruktur.
Unter den 50 größten Unternehmen der Welt befinden sich aus Europa inzwischen nur noch der niederländische Chipausrüster ASML, die britische Bank HSBC und der Schweizer Pharmakonzern Roche. Der dänische Arzneimittelhersteller Novo Nordisk gehört dagegen zu den Unternehmen, die aus den Top 50 herausgefallen sind. Das zeigt eine Analyse historischer Daten von Companies Market Cap.
"Die Konzentration am Aktienmarkt zwischen Europa und den USA ist größer als jemals zuvor", sagte Morten Nielsen, Aktienstratege bei der Jyske Bank. Europas wertvollstes Unternehmen ASML erreicht gleichzeitig nur etwa ein Siebtel des Börsenwerts von Nvidia, dem derzeit größten Unternehmen der Welt. "Es ist bemerkenswert, dass die Unterschiede zwischen den USA und Europa so groß sind. Wir erleben eine historische Entwicklung, bei der die Konzentration des Aktienmarktes zwischen diesen Regionen größer ist als jemals zuvor. Das liegt vor allem an den amerikanischen Großkonzernen", sagte Nielsen.
Hinter dieser Entwicklung steht vor allem ein Sektor: die Technologiebranche. Die fünf wertvollsten Unternehmen der Welt sind die amerikanischen Konzerne Nvidia, Apple, Alphabet, Microsoft und Amazon. "Vor allem die Technologiebranche dominiert. Unter den 40 größten Unternehmen der Welt befindet sich mit ASML nur ein europäisches Unternehmen. Europa ist im Technologiesektor kaum vertreten. Das erklärt zu einem großen Teil, warum amerikanische Aktien die höchsten Bewertungen erreichen", sagte Natalia Setlak, Chefanalystin bei AL Sydbank.
Sie betonte, dass europäische Unternehmen in der Industrie, im Finanzsektor und im Gesundheitswesen stark vertreten seien. In der Technologiebranche, die als entscheidender Wachstumsmotor der Zukunft gilt, spiele Europa dagegen nur eine untergeordnete Rolle. Die fünf größten Unternehmen vereinen 16 Prozent des gesamten Werts des globalen Aktienmarktes auf sich. Sowohl Morten Nielsen als auch Oskar Bernhardtsen, Anlagestratege bei der Saxo Bank, sind überzeugt, dass Europa trotz des verlorenen Bodens nicht abgeschrieben werden sollte. "Der Aktienmarkt konzentriert sich derzeit einfach sehr einseitig auf künstliche Intelligenz", sagte Bernhardtsen.
Europäische Aktien sind günstig, doch der Wachstumsmotor bleibt schwach
Europa verfügt weiterhin über zahlreiche innovative Unternehmen. Dazu gehört der niederländische Konzern ASML, der Maschinen für die Chipindustrie liefert und zu den wertvollsten Unternehmen Europas zählt. Nach Einschätzung von Morten Nielsen können diese Unternehmen jedoch weder beim Wachstum noch bei der Profitabilität mit den amerikanischen Großkonzernen konkurrieren. "Wenn wir genauer hinsehen, sind die großen amerikanischen Aktien einfach deutlich attraktiver als die großen europäischen", sagte er.
Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis europäischer Unternehmen liegt bei 19. In den USA beträgt es dagegen 31. Europäische Aktien könnten sich laut Nielsen "nur darauf stützen, dass sie im Allgemeinen günstig sind".
"Der europäische Aktienmarkt lässt sich mit einem billigen Auto vergleichen. Man bekommt es zwar zu einem günstigen Preis. Doch wenn man unter die Motorhaube schaut, findet man dort keinen besonders leistungsstarken Motor. Es ist auch kein Auto, um das sich die Menschen versammeln", sagte Nielsen.
Europa hat in den vergangenen Jahren verstärkt in Verteidigung und Infrastruktur investiert. Das hat viele Anleger dazu bewegt, Aktien von Rüstungsunternehmen zu kaufen. Setlak und Bernhardtsen erwarten dennoch nicht, dass europäische Verteidigungs- und Industriekonzerne in absehbarer Zeit mit den amerikanischen Technologiegiganten konkurrieren können. "Im Vergleich zu den USA sind die Investitionen gering. Für einen dänischen Anleger mag Rheinmetall wie ein großes Unternehmen wirken. Neben Nvidia ist der Konzern jedoch unbedeutend. Der Börsenwert von Rheinmetall lag auf seinem Höhepunkt bei rund 100 Milliarden Euro. Nvidia erreichte dagegen 5.000 Milliarden Dollar", sagte Bernhardtsen. ASML wird mit 686 Milliarden Dollar bewertet. Das entspricht rund 14 Prozent des Börsenwerts von Nvidia, dem wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt.
Nach Einschätzung Bernhardtsens könnten europäische Aktien vor allem dann wieder unter die größten Unternehmen der Welt aufsteigen, wenn der Sektor der künstlichen Intelligenz die Erwartungen enttäuscht. Anleger könnten dann verstärkt nach stabileren Geschäftsmodellen suchen, beispielsweise bei europäischen Pharmakonzernen, die früher zu den wertvollsten Unternehmen der Welt gehörten.
Sollte sich der KI-Boom abkühlen, würden Anleger Setlak zufolge wahrscheinlich stärker in zyklische Branchen wie den Finanzsektor und die Industrie investieren. Auch defensive Bereiche wie das Gesundheitswesen und die Konsumgüterbranche könnten profitieren. In all diesen Sektoren ist Europa stark vertreten. "Das Basisszenario lautet jedoch weiterhin, dass künstliche Intelligenz nicht enttäuschen und weiter wachsen wird. Sollte dieses Szenario nicht eintreten, wäre das für europäische Aktien sehr vorteilhaft", sagte sie.
Comeback europäischer Aktien hängt an Investitionen und Reformen
Nach Ansicht von Morten Nielsen benötigt Europa vor allem zwei Voraussetzungen, damit seine Unternehmen wieder stärker unter den weltweiten Top 50 vertreten sind. "Wenn Europa eine größere Präsenz in den Top 50 erreichen möchte, müssen die Investitionen in die Infrastruktur beschleunigt werden. Gleichzeitig muss das politische System flexibler werden", sagte Nielsen. Die bisherigen Investitionspläne hinkten dem Zeitplan hinterher. "Es bestand die Hoffnung, dass Deutschland die Investitionen ernsthaft in Gang bringen würde. Doch Mitte 2026 ist klar, dass sie hinter dem Zeitplan zurückliegen", sagte Nielsen.
Damit erhält die Entwicklung auch für Deutschland eine besondere Bedeutung. Mit Rheinmetall verfügt die Bundesrepublik zwar über einen international stark gewachsenen Rüstungskonzern. Dessen Börsenwert zeigt jedoch zugleich, wie groß der Abstand zu den amerikanischen Technologiekonzernen inzwischen ist. Ob deutsche und andere europäische Unternehmen künftig wieder zu den wertvollsten Konzernen der Welt aufschließen können, hängt deshalb nicht allein von höheren Verteidigungsausgaben ab. Entscheidend sind auch schnellere Infrastrukturprojekte, bessere Wachstumsbedingungen und ein stärkerer europäischer Technologiesektor.
Könnte es künftig sogar dazu kommen, dass überhaupt kein europäisches Unternehmen mehr unter den 50 wertvollsten Börsenkonzernen vertreten ist? "Alles ist möglich. Mehrere europäische Großunternehmen verfügen jedoch über eine globale Reichweite. Deshalb halte ich dieses Szenario für unwahrscheinlich. ASML wäre beispielsweise nur schwer zu verdrängen, weil das Unternehmen bei hochmodernen Lithografiemaschinen für die Produktion von Mikrochips eine Monopolstellung besitzt. Wir sollten sehr dankbar sein, dass wir ein solches Unternehmen haben", sagte Nielsen.
Setlak teilt diese Einschätzung. Auch sie glaubt nicht, dass Europa vollständig aus der Rangliste der wertvollsten Unternehmen der Welt verschwinden wird. "Ich glaube allerdings auch nicht, dass sich die Kräfteverhältnisse wesentlich verändern werden", betonte sie.

