Von der Personalnot zur digitalen Assistentin
In den deutschen Anwaltskanzleien ist eine Personallücke entstanden, die kein Anwalt füllen kann. Und den Beruf, der sie schließen könnte, erlernt kaum noch jemand.
Wer eine Kanzlei am Laufen hält, ist selten der Anwalt selbst, diese Arbeit erledigen die Rechtsanwaltsfachangestellten. Sie nehmen Mandate an, kontrollieren Fristen und bereiten Schriftsätze vor. Über die Hälfte der Arbeit in einer Kanzlei laufe über diese Berufsgruppe, sagt René Fergen, Gründer des Legal Tech JUPUS im Gespräch mit dem High-Tech Gründerfonds (HTGF). Doch ausgerechnet diese Berufsgruppe hat Nachwuchsprobleme.
Die Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) zählte zum 1. Januar 2026 exakt 167.547 zugelassene Anwälte, das sind gut tausend mehr als im Jahr zuvor. Der Nachwuchs für das Sekretariat geht den umgekehrten Weg. Im Jahr 2025 wurden bundesweit nur noch 2.885 neue Ausbildungsverträge für Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte geschlossen, für den Beruf der Rechtsanwaltsfachangestellten sogar nur 2.068, wie die BRAK im Januar meldete. Zu Beginn der Zeitreihe 1998 waren es fast 10.000.
In 30 Jahren sei die Zahl neu ausgebildeter Fachangestellter um mehr als 70 Prozent gefallen, während sich die Zahl der Anwälte verdreifacht habe. Wie grotesk das Missverhältnis geworden sei, macht der Gründer an Berlin fest, wo im vergangenen Jahr 88 Menschen die Ausbildung begonnen hätten, bei mehr als 12.000 Anwälten. Die BRAK selbst gibt sich optimistischer. Der Rückgang habe sich 2025 auf 0,7 Prozent verlangsamt, einzelne Kammern meldeten sogar Zuwächse.
Eine Stellenanzeige hilft den Kanzleien hierzulande allerdings wenig, weil sich niemand mehr darauf bewirbt. Die Folge: Anwälte nehmen weniger Fälle an, arbeiten dennoch mehr und verdienen dabei weniger. Die liegengebliebene Arbeit aber muss jemand erledigen, und in mehr als 700 Kanzleien übernimmt das inzwischen eine KI aus Köln. Sie hört auf den Namen Marie und stammt von Fergens Start-up JUPUS.
Gründer René Fergen und sein Feindbild Stillstand
Fergen wäre fast selbst in dieser Anwaltschaft gelandet. Er stammt aus einem juristisch geprägten Elternhaus im Rheinland, ehe ihn ein Schülerpraktikum bei einem Strafverteidiger zum Jurastudium nach Trier brachte. Dort gründete er dann lieber einen studentischen Legal-Tech-Verein, als sich auf das Referendariat vorzubereiten. In der juristischen Ausbildung und in Teilen der Anwaltschaft habe sich über Jahrzehnte kaum etwas bewegt, so Fergen in der FAZ.
Nach dem ersten Staatsexamen ließ er den klassischen Weg über das zweite Examen und den Einstieg als Junganwalt liegen und gründete im Jahr 2022 in Trier seine erste Firma, aus der nach einer Neuausrichtung und dem Umzug nach Köln zum Jahreswechsel 2022/23 JUPUS wurde. Beim Ortstermin in den neuen Kölner Räumen, Tür an Tür mit großen Versicherern und alteingesessenen Wirtschaftskanzleien, beschreibt ihn die FAZ als schlagfertig und vom eigenen Erlösmodell überzeugt.
Die KI namens Marie
Marie ist das Kernprodukt des digitalen Sekretariats. Die juristisch trainierte KI nimmt Anrufe entgegen, ordnet Anfragen und Dokumnete ein und fordert fehlende Informationen an. Zudem berechne Marie Fristen und koordiniere Termine, wie die FAZ beschreibt. „All die Arbeitsschritte, die je nach Komplexität auch Tage dauern können, funktionieren bei uns komplett automatisiert, oft innerhalb von Minuten”, sagte Fergen dem Blatt.
Über die KI hinaus bündelt JUPUS nach eigenen Angaben digitale Fragebögen, Online-Terminbuchungen, elektronische Signaturen und Aktenanlagen sowie eine Dokumenten-KI, die Unterlagen analysiert und Schriftsätze erstellt. Trainiert ist das System auf verschiedene Rechtsgebiete, vom Arbeits- über das Familien-, Miet- und Verkehrsrecht bis zum Straf-, Erb- und Insolvenzrecht, wie die Anwendungsbeispiele auf der Unternehmensseite zeigen. Das KI-Sekretariat kostet laut Preisliste 97 Euro je Nutzer und Monat zuzüglich einer Plattformgebühr von 97 Euro, die Telefon-KI Marie schlägt mit 99 Euro monatlich zu Buche.
Fachkräftemangel für Kleinkanzleien das größte Risiko
Mit seinem Angebot zielt Fergen auf kleinere und mittelgroße Kanzleien mit bis zu 15 Berufsträgern. Dieses kleinere Segment mache in Deutschland knapp 85 Prozent des Marktes aus, und genau für diese Betriebe sei der Fachkräftemangel das größte Risiko, führt Fergen gegenüber der Zeitung aus. „Die juristische Arbeit ist dort nur noch unter Zeitverlust möglich. Dementsprechend kann ein Anwalt auch weniger neue Fälle annehmen.”
Als Dienstleister für Anwälte und Notare bewegt sich JUPUS in einem sensiblen Rechtsrahmen. Das Berufsrecht verlangt eine besondere Verschwiegenheitsvereinbarung, hinzu kommen Datenschutz, Serverstandorte und Verträge mit weiteren IT-Anbietern. Das Training der KI erfolge „ausschließlich mit nicht personenbezogenen Workflowdaten”, sagte Fergen der FAZ. Auf der eigenen Website wirbt das Unternehmen damit, datenschutzkonform und berufsrechtskonform nach der Bundesrechtsanwaltsordnung und Paragraf 203 Strafgesetzbuch zu arbeiten.
13 Millionen Euro eingesammelt
Ende Juni gab JUPUS eine Series-A-Finanzierung über 13 Millionen Euro bekannt, wie unter anderem StartupValley, der High-Tech Gründerfonds (HTGF) und der Deal-Monitor von deutsche-startups.de meldeten.
Angeführt wird die Runde vom paneuropäischen Investor Semapa Next. Die NRW.BANK beteiligt sich über ihren Wagniskapitalfonds NRW.Venture, die Bestandsinvestoren Acton Capital und der HTGF investieren erneut, wie StartupValley berichtet.
Andere Legal-Tech-Lösungen assistierten, während JUPUS arbeite, wird Hugo Augusto, CEO von Semapa Next, dort zitiert. Überzeugt hätten ihn die Tiefe der Integration, die Nutzungsdaten und ein Team, das bewiesen habe, dass es skalieren könne. Zu den frühen Geldgebern zählen nach Angaben des HTGF der Vorstand des Legal Tech Verbands Deutschland und der Berliner Business Angel und Unternehmer Felix Plog.
Jahresumsatz und Belegschaft vervierfacht
Seinen wiederkehrenden Jahresumsatz habe JUPUS im Jahr 2025 mehr als vervierfacht, konkrete Umsatzzahlen nenne das Unternehmen aber nicht, hält die FAZ fest. Auch die Mitarbeiterzahl habe sich 2025 auf rund 60 Köpfe vervierfacht, inzwischen nennt JUPUS auf seiner Website über 80 Beschäftigte.
Nach Darstellung des HTGF bearbeitet das System täglich mehr als 2.000 neue Fälle, mehr als jede Anwaltskanzlei in Europa. Die FAZ beziffert den Kundenstamm Ende April auf mehr als 700 Kanzleien, nach eigenen Angaben nutzen inzwischen über 2.000 Anwälte die Lösung.
In die Geschäftsführung holte JUPUS im Frühjahr Oskar Handrick, der zuvor als Chief Operating Officer die Expansion der Gesundheitsplattform Doctolib in Deutschland verantwortete, wie das Unternehmen auf seiner Website bestätigt.
Der Datenvorsprung gegen die KI-Riesen
Seinen wichtigsten Vorsprung sieht Fergen in den Daten. Ein Anbieter von Basismodellen könne exzellente allgemeine Fähigkeiten liefern, sogar juristiknahe Funktionen, sagt er dem HTGF. Was ihm jedoch fehle, seien echte Daten aus der täglichen Kanzleiarbeit, und genau die entschieden darüber, ob eine KI eine Aufgabe verlässlich ausführe. JUPUS baue deshalb einen der größten Legal-Datensätze Europas auf. Je mehr Kanzleien die Software nutzten, desto besser werde das System.
Dass große KI-Konzerne inzwischen eigene Legal-Produkte ankündigen, wertet das Unternehmen als Bestätigung seiner Strategie, wie StartupValley festhält. Für den Rechtsmarkt werde Datensouveränität zum entscheidenden Merkmal, sagt Max Bergmann, Investment Manager beim HTGF. Kanzleien würden zunehmend sensibler dafür, wessen Systeme ihre Mandantendaten verarbeiteten. Der EU Data Act löse zudem die Bindung an die alteingesessenen Anbieter, während die KI-Nutzung in den Kanzleien rasch zunehme.
„Milliardenmarkt” statt Exit
Mit JUPUS wolle er das größte Legal Tech in Deutschland aufbauen und in weitere europäische Märkte starten, sagte Fergen der FAZ. Einen baldigen Verkauf schließt er aus, anders als viele Gründer, die einen Exit einplanen. „Mit den kleinen und mittelständischen Kanzleien in Europa haben wir einen Milliardenmarkt vor uns”, sagte er dem Blatt, „und wir sehen uns in der Poleposition dafür.”
In zwei Jahren wolle das Unternehmen klarer Marktführer in Deutschland sein, zudem habe man die Expansion in Europa begonnen, so Fergen gegenüber dem HTGF. Ob die Rechnung aufgeht, hängt davon ab, ob JUPUS seinen Datenvorsprung halten kann, bevor Google und Co. im Rechtsmarkt ernst machen. Bis dahin übernimmt eine KI namens Marie in mehr als 700 Kanzleien genau die Arbeit, für die der Nachwuchs momentan fehlt.
