Politik

Schwarzes Meer blockiert: Jetzt rückt Polen als Getreidekorridor auf

Angriffe auf Schiffe im Schwarzen Meer erhöhen die Nachfrage nach europäischen Agrargütern. In den Häfen herrscht deshalb Hochbetrieb. Bald könnte dort auch mehr Getreide aus der Ukraine ankommen. Polnische Unternehmen sind offen für Zusammenarbeit, aber nicht ohne Vorbehalte. Sie erwarten, dass auch die Ukrainer ihren Markt für sie öffnen.
31.08.2026 12:51
Lesezeit: 10 min
Schwarzes Meer blockiert: Jetzt rückt Polen als Getreidekorridor auf
Ukraine-Getreide: Die Blockade am Schwarzen Meer trifft Exporte in die EU. (Foto: dpa) Foto: Axel Seidemann

Polens Häfen als Ausweg für ukrainisches Getreide

„Im Fall der Ukraine ist Getreide ein Instrument im militärischen und politischen Kampf. Die Russen wissen genau, dass die Ukraine mit dem Export von Getreide jedes Jahr Milliarden US-Dollar verdient. Deshalb ist es kein Zufall, dass sie gerade im Juli begannen, Schiffe anzugreifen, die aus ukrainischen Häfen am Schwarzen Meer ausliefen. Nach Angriffen auf mehr als 50 Schiffe, bei denen mindestens 30 Seeleute ums Leben kamen, stoppte die Ukraine die Verschiffung von Getreide auf dem Seeweg. Durch analoge Angriffe auf russische Schiffe sorgte sie außerdem dafür, dass auch Russland die Beladung von Schiffen in seinen Häfen am Schwarzen Meer einstellte“, sagt Krzysztof Gogol von der Polnischen Seeschifffahrt, die sich unter anderem auf den Transport von Agrargütern spezialisiert hat und die Marktverhältnisse sehr gut kennt.

Er weist darauf hin, dass Russland die Möglichkeit hat, Ladungsströme auf das Kaspische Meer oder die Ostsee umzuleiten. Die Ukraine hingegen kann alternativ nur den Bahntransport nutzen, etwa über Polen, sowie den Flusstransport über die Donau nach Rumänien und zum Hafen Constanța.

Das Problem: Die Russen greifen auch ukrainische Züge und Gleise an. Die Donau ist in diesem Jahr extrem flach, daher haben auch Binnenschiffe Schwierigkeiten beim Getreidetransport. In der Folge sinkt der Export ukrainischen Getreides drastisch. Im August dieses Jahres liegt er etwa 75 Prozent niedriger als im entsprechenden Zeitraum des Vorjahres. Nach Angaben der ukrainischen Regierung exportierte die Ukraine im August täglich 29.000 Tonnen Getreide, verglichen mit 91.000 Tonnen im Jahr 2025. Vorerst füllen die Ukrainer also ihre Lager mit Getreide und versuchen, neue Exportkorridore zu öffnen.

Vor der Verschärfung der russischen Angriffe transportierten sie monatlich sechs Millionen Tonnen verschiedener Güter, darunter vier Millionen Tonnen Getreide. Der von UkrAgro Consult zitierte Serhij Derkatsch, stellvertretender Minister für Wiederaufbau, Infrastruktur und Verkehr, schätzte, dass über Donauhäfen, Züge und Lastwagen insgesamt 4,5 Millionen Tonnen Waren aus der Ukraine herausgebracht werden können. Die Häfen an der Donau sollen bis zu drei Millionen Tonnen Fracht abfertigen, die Bahn mehr als eine Million Tonnen und der Straßentransport 200.000 bis 300.000 Tonnen.

Terminalbetreiber wollen nicht mit leeren Händen dastehen

Vor einigen Jahren schloss Polen nach Bauernprotesten seinen Markt für Getreide aus der Ukraine. Es darf das Land nur noch im Transit durchqueren. Nun suchen die Ukrainer nach Möglichkeiten, ihr Getreide in großem Umfang über polnische Häfen in die Welt zu verschicken.

„Derzeit sind die Umschläge von Getreide aus der Ukraine noch gering. Aber wir erhalten, ähnlich wie andere Betreiber von Seehafenterminals, viele Anfragen zu möglichen Umschlägen von Getreide aus der Ukraine. Wenn die Probleme beim Transport über das Schwarze Meer anhalten, könnten in unseren Häfen mehr ukrainische Agrarprodukte auftauchen“, sagt Paweł Zastawny, Vorstandschef des Unternehmens Speed, das im Hafen von Gdynia tätig ist.

Sein Unternehmen plant eine Kooperation mit der Firma Złote Ziarno, die große Erfahrung in der Logistik ukrainischen Getreides hat. Die Zusammenarbeit soll die Bereitstellung von Containern durch Speed sowie den Umschlag von Getreide aus der Ukraine in Gdynia umfassen.

Paweł Zastawny betont allerdings, dass Terminalbetreiber in Polen vorsichtig an eine breit angelegte Zusammenarbeit mit Lieferanten ukrainischer Agrarprodukte herangehen. Sie fürchten, bei einer Wiederöffnung des Schwarzmeerkorridors ohne Aufträge dazustehen, da die Ukrainer ihre Lieferungen schnell wieder in ihre eigenen Häfen umleiten würden.

Er erinnert daran, dass dies schon einmal passiert ist. Nach Ausbruch des Kriegs in der Ukraine kam viel ukrainisches Getreide auf den polnischen Markt, weil es damals ebenfalls nicht per Schiff über das Schwarze Meer verschickt werden konnte. Nach der Wiederöffnung dieser Route kehrten die Ukrainer dorthin zurück, da ihre Terminals deutlich größere Kapazitäten haben als die Ostseehäfen und Schwarzmeerumschläge dadurch effizienter sind. Hinzu kam, dass polnische Bauern gegen die Einfuhr ukrainischen Getreides nach Polen protestierten, da viel davon auf dem polnischen Markt blieb und mit heimischen Produkten konkurrierte.

Derzeit versichern die Häfen, dass sie bereit sind, Getreide aufzunehmen. Im Verhältnis zum Bedarf der Ukraine sind ihre Kapazitäten jedoch nicht besonders groß, auch wenn Terminalbetreiber sie schrittweise ausbauen.

Karolina Gierblińska, Leiterin des Kommunikationsbüros des Hafens Gdynia, teilt mit, dass die Umschläge in den dortigen Terminals im Rekordjahr 2023 fast 6,8 Millionen Tonnen erreichten. Sie betont, dass die Bedienung von Lieferungen aus der Ukraine damals erfolgte, ohne Umschläge für die bisherigen Kunden des Hafens einzuschränken, einschließlich der Abfertigung polnischen Getreides. Nun soll es ähnlich laufen.

„Der Hafen Gdynia ist auf einen möglichen erneuten Anstieg des Transits von Getreide aus der Ukraine vorbereitet. Die derzeitigen Umschlagskapazitäten ermöglichen die Abfertigung zusätzlicher Volumina, ohne die für uns prioritären Umschläge für den heimischen Markt einzuschränken.

Sollte die Nachfrage weiter steigen, verfügt der Hafen Gdynia über das Potenzial, bis zu rund acht Millionen Tonnen Getreide jährlich umzuschlagen. Einen möglichen Anstieg des Transits aus der Ukraine behandeln wir daher als zusätzliche Geschäftschance und nicht als Bedrohung für die effiziente Bedienung der bestehenden Kunden des Hafens“, versichert Karolina Gierblińska.

In den Ostsee-Terminals herrscht Hochbetrieb

Das ist wichtig, denn die Nachfrage nach Getreide aus Polen und anderen EU-Staaten wächst. UkrAgro Consult meldete, dass Kunden, die bisher Weizen in der Ukraine oder Russland gekauft haben, ihre Bestellungen wegen Störungen der Schifffahrt im Schwarzen Meer in die EU verlagern. In der Folge stiegen die Dezember-Futures auf Weizen an der Euronext um vier Prozent, der Weizenpreis in Chicago legte um fast sechs Prozent zu.

In polnischen Terminals herrscht Hochbetrieb, da die Bestellungen für polnische Agrarprodukte seit Monaten wachsen. Nach Daten von Sparks Polska lag der gesamte Getreideexport auf dem Seeweg im Juli bei mehr als 358.000 Tonnen, im Juni waren es 335.000 Tonnen. Im Juli 2025 hingegen wurden per Schiff nur 136.000 Tonnen Getreide aus Polen und der EU versandt.

Getreide umschlagen, ohne den Boden zu berühren

Große Mengen ukrainischen Getreides sind bislang nicht nur in den Häfen kaum zu sehen, sondern auch auf den Schienen und in Landterminals nicht, obwohl Unternehmer für Transport und Umschlag bereitstehen. Auf der Breitspurstrecke PKP LHS wurden 2022 mehr als elf Millionen Tonnen Fracht abgefertigt. In den folgenden Jahren stabilisierte sich das Volumen bei zehn bis elf Millionen Tonnen, bevor es 2025 auf 9,3 Millionen Tonnen sank. In diesem Jahr wächst das Volumen der in beide Richtungen transportierten Containerfracht. Der Großteil der Ladungen aus der Ukraine wird nach dem Umschlag in Terminals entlang der LHS-Linie weiter in Häfen wie Gdańsk und Gdynia geleitet. Agnieszka Hałasa aus dem Pressebüro von PKP LHS teilt auf Anfrage des Wirtschaftsportals Puls Biznesu mit, dass das Unternehmen regelmäßig Waren aus dem Agrarsektor transportiert, darunter Futterschrot, Öle, Erbsen oder Transitgetreide. Im Juli sei jedoch kein Anstieg der Getreideladungen gegenüber den Vormonaten verzeichnet worden.

Transportunternehmen sind bereit, ukrainische Agrargüter zu befördern, verweisen aber auf zahlreiche Barrieren. Marcin Witczak, Vorstandschef des in Toruń ansässigen Unternehmens Laude Smart Intermodal, das in der Ukraine tätig ist, hält eine Änderung der Vorschriften für notwendig. Er weist darauf hin, dass die polnischen Regeln für den Getreidetransit verlangen, Container „ohne Bodenkontakt“ umzuschlagen. Das verringert die Effizienz der Umschläge sowie die Kapazität von Bahnstrecken und Anschlussgleisen.

Bahnunternehmen wollen in die Ukraine

Vorschriften sind nicht die einzigen Barrieren für den Ausbau der Zusammenarbeit. Die Bahnbranche wünscht sich auch eine stärkere Öffnung des ukrainischen Güterverkehrsmarkts für europäische Unternehmen. Schon während der Ukraine Recovery Conference im Juni in Gdańsk betonten Vertreter der Europäischen Kommission und von Finanzinstitutionen: Wenn die Ukraine weiterhin Empfängerin europäischer Finanzmittel sein will, muss sie sich stärker für ausländische Unternehmen öffnen und mehr Akteure auf ihren Markt lassen. Sie verwiesen unter anderem auf die Notwendigkeit, auf der ukrainischen Bahn Vorschriften zur Interoperabilität umzusetzen, damit sie besser mit europäischen Systemen zusammenarbeitet.

Dem soll auch der Bau einer Strecke mit europäischer Spurweite dienen, die von Polen nach Lwiw, Kiew und möglicherweise auch Odessa führen soll. Nach Informationen der Zeitung strebt Brüssel zudem an, in der Ukraine binnen drei Jahren ein Lizenzierungssystem für Transportunternehmen nach ähnlichen Regeln wie in der EU einzuführen. Dadurch soll es europäischen Firmen leichter fallen, unter transparenten Bedingungen eine Transporttätigkeit aufzunehmen, was ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen würde.

„Wir hoffen, dass in der Ukraine Lösungen ähnlich denen in der Europäischen Union erscheinen. Unternehmen mit ukrainischem Kapital erhalten bereits jetzt Lizenzen und führen Transporte in Polen durch. Polnische und europäische Unternehmen haben solche Möglichkeiten auf dem ukrainischen Markt nicht“, sagt Jakub Majewski, Vorstandschef der Stiftung ProKolej.

Mangelnde Zusammenarbeit könnte den Wiederaufbau erschweren

Aber auf dem Bahnmarkt herrscht die Überzeugung, dass die Ukrainer Waren lieber selbst transportieren und umschlagen, während sie externen Unternehmen den Zugang zu ihrem Markt begrenzen. Nach Ansicht von Jakub Majewski erschwert das die Zusammenarbeit bei der Öffnung des Getreidekorridors und kompliziert die Abfertigung anderer Waren.

Seiner Einschätzung nach kann dies auch beim Wiederaufbau der Ukraine zum Problem werden. Der Experte befürchtet, dass ukrainische Bahnunternehmen den Transport von Baumaterialien für den Wiederaufbau kontrollieren wollen, was die Chancen ausländischer Firmen auf große Aufträge begrenzen würde. Deshalb hofft er, dass die EU bei der Vorbereitung der Finanzierung des Wiederaufbaus eine tatsächliche Beteiligung von Unternehmen aus allen Mitgliedstaaten sicherstellt, darunter auch aus Polen.

Michał Beim, Experte des Sobieski-Instituts, erinnert daran, dass Europa sich nach dem russischen Angriff für die Zusammenarbeit mit der Ukraine geöffnet hat. Heute seien ukrainische Unternehmen in vielen Bereichen eine starke Konkurrenz für Akteure aus Polen und anderen EU-Staaten. Er weist darauf hin, dass auf einem beträchtlichen Teil des kriegsbetroffenen Landes inzwischen relativ stabil Geschäfte betrieben werden können. Europäische Unternehmen hätten daher ein Interesse daran, dass auch die Ukraine beginnt, ihren Markt zu öffnen.

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Katarzyna Kapczyńska

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Katarzyna Kapczyńska arbeitet seit 1998 bei Puls Biznesu, dem polnischen Schwesterunternehmen der DWN im Bonnier-Konzern. Anfangs schrieb sie über Investitionen in Wirtschaftszonen und die Privatisierung der polnischen Spirituosenindustrie, heute vor allem über Bauwirtschaft, energieintensive Industrie sowie Wasser- und Abfallwirtschaft.

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