John Ternus übernimmt Apple von Tim Cook
Von Künstlicher Intelligenz über den Kampf um Talente bis zur Abhängigkeit von China: Für den neuen Apple-Chef John Ternus beginnt die Arbeit ohne Schonfrist. Kann der Hardware-Spezialist den Technologiekonzern wieder näher an die Spitze der Innovationsbranche führen? Das fragen sich unsere Kollegen von Finance.si.
Mit dem 1. September übernimmt der 51-jährige John Ternus die Führung des Technologiekonzerns Apple. Schon in der Woche darauf steht sein erster großer Auftritt als Vorstandschef bevor. Am 9. September veranstaltet Apple seine traditionelle Herbstpräsentation neuer Produkte. Medienberichten zufolge könnte dort auch Apples erstes faltbares iPhone eine wichtige Rolle spielen.
Danach dürfte Ternus kaum Zeit für eine lange Einarbeitung bleiben. Auf ihn warten mehrere Probleme, die sein Vorgänger Tim Cook nicht lösen konnte. Besonders drängend ist die Frage, ob Apple mit neuen Produkten seinen Rückstand im Rennen um Künstliche Intelligenz gegenüber OpenAI und Google verringern kann. Drei Bereiche dürften für Ternus besonders wichtig werden.
Tim Cook gibt nach 15 Jahren den Posten des Vorstandschefs ab. Er hatte die Führung 2011 übernommen, wenige Wochen vor dem Tod von Apple-Gründer Steve Jobs. Cook verlässt den Konzern jedoch nicht. Er wechselt an die Spitze des Verwaltungsrats und soll Ternus unter anderem bei wichtigen Beziehungen zur amerikanischen und chinesischen Regierung unterstützen.
Analysten sehen Cooks Erfahrung für Ternus deshalb zunächst als Vorteil. Sie könnte dem neuen Apple-Chef vor allem bei politischen Fragen, in der Lieferkette und bei internationalen Geschäftsbeziehungen helfen.
Ternus selbst verfügt auf diesen Gebieten über weniger Erfahrung. Er arbeitet seit 25 Jahren für Apple und war zuletzt Senior Vice President für Hardware Engineering. In dieser Funktion war er an der Entwicklung nahezu der gesamten Produktpalette beteiligt, darunter iPhones, iPads, Macs und AirPods. Vor allem das iPhone erwirtschaftet weiterhin einen erheblichen Teil des Konzernumsatzes.
Cooks Verbleib könnte jedoch auch zum Problem werden. Der langjährige Apple-Chef besitzt im Konzern weiterhin großen Einfluss. Entscheidend wird deshalb sein, wie viel Gestaltungsspielraum Ternus tatsächlich bekommt.
Tim Cooks Erbe: Apple wächst, aber die Innovation stockt
Apple hat während der vergangenen 15 Jahre unter Tim Cook kein neues Produkt hervorgebracht, das eine vergleichbare Wirkung wie das iPhone entfalten konnte. Dafür baute der Konzern sein Dienstleistungsgeschäft massiv aus. Dazu gehören etwa der Musikdienst Apple Music, der Bezahldienst Apple Pay, der App Store, Apple TV+ und iCloud.
Cook galt weniger als Produktvisionär denn als äußerst erfolgreicher Manager. Nach Einschätzung der Financial Times beruhte sein Geschäftsmodell wesentlich darauf, mit der riesigen installierten Basis von Apple-Geräten mehr Umsatz zu erzielen und gleichzeitig die Lieferketten so zu organisieren, dass der Konzern hohe Margen behielt.
Die wirtschaftliche Bilanz ist beeindruckend. Während Cooks Amtszeit vervierfachte sich Apples Jahresumsatz auf rund 359 Milliarden Euro. Der Aktienkurs stieg um mehr als 2.000 Prozent. Die Marktkapitalisierung erhöhte sich etwa um das 15-Fache auf rund 3,45 Billionen Euro. Gleichzeitig schüttete der Konzern über Dividenden und Aktienrückkäufe umgerechnet mehr als 862 Milliarden Euro an seine Aktionäre aus.
Doch nicht alles verlief problemlos. Cook setzte über viele Jahre stark auf die Produktion in China. Dadurch geriet Apple zunehmend zwischen die politischen Fronten in Washington und Peking.
Cook sagte der amerikanischen Regierung Investitionen von umgerechnet rund 517 Milliarden Euro in den USA zu. Dennoch konnte auch diese Zusage nicht verhindern, dass sich die politischen und wirtschaftlichen Spannungen zwischen Washington und Peking weiter verschärften.
China bleibt für Apple sowohl als Produktionsstandort als auch als Absatzmarkt von großer Bedeutung. Ternus muss deshalb ein schwieriges Gleichgewicht finden. Einerseits muss Apple seine Abhängigkeit von chinesischen Produktionskapazitäten verringern. Andererseits erwartet das Weiße Haus von amerikanischen Technologiekonzernen zunehmend Investitionen in heimische Produktion und technologische Souveränität.
Gleichzeitig hat Apples Ruf als Innovationsführer im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz gelitten. Bei generativer KI geriet der Konzern gegenüber Unternehmen wie OpenAI und Google ins Hintertreffen. Für Investoren wird daher entscheidend sein, ob und wann Apple aus seinen KI-Angeboten ein Produkt entwickeln kann, das neue Milliardenumsätze erzeugt.
Offen ist außerdem, ob unter Ternus wieder ein Gerät entsteht, das einen ähnlich großen Markt schaffen kann wie einst das iPhone. Cook gelang dies nicht. Apple Watch und AirPods ergänzten vor allem das bestehende iPhone-Ökosystem. Der intelligente Lautsprecher HomePod mit dem Sprachassistenten Siri blieb hinter hohen Erwartungen zurück. Auch das Vision Pro konnte sich bislang nicht als Massenprodukt etablieren. Das jahrelang verfolgte Projekt eines selbstfahrenden Elektroautos stellte Apple 2024 ein.
Ternus bringt für diese Aufgabe allerdings einen entscheidenden Vorteil mit. Seine Karriere bei Apple ist eng mit Hardware und Produktentwicklung verbunden. In den vergangenen 25 Jahren arbeitete er an Macs, iPhones, iPads und Kopfhörern mit.
Das könnte für Apple gerade jetzt wichtig werden. Der Konzern arbeitet an einer neuen Gerätegeneration. Dazu zählen Berichten zufolge ein faltbares iPhone, intelligente Displays für das Zuhause, KI-Funktionen für AirPods, smarte Brillen und weitere Geräte, die stärker mit Künstlicher Intelligenz verbunden werden sollen. Apple setzt darauf, damit einen neuen Wachstumszyklus einzuleiten.
Apple-Chef Ternus kämpft um Talente, Lieferketten und den App Store
Neben der Produktentwicklung muss sich John Ternus mit Problemen in der Lieferkette beschäftigen. Apple kämpft unter anderem mit Engpässen bei Speicherchips und steigenden Preisen für wichtige Komponenten. Jede größere Verschiebung bei Halbleitern, Rohstoffen oder Produktionsstandorten kann sich bei Apples enormen Stückzahlen unmittelbar auf Kosten und Margen auswirken.
Auch das Wachstum des Dienstleistungsgeschäfts verlangsamt sich. Für Apple ist dieser Bereich besonders wichtig, weil App Store, Apple Music, Apple TV+ und iCloud hohe und vergleichsweise stabile Einnahmen liefern.
Dafür gibt es vor allem zwei Gründe. Erstens haben sich die Konsumgewohnheiten vieler Nutzer verändert. Sie geben weniger Geld für mobile Spiele aus. Für Apple ist das relevant, weil ein erheblicher Teil der App-Store-Umsätze aus In-App-Käufen in Spielen stammt, an denen der Konzern über Provisionen verdient.
Zweitens wächst der regulatorische Druck. Das amerikanische Justizministerium ging bereits kartellrechtlich gegen Apple vor. In der Europäischen Union musste der Konzern zudem sein bislang weitgehend geschlossenes App-Store-System öffnen. Nutzer können auf dem iPhone inzwischen auch Anwendungen über alternative Marktplätze beziehen.
Ab dem 1. Oktober 2026 gelten in der EU außerdem neue Geschäftsbedingungen. Für Käufe über Apples eigenes In-App-Payment sinkt die reguläre Provision auf 26 Prozent. Für Teilnehmer des Small Business Program und bestimmte weitere Entwicklerprogramme sowie für automatisch verlängerte Abonnements nach dem ersten Jahr beträgt sie 15 Prozent. Bei alternativen Zahlungswegen innerhalb einer App verlangt Apple regulär 20 Prozent beziehungsweise zehn Prozent bei den ermäßigten Tarifen.
Diese Änderungen betreffen unmittelbar auch deutsche App-Entwickler. Für Unternehmen, die digitale Dienste über iPhones und iPads vertreiben, können niedrigere Provisionen die Kosten senken. Gleichzeitig entstehen durch zusätzliche Zahlungswege und alternative App-Marktplätze neue Vertriebsoptionen. Für Apple bedeutet die Entwicklung jedoch, dass ein bislang besonders profitabler Teil seines Ökosystems stärker unter Wettbewerbsdruck gerät.
Ternus muss zudem verhindern, dass Apple weitere wichtige Mitarbeiter verliert. Nach internationalen Medienberichten haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Ingenieure und Designer den Konzern verlassen. Besonders problematisch für Apple ist, dass viele von ihnen zu OpenAI wechselten. Nach Angaben aus dem Umfeld eines Rechtsstreits sollen inzwischen mehr als 400 ehemalige Apple-Mitarbeiter für OpenAI tätig sein.
OpenAI entwickelt inzwischen eigene Hardware und benötigt dafür genau jene Fachkräfte, die Geräteentwicklung, Industriedesign und Künstliche Intelligenz miteinander verbinden können.
Ternus muss deshalb Apples Design- und Ingenieurteams neu stabilisieren und gleichzeitig neue Talente gewinnen. Der Konzern verfügt zwar über enorme Finanzreserven und eine riesige Nutzerbasis mit vielen besonders loyalen Kunden. Doch eine seiner wichtigsten Wettbewerbsvorteile hängt davon ab, weiterhin Mitarbeiter zu halten, die Produkte entwickeln können, die Millionen Menschen tatsächlich kaufen wollen.
Hinzu kommt die Sorge vor dem Verlust von Wissen und vertraulichen Geschäftsinformationen. Mitarbeiter, die zu Wettbewerbern wechseln, kennen interne Entwicklungsprozesse, technische Abhängigkeiten, Designentscheidungen und oftmals auch noch nicht veröffentlichte Projekte.
Apple verklagte OpenAI deshalb im Juli 2026 wegen des mutmaßlichen Diebstahls von Geschäftsgeheimnissen. Der Konzern wirft ehemaligen Mitarbeitern vor, vertrauliche Informationen über Produkte, Komponenten, Fertigungsverfahren und Zulieferer weitergegeben zu haben. OpenAI weist die Vorwürfe zurück und bezeichnet die Klage als unbegründet. Der Rechtsstreit zeigt, wie stark sich der Wettbewerb im Technologiesektor inzwischen von Software und KI-Modellen auf die nächste Generation intelligenter Hardware verlagert hat.

