Investment-FOMO: Warum die Jagd nach schnellen Gewinnen Ihr Vermögen gefährdet
Ein heißer Aktientipp auf Instagram, eine spektakuläre Bitcoin-Prognose – und plötzlich scheint das eigene Depot nicht mehr gut genug.
Das erinnert mich an die Freundin, die mir Mitte 2025 aufgeregt ihr iPhone zeigte. „Da steht, Bitcoin steigt nächstes Jahr auf 150.000 und danach auf 200.000!!“ Da wurde ich dann doch stutzig. „Wer sagt das? Woher weiß er das? Hat er Gründe angegeben? Was ist sein Interesse, das mitzuteilen?“ Wenn jemand etwas sagt, immer erstmal fragen: Was sind seine Interessen? Immer haben die Leute Interessen, meist geht es um Geld, Macht und am Ende um Sex. Wenn die Interessen nicht transparent sind, sollte man schon mal gar nichts glauben. Und die Medien leben natürlich von Sensationsmeldungen, in welche Richtung auch immer. Und Bitcoin? Who knows, vielleicht schafft sie ihre 150.000 ja noch. Wünsche meiner Freundin das Beste.
Komisch, dass die Leute bei Geldanlagen so emotional werden. Wenn sie eine Geschirrspülmaschine kaufen, lesen sie Testberichte, informieren sich lang und breit, aber bei Geldanlagen, wo es oft um viel mehr geht … werden sie gierig, hastig, handeln überstürzt.
FOMO ist aber ein schlechter Ratgeber beim Investieren.
1000 Opportunities
Ob da eine „Opportunity“ war, weiß man erst sehr viel später. Meist stellt sich heraus: es war ein Flop. Aber selbst wenn es eine gewesen sein sollte, was man dann ein oder zwei Jahre später feststellt, sollte man nicht traurig sein, dass man sie verpasst hat. Man kann nicht allen Opportunities hinterlaufen.
Täglich gibt es Tausende Investmentideen – neue IPOs, Übernahmegerüchte, KI-Aktien, Biotech-Hoffnungen, Rohstoffzyklen, Kryptowährungen, Turnaround-Kandidaten oder Small Caps, die angeblich kurz vor der Verzehnfachung stehen. Aber man sollte bescheiden sein. Ich kann als Privatanleger nicht alle angemessen prüfen. Und nur auf die Sensationsmeldung von irgendwelchen Leuten, die man gar nicht näher kennt, zu hören, ist mehr als gefährlich. Ungefähr so gefährlich, wie auf Anlagetipps von lieben Bekannten zu hören, die sich angeblich sehr gut auskennen.
The Philosophy of Money
Morgan Housel, Autor und erfolgreicher Finanzpodcaster, hat in seinem Buch: „The Philosophy of Money“, geschrieben, dass wir aus persönlicher Anschauung vielleicht 0,00000001 Prozent dessen wissen, was auf den Finanzmärkten abläuft. Dieses Wissen bestimmt aber unser Bild von diesen Märkten zu etwa 80 Prozent, behauptet er. Ich kann das jetzt nicht auf eine Null hinterm Komma überprüfen, klingt aber plausibel. Bleibe bei den Investments, wo Du (wenigstens ein kleines bisschen) Kompetenz hast. Charlie Munger nannte es den “Circle of Competence”. Außerhalb dieses Kreises mögen großartige Chancen liegen – aber keine Chancen für Dich. Gönnen wir sie anderen. Vielleicht hilft uns die Künstliche Intelligenz in Zukunft.
Asset-Allokation
Nicht nur unser Wissen und unsere Aufmerksamkeit sind sehr beschränkt, auch das Kapital. Jeder Euro, der in eine neue Gelegenheit fließt, steht für andere, möglicherweise bessere Investments nicht mehr zur Verfügung oder fließt aus Verkäufen, die wir vielleicht besser gelassen hätten. Investieren ist immer eine Allokationsentscheidung mit einer Flipside, ein Prozess des Weglassens. Diese Allokationsfunktion ist volkswirtschaftlich überaus wichtig. Werden schlechte Unternehmen durchgefüttert (wie es die Politik ja gerne tut), leiden die guten darunter. Deshalb hat Elon Musk sich ja auch gegen hohe staatliche Besteuerung gewandt: Man sollte die Allokationsaufgabe Leuten überlassen, die tendenziell etwas mehr von Geld verstehen als der Staat, der erwiesenermaßen überhaupt nicht mit Geld umgehen kann.
Money needs time: Was das mit Warren Buffett zu tun hat
Folgt man jedem neuen Trend, jeder vermeintlichen Opportunität, führt das zu hektischem Hin und Her, Raus und Rein. Es scheint aber so zu sein, dass Vermögensaufbau Zeit kostet, „Money needs time“. Bestes Beispiel ist Warren Buffet. Sein Vermögen verdankt er nicht nur dem Umstand, dass er ein sehr guter Investor ist, sondern er erzielte es, weil er buchstäblich seit seiner Kindheit ein guter Investor ist. Jetzt, Mitte 2026, beträgt Warren Buffets Nettovermögen 141 bis 145 Milliarden US-Dollar. Ca. 98 Prozent davon hat er angeblich erst nach dem 65. Lebensjahr erzielt und er hat sehr früh angefangen.
Warren Buffett ist ein phänomenaler Investor (über 40 Jahre jährlich fast 20 Prozent!!!), aber man übersieht einen zentralen Punkt, es war nicht seine Spürnase allein. In Wirklichkeit liegt der Schlüssel zu seinem Erfolg im Zinses-Zins-Effekt, der erst nach und nach und so richtig nach ca. 30 bis 40 Jahren zugeschlagen hat. Aber die Leute sind ja so ungeduldig. Wenn man ihnen sagt, investiere 40 Jahre lang jeden Cent in Top-Aktien, dann winken sie ab, geht es nicht schneller? Besonders (das ist meine persönliche Erfahrung) Frauen wollen nicht so lange warten.
In a hurry
Und genau diese Hast, viel Geld schnell zu verdienen, führt dazu, irrlichternden Trends und Sensationsmeldungen hinterher zu rennen und ist extrem gefährlich. Die besten Investoren handeln erstaunlich wenig. Nicht bei jeder Opportunity dabei gewesen zu sein, kostet Rendite, aber bei jedem Trend dabei sein zu wollen, kostet noch mehr Rendite. That’s all about it.
Zur Person
Prof. Dr. Ulrich Seibert ist Jurist und Honorarprofessor für Wirtschaftsrecht an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er war im Bundesministerium der Justiz und hat bis 2020 maßgeblich an zahlreichen Reformen im Gesellschaftsrecht mitgewirkt. Mit über 200 veröffentlichten Aufsätzen und Büchern zählt er zu den renommierten Experten auf diesem Gebiet. Er ist Publizist, schreibt Glossen für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten und das Kunst-Magazin SLEEK, ist Kunstsammler in Berlin (www.Seibert-Collection.Art) und Rom und Investor.


