Politik

Blamage für Sport-Lobby: Hamburg lehnt Olympia-Bewerbung ab

Lesezeit: 3 min
29.11.2015 21:34
Die Hamburger lehnen Olympia ab. Im Referendum stimmte die Mehrheit sensationell gegen eine Bewerbung um Sommerspiele 2024. Die Bürger beweisen mit diesem Votum mehr Sachverstand als die verschwendungssüchtige Kommune und die stets maßlose Sport-Lobby. Für Hamburgs Bürgermeister Scholz ist das Votum ein Tiefschlag.

Die Hamburger haben den Traum von Olympia 2024 in ihrer Stadt überraschend platzen lassen. Kurz vor Auszählung aller Wahllokale räumte Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) die Niederlage der Befürworter ein. Zu diesem Zeitpunkt lag das Lager der Gegner mit 51,6 der Stimmen uneinholbar vorn – eine herbe Enttäuschung auch für Scholz und den rot-grünen Senat. „Das ist eine Entscheidung, die wir uns nicht gewünscht haben. Sie ist aber klar“, sagte Scholz.

Die Entscheidung spricht, wie schon die der Münchener vor zwei Jahren, für die Reife der Bürger: Großveranstaltungen, deren einziger Zweck der Kommerz und die Sicherung von Steuergeldern ist, sind Anachronismen. Sie sind – trotz aller PR – nicht ökologisch zu machen und in der Regel ein wirtschaftliches Desaster für die ausrichtenden Staaten: Griechenland muss heute noch Schulden bezahlen für die Spiele in Athen, die sich die Sportfunktionäre am Ursprung der olympischen Idee gewünscht hatten. In allen anderen Ländern sieht es nicht viel besser aus.

Damit erlebte Deutschland seine zweite olympische Pleite binnen zwei Jahren. 2013 hatten München und Umgebung in einer Volksbefragung gegen Winterspiele 2022 votiert. Nachdem die Ausrichtung des größten Sportspektakels hierzulande erneut durchgefallen ist, hat sich Deutschland damit vorerst ins Abseits katapultiert. Da hilft auch nicht, dass die Kieler mit großer Mehrheit (65,57 Prozent) für Segel-Wettbewerbe auf der Förde stimmten.

Der Abend wurde zum Zitterspiel. Gegner und Befürworter lieferten sich lange ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Das ZDF hatte mit einer Prognose die Auszählung eingeleitet, die 56 Prozent Zustimmung ausgemacht haben wollte. Ein Fehlurteil. Tatsächlich lagen mit der Auszählung der ersten Wahllokale die Gegner knapp vorn. Das verfestigte sich auf einen Vorsprung von rund vier Prozent. „Wir haben einen Stimmungswandel in der Stadt bemerkt“, sagte Florian Kasiske aus dem jubelnden Lager der Initiative NOlympia. „Die Menschen sehen, dass es Sachen gibt, wo das Geld besser angelegt ist.“

Für Scholz ist die Absage ein unerwarteter Tiefschlag. Er hatte Olympia als wichtigstes Projekt der Legislaturperiode ausgegeben. Die Stadtentwicklung sollte bis 2024 auf einen Stand gebracht werden, der normalerweise 20 bis 30 Jahre in Anspruch genommen hätte. Aus der Traum.

Die Frage Olympia ja oder nein hatte die Hamburger stärker mobilisiert als andere Themen. Runde 650.000 der 1,3 Millionen Wahlberechtigten gaben in dem vierwöchigen Verfahren ihre Stimme ab. Das entspricht einer Beteiligung von etwa 50 Prozent. „Ich bin enttäuscht und traurig. Es wäre eine große Chance gewesen“, sagte der Vorstandschef des Fußball-Bundesligisten Hamburger SV, Dietmar Beiersdorfer.

Die Teilnahme am Referendum überstieg vergleichbare Volksbefragungen in der Hansestadt deutlich. Am Volksentscheid über die Schulreform fünf Jahre zuvor hatten sich nur 39,3 Prozent beteiligt. Das amtliche Endergebnis steht erst am 15. Dezember fest.

Größte Bedenken hatten in der Hansestadt zuletzt wegen der ungeklärten Finanzierung geherrscht. Der Bund sträubte sich selbst wenige Tage vor Referendumsschluss, den von Hamburg errechneten Anteil in Höhe von 6,2 Milliarden Euro zu übernehmen. „Es geht um viel Geld. Und da werden wir uns am Ende schon einigen“, versuchte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) zu beruhigen. Das gelang ihm offensichtlich nicht. Insgesamt sollten die Spiele 11,2 Milliarden Euro kosten. Maximal 1,2 Milliarden hätte Hamburg übernommen. Als Erlöse wurden 3,8 Milliarden Euro erwartet.

Zuletzt war den Olympia-Planern nach anfänglicher Euphorie der Gegenwind kräftig ins Gesicht geblasen. Im Frühjahr wollten noch 64 Prozent Olympia an die Elbe holen. Doch die Begeisterung bröckelte zusehends. Vor allem waren es die Themen, die die korrupten Sportfunktionäre selbst zu verantworten haben: DFB-Affäre, FIFA-Skandal, Doping in der Leichtathletik – das alles sorgte für Nachdenklichkeit, Verunsicherung und Abkehr von sportlichen Idealen. „Alles, was über 50 Prozent an Zustimmung liegt, gilt unter Demokraten als Legitimation weiterzumachen“, hatte DOSB-Präsident Alfons Hörmann gesagt und damit die Gratwanderung vorausgesehen.

Mit der Entscheidung gegen eine Olympia-Bewerbung ist auch eine stärkere Förderung des Leistungssports in Deutschland durchgefallen. Der DOSB hatte auf eine Kehrtwende gehofft. Seit der Wiedervereinigung ist die Medaillen-Ausbeute der Athleten mit dem Bundesadler auf der Brust stetig geringer geworden. Bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona gewannen die Deutschen 82 Medaillen, bei den Spielen 2012 in London ware es nur noch 44. Olympische Spiele im eigenen Land sind wie ein Katalysator für die Entwicklung der Spitzensports. Schließlich will der Gastgeber nicht nur mit modernen Sportanlagen und einem funktionierenden Nahverkehr auffallen.

Im Wettstreit um Olympia müssen die Bewerber Paris, Los Angeles, Rom und Budapest – sie fragen ihre Einwohner allesamt nicht um Zustimmung – Hamburg nicht mehr fürchten. Das Konzept der kompakten Spiele in der Innenstadt mit dem Herz aus Olympiastadion, olympischem Dorf und Olympia-Halle auf einer Elbinsel hätte sich von anderen Konzepten deutlich unterschieden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen „Zeitenwende“ am Arbeitsmarkt: Rüstungsindustrie boomt!
19.06.2024

Früher Tabu, heute Boombranche: Die Rüstungsbranche erlebt seit Beginn des Ukraine-Krieges eine Wiederbelebung. Es läuft die größte...

DWN
Politik
Politik Wagenknecht-Partei: Umfragehoch entfacht Koalitionsdebatte
19.06.2024

Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) verzeichnet laut einer aktuellen Umfrage in Thüringen 21 Prozent Zustimmung und könnte somit...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Amazon lässt zehn Milliarden für KI-Rechenzentrum in Deutschland springen
19.06.2024

Der amerikanische Konzern Amazon plant weitere Großinvestitionen in Deutschland. Zehn Milliarden Euro sollen in das wachstumsstarke...

DWN
Technologie
Technologie Glasfaser-Anschlüsse: Schleppender Ausbau und wenig Interesse
19.06.2024

Der Glasfasernetzausbau geht in Deutschland nur langsam voran und auch die Zahl der angeschlossenen Haushalte entwickelt sich schleppend....

DWN
Panorama
Panorama Prognose 2045: Deutschland wächst und „altert massiv“ - mit großen regionalen Unterschieden
19.06.2024

Wie sieht Deutschland in rund 20 Jahren aus? Experten prognostizieren einen Zuwachs von 0,9 Prozent Menschen im Vergleich zum Jahr 2023,...

DWN
Finanzen
Finanzen Verschwenden wir Millionen an Steuergeldern für Chile und Videospiele?
19.06.2024

Von grünem Wasserstoff in Chiles Wüste bis zu Millionen für Videospiele: Der Steuerzahlerbund warnt vor fragwürdigen Ausgaben. Wie weit...

DWN
Finanzen
Finanzen EU-Kommission leitet Defizitverfahren gegen Frankreich und sechs andere Ländern ein
19.06.2024

Wegen Corona und Russlands Krieg gegen die Ukraine mussten EU-Länder zuletzt keine Strafverfahren fürchten, wenn sie deutlich mehr Geld...

DWN
Politik
Politik Rentner an die Arbeit: Lindner will Steueranreize – noch dieses Jahr
19.06.2024

Fachkräftemangel: Rentner sollen länger arbeiten, um fehlende Fachkräfte zu ersetzen. Dafür möchte Finanzminister Lindner mehr...