Politik

Arabische Banden: Der Staat wird nicht als Autorität akzeptiert

Das LKA Berlin sieht in den Aktivitäten von Banden aus dem arabischen Raum das Ergebnis einer gescheiterten Integration: Einzelne Gruppierungen sehen in dem Staat nicht die höchste Autorität, sondern setzen auf eine Clan-Struktur, in der eine Gruppe bestimmt, was rechtens ist. Die Folge ist das Entstehen von Parallelgesellschaften.
24.04.2016 02:01
Lesezeit: 2 min

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Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie viele arabische Clans gibt es in Berlin?

Dirk Jacob: Es gibt dazu keine polizeilichen Erhebungen. Die Schätzungen von Migrationswissenschaftlern gehen weit auseinander und belaufen sich auf 12 bis 30. Ich möchte allerdings schon an dieser Stelle sagen, dass die Polizei nicht gegen Clans oder besser Familien vorgeht, sondern gegen Kriminalität, d.h. gegen Straftäter oder kriminelle Gruppierungen. Insbesondere letztere können auch aus einer einzigen Familie stammen, aber deshalb sind diese Familien nicht per se kriminell.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Handelt es sich bei diesen Clans um Araber, oder gehören sie anderen Gruppen aus den arabischen Ländern an?

Dirk Jacob: Viele der heute in Berlin lebenden arabischstämmigen Migranten oder deren Eltern und Großeltern sind mit den großen Flüchtlingswellen der 1980er Jahre aus dem Libanon nach Berlin gekommen.

Zu einem großen Teil – aber nicht ausschließlich – handelte es sich um arabischsprachige Mhallami-Kurden, deren ursprüngliches Siedlungsgebiet im Süden der Türkei liegt und die schon seit den 1920er Jahren aufgrund vorheriger Vertreibungen im Libanon ansässig waren.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: In welchen Bereichen der Kriminalität sind diese Leute aktiv?

Dirk Jacob: Es geht da hauptsächlich um Drogen- und Eigentumsdelikte. Zu den Eigentumsdelikten gehören beispielsweise der Raub auf das KadeWe im Dezember 2014, Bankeinbrüche, das Sprengen von Tresorräumen oder das Aufbrechen von Bankschließfächern. Die Kriminalität durch arabischstämmige Gruppierungen stellt die Polizei oft vor große Herausforderungen. Der enge Zusammenhalt zwischen den Tätern aus oft nur einer einzigen Familie lässt die üblichen Ermittlungsmethoden der Polizei leerlaufen. In sonstigen kriminellen Strukturen, die sich eigens zur Begehung von Straftaten zusammenschließen, gelingt es der Polizei oft, einzudringen und diese zu zerschlagen. Bei familiären Strukturen ist das nicht möglich. Insofern können Familien eben auch einen Schutzraum für Kriminelle darstellen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Beeinträchtigen die Aktivitäten dieser Kriminellen aus dem arabischen Raum das Alltagsleben der Bürger?

Dirk Jacob: Zum Bereich der Alltagskriminalität gehören Ladendiebstähle. Die Ladenbesitzer gehen sehr oft nicht zur Polizei, weil sie Konsequenzen seitens der aggressiv und bedrohlich auftretenden Banden fürchten. In der öffentlichen Wahrnehmung werden aber auch und vor allem die mitunter protzigen Verhaltensweisen als störend empfunden. Sie können beispielsweise eine Reihe von jungen Männern sehen, die mit hochwertigen Autos durch die Straßen fahren und sich illegale Rennen liefern. Dabei halten sie sich weder an die Regeln im ruhenden noch im fließenden Verkehr.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie ist dieses entstanden?

Dirk Jacob: Wir sehen darin die extremste Auswirkung von Integrationsproblemen. Es bilden sich Parallelgesellschaften, in denen eine geringe Normenakzeptanz vorherrscht. Wir reden hier über kein religiöses Problem. Denn mit dem Islam hat das alles nicht viel zu tun. Vielmehr geht es um jahrhundertealte Regeln, die aus Stammesstrukturen kommen. Die Mhallami-Kurden wurden beispielsweise auch im Libanon niemals richtig integriert und mussten dort nach ihren eigenen Regeln leben. Während des Libanon-Kriegs 1982 sind sehr viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Für diese Menschen Kinder gab es in Deutschland zunächst keine Schulpflicht und für die Erwachsenen ein Arbeitsverbot. Man hatte seinerzeit mit einer baldigen Rückkehr der Menschen gerechnet. Doch das ist nicht eingetreten.

Währenddessen befanden sich diese Menschen in der Isolation und dort bildeten sich Parallelstrukturen heraus. Die Flüchtlinge aus dem Libanon wurden aktiv ausgegrenzt, sowohl die Mhallami-Kurden als auch die arabischstämmigen Flüchtlinge. Diese Entwicklung führte dazu, dass es heute eine geringe Akzeptanz des Staats gibt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was sagen Sie zur aktuellen Flüchtlings-Debatte?

Dirk Jacob: Es ist entscheidend, dass wir mit den aktuellen Flüchtlingen nicht dieselben Fehler machen. Das Erlernen der Sprache und die Arbeitsmarkintegration müssen möglichst schnell durchgeführt werden. Wir beobachten, dass sich unter den Flüchtlingen sehr viele junge Männer befinden. Völlig unabhängig von der Religionszugehörigkeit oder der Nationalität sind junge Männer die anfälligste Gruppe für Kriminalität. Deshalb ist die baldige Integration so wichtig.

***

Dirk Jacob ist Kriminaldirektor am LKA Berlin.

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