Gemischtes

Mobile Welt: Autobauer beschreiten neue Wege

Lesezeit: 2 min
24.06.2016 08:27
Straßenbahnticket, Mitfahrgelegenheit oder schnell mal ein Leihauto: Verkauften Autohersteller früher vor allem Neuwagen, wollen sie sich jetzt zum „Mobilitätsdienstleister“ wandeln. Das fing mit Carsharing vor einigen Jahren an, inzwischen basteln sie an Plattformen für mehrere Dienste, mit denen der Kunde möglichst schnell und bequem von A nach B kommen soll.
Mobile Welt: Autobauer beschreiten neue Wege

Mehr zum Thema:  
Auto >
Benachrichtigung über neue Artikel:  
Auto  

Nach Einschätzung von Beratern wird diese Spielwiese im kommenden Jahrzehnt zu einem Milliardengeschäft, um das sich die Autokonzerne mit Größen aus der IT- und Internetbranche wie Uber, Google und Apple reißen werden. Und wer da nicht früh dabei ist, wird in der Zukunft zu den Verlierern gehören.

Die Frage sei nicht, was man heute mit Mobilitätsdiensten verdienen könne, bekannte etwa Daimler-Chef Dieter Zetsche auf einer Internet-Konferenz in Berlin. „Jetzt fragt man besser, wie man in Zukunft noch ohne diese Dienste Geld verdienen will.“ Die Autoindustrie verändere sich gerade dramatisch, sie erlebe eine Revolution, erklärte Zetsche. Dabei sieht es auf den ersten Blick ja so aus, als ob sich die Autobauer selbst abschaffen wollten: Sie engagieren sich gerade bei jenen Diensten, die den Bedarf an Neuwagen in Ballungsräumen sinken lassen. Aber auch nach den Worten von BMW-Chef Harald Krüger gibt es keine Alternative: „Ohne Innovation sind wir tot“, warnte er kürzlich auf einer Konferenz von „Automotive News Europe“ in München.

Eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger sagt eine enorme Marktverschiebung voraus: Die private, individuelle Autonutzung werde bis 2030 von einem Anteil von heute 70 Prozent an allen gefahrenen Strecken auf rund 45 Prozent sinken, während 30 Prozent in autonom fahrenden Carsharing-Fahrzeugen zurückgelegt würden. Diesen Durchbruch für Mobilitätsdienste erwartet Roland Berger, sobald selbstfahrende Autos Verbreitung finden und als Flotte für Fahrdienste genutzt werden. Der Computer am Steuer würde es ermöglichen, einen Mietwagen in der Stadt herbeizurufen. Autos könnten zu Transportboxen werden und fahrerlos alte Menschen oder Behinderte befördern, die keinen Führerschein haben. Dabei seien die traditionellen Autobauer Verlierer, wenn sie nicht selbst die Flotten betrieben. Auf „Robocabs“ entfielen dann 40 Prozent des Gewinns der Automobilbranche, während sich der Anteil der Hersteller auf 20 Prozent halbiere.

Aber auch ohne Robocabs wird unter den Anbietern kräftig ausgesiebt werden, erwartet Autoexperte Juergen Reiner von der Unternehmensberatung Oliver Wyman. Je Ballungsgebiet werde es in zehn, fünfzehn Jahren nur noch einen oder zwei Konkurrenten geben statt rund 15 Carsharing-Angebote heute. Deshalb gelte es jetzt, so viele Kunden wie möglich zu gewinnen, um künftig mit dem Verkauf von Servicepaketen Geld zu verdienen. „Das ist eine Bedrohung für die Hersteller, weil es ein Spiel ist nach dem Motto 'The winner takes it all'“.

BMW und Daimler haben den Trend schon länger kommen sehen. Ende des vergangenen Jahrzehnts ging BMW mit dem Carsharing-Dienst „DriveNow“ auf den Markt. Unter dem Namen „Now“ rollen die Münchner noch mehr Services aus: Neben dem Carsharing auch die Vermittlung von Parkplätzen oder Ladestellen für Elektroautos. Der Rivale aus Stuttgart bietet mit dem Stadtflitzer Smart als Flottenfahrzeug unter der Marke „car2go“ stationsunabhängiges Carsharing an. Eine Verknüpfung mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder Taxis bietet die Plattform „moovel“. Zudem gehört Daimler seit 2014 die Taxi-App „mytaxi“.

Volkswagen kam mit seinem Carsharing-Angebot Quicar, bei dem Autos an feste Stationen gebunden sind, nicht so recht vom Fleck. Zu Jahresbeginn ging es im niederländischen Anbieter Greenwheels auf. Jetzt beteiligt sich der Wolfsburger Konzern am Uber-Konkurrenten Gett. Die Flotte von Gett soll zum Testen des pilotierten Fahrens genutzt werden.

Unterdessen bilden sich auch Partnerschaften zwischen der Autoindustrie und den digitalen Spielern. So beteiligt sich der VW-Rivale Toyota an Uber. Der Online-Mitfahrdienst aus Kalifornien vermittelt per Smartphone-App Fahrgäste an private Chauffeure. Uber-Fahrer können unter Verrechnung ihrer Chauffeur-Einnahmen künftig Autos bei Toyota leasen. Zudem wollen die Unternehmen, die beide an selbstfahrenden Autos und Mobilitätsdiensten arbeiten, bei der Entwicklung kooperieren.

Fiat Chrysler vereinbarte bereits mit Google, 100 selbstfahrende Minivans gemeinsam zu bauen. Der US-Internetkonzern setzt beim Entwickeln selbstfahrender Fahrzeuge auf Partner in der Autoindustrie, wie Google-Manager John Krafcik kürzlich erklärte. „Wir sprechen noch mit verschiedenen Autoherstellern“, sagte er. Im Silicon Valley beschäftige sich die Hälfte aller Startups mit Mobilität, erklärte BMW-Vertriebschef Ian Robertson. Die Autoindustrie werde schneller, unwägbarer - und weniger planbar als in der Vergangenheit. Die Münchner beteiligen sich in den USA am Carpooling-Service Scoop.

Zurzeit herrsche Chaos in der Branche, beschreibt Gabriel Seiberth, Autoexperte von Accenture, die Situation. Jeder Autobauer beteilige sich an Startups. „Die Industrie ist noch in der Experimentierphase - sie haben das Problem verstanden, aber sie wissen noch nicht, wohin die Reise geht“, sagte er.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  
Auto >

DWN
Politik
Politik ARD-Chef Gniffke: „Wir werden für eine Erhöhung der Rundfunkbeiträge kämpfen“
06.06.2023

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk will den Beitrag ab 2024 erhöhen – trotz Gesamteinnahmen von über 8 Milliarden Euro im Jahr....

DWN
Immobilien
Immobilien US-Banken verkaufen eilig Gewerbeimmobilien-Kredite
06.06.2023

Auch wenn Kreditnehmer ihre Rückzahlungen pünktlich geleistet haben, wollen große US-Banken Hunderte von Millionen Dollar an...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Ende der Rezession „nicht absehbar“: Industrieaufträge fallen erneut
06.06.2023

Die Auftragslage der deutschen Industrie war auch im April enttäuschend. Die deutsche Wirtschaft steckt in der Rezession fest – und...

DWN
Marktbericht
Marktbericht Staudamm in der Ukraine schwer beschädigt: Sprengung oder Beschuss?
06.06.2023

In der von Russland kontrollierten Region Cherson ist ein wichtiger Staudamm schwer beschädigt worden. Kiew und Moskau machten sich...

DWN
Finanzen
Finanzen Der große Schuldenerlass wirft seinen Schatten voraus
05.06.2023

Angesichts stark steigender Schulden erwarten einige Analysten einen großen Schuldenerlass. Möglich sei, dass dieser global ausfällt....

DWN
Politik
Politik Ukraine-News Mai 2023: Der Ukraine läuft die Zeit davon
31.05.2023

Das Ende der Waffenlieferungen für die Ukraine rückt unaufhaltsam näher, sagen Beamte in den USA und Europa. Damit droht Kiew der...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Die teuersten Städte Europas: Deutschland ist nicht dabei
06.06.2023

Der starke US-Dollar hat den Index in einer Economist-Studie verzerrt. Verschiedene russische Städte kletterten nach oben, insbesondere...

DWN
Ratgeber
Ratgeber Weniger volatil: Lohnen sich Dividendenaktien?
06.06.2023

Dividendenaktien gelten als Stabilitätsanker in angespannten Börsenzeiten. Lohnt sich ein Investment?