Finanzen

Rohstoff-Markt: Große Schwankungen, interessante Chancen

Lesezeit: 5 min
09.07.2016 02:12
Der Ausblick für das Jahr 2016 zeigt laut einer Analyse der Helaba Volkswirtschaft ein weiterhin starkes Überangebot besonders bei Energie- und Industrierohstoffen. Wie empfindlich die Preise der Rohstoffe jedoch sein können, zeigen die jüngsten Entwicklungen an den Finanzmärkten.
Rohstoff-Markt: Große Schwankungen, interessante Chancen
Rohöl: US-Produktionsrückgänge überschätzt.(Grafik: Bloomberg, Helaba Volkswirtschaft/Research)
Foto: Mitarbeiter

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Der aktuelle Rohstoffreport der Helaba resümiert: Allmählich wieder nachlassende Investmentnachfrage und dämpfende fundamentale Marktverhältnisse bei Rohstoffen. Volatiler Seitwärtskurs der Notierungen bis Q4 2016.

Die führenden Rohstoffindizes haben nicht nur Im Zuge des Brexit deutlich an Momentum verloren. Die 50-Tage-Linien wurden leicht unterschritten. Bis zu den 200-Tage-Linien besteht zumeist noch ein gewisser Puffer (Ausnahme: SPGSCI-TR-Index). Das Kursbild ist somit insgesamt noch nicht als kritisch einzustufen. Gewinner war zuletzt beim 1MVergleich Silber (+15,5 Prozent), während US-Mais (-21,6 Prozent) Schlusslicht war.

Das Angebot vor allem bei Energie- und Industrierohstoffen wird wahrscheinlich auf absehbare Zeit reichlich ausfallen. Die Marktbedingungen sind bei Schlüsselrohstoffen zumeist noch durch eine im Vergleich zum letzten Jahrzehnt relativ hohe Wettbewerbsintensität und sinkende Grenzkosten gekennzeichnet. Die Preisentwicklung wird zunächst weiterhin in hohem Maße durch das monetäre Umfeld und die Finanzinvestoren bestimmt. Nachdem die spekulativen Netto-Long-Positionen im ersten Quartal noch historische Tiefstände ausgelotet hatten, erreichten sie zuletzt nach mehreren Schüben ein Spitzenniveau. Wesentlichen Ausschlag dürfte dabei auch der Rückgang des Dollar-Außenwerts gehabt haben.

Insgesamt ist aber auch angesichts des inzwischen massiven Engagements der Finanzinvestoren eher mit einer gewissen Preisberuhigung für das zweite Halbjahr zu rechnen. Wie schnell und spürbar die Entwicklungen der Finanzmärkte die Rohstoffpreise auch einmal wieder in die andere Richtung treiben können, hat sich kürzlich im Zuge des Brexit gezeigt.

Überblick der Rohstoffgruppen

Energie

Bei einem relativ hohen Nicht-OPEC-Angebot ist das „Ölkartell“ weiterhin einem Dilemma ausgesetzt. Selbst wenn es sich entschließen sollte, was angesichts der Einnahmensituation wenig wahrscheinlich ist, spürbare Produktionskürzungen vorzunehmen, führten damit einhergehende Preissteigerungen zu zusätzlichem Angebot aus anderen Quellen und somit zu Marktanteilsverlusten. Außerdem zeigt sich die Nachfrage inzwischen wesentlich preiselastischer. Zugleich scheinen sich die Lagerbestände saisonal zu wenig abgebaut zu haben. Im Übrigen kehren sich die Lieferausfälle in Kanada und Nigeria preisbelastend wieder um. Auch Libyen wird womöglich bald wieder stärker als Lieferant an den Märkten auftreten. Wir halten kurz- bis mittelfristig eine Brent-Preisspanne von 40 bis 60 USD/Barrel für plausibel.

Edelmetalle

Eigentlich ist das gelbe Metall im historischen Vergleich aktuell nicht unbedingt unterbewertet. So liegt das Verhältnis von Goldpreis und US-Verbraucherpreisindex gegenwärtig bei gut 5. Im Durchschnitt der letzten Jahrzehnte lag es bei 3 (Max.ca. 8; Min. ca. 1,5). Bei historischer Durchschnittsbewertung läge der Goldpreis bei ca. 750 USD/oz. Allerdings hat mit der Verbreitung der unkonventionellen Geldpolitik im Zuge der globalen Schuldenkrise ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Inzwischen scheint das gelbe Metall, auch da die Fed sich mit dem Exit schwer tut und die Schulden weiter spürbar steigen, wieder mehr Anhänger zu finden. Silber hat sich zuletzt aus dem Windschatten von Gold befreit. Relativ zu Gold erscheint es immer noch eher unterbewertet (G-SRatio: aktuell 70; historischer Durchschnitt 58; Max 99, Min 15).

Industrierohstoffe

Der LME-Primärmetalle-Index hat im Juni einen weiteren Versuch unternommen, sich aus dem Tal zu befreien, in dem er sich seit H2 2015 befindet. Zuletzt ist er aber an dem Zwischenhoch von Ende April nach unten abgeprallt. Leichten Rückenwind erhielten Industriemetalle vom wieder etwas günstigeren Stimmungsbild in der US-Industrie. Auch das Verarbeitende Gewerbe in der Eurozone zeigte sich recht robust zur Jahresmitte, wenngleich der Brexit perspektivisch konterkariert.

Solange sich keine größere, nachhaltige Aufwärtsdynamik in den Industrieländern abzeichnet, bleibt aber die Entwicklung in China entscheidend. Dort stehen die Signale weiter auf Beruhigung im Industriesektor. Inwieweit Infrastrukturmaßnahmen im Reich der Mitte trotz wohl noch umfangreicher Lagerbestände den Industriemetallen den notwendigen Schub zum zügigen Aufstieg aus dem „lokalen Tal“ geben und damit einen weiteren Abstieg verhindern können, bleibt fraglich.

Getreide

Selbst die Notierungen von Sojabohnen, des „Rohstoff-Stars“ des ersten Halbjahres, kennen nicht mehr nur eine Richtung. Zwar bestehen auch für die USA durchaus ernst zu nehmende Wetterrisiken, zunächst einmal scheinen aber die Getreideernten wesentlicher Weltmarktanbieter wieder sehr reichlich auszufallen. Die Volatilität bei Getreide bleibt hoch, die Überraschungen auch in Richtung Süden können, wie sich kürzlich zeigte, sehr groß sein. Massive Exporte aus der Schwarzmeerregion und Südamerika veranlassen offenbar auch große Getreidehändler beachtliche Mengen in den Markt zu geben. Diese Versuche der individuellen Preissicherung können allerdings zu einer Abwärtsspirale führen. Von dieser Art erhöhter Preisausschläge könnten durchaus noch andere Agrarprodukte im laufenden Jahr betroffen sein.

Genussmittel

Entgegen unseren Erwartungen haben die ICE-Zucker-Notierungen zuletzt die langfristige Widerstandslinie bei 20 $¢/lb getestet. Aufgrund wetterbedingt geringerer Zuckerrohrernten setzen nichtkommerzielle Marktteilnehmer bei immer noch relativ hohen Lagerbeständen im Gegensatz zu Vertretern der Produzentenseite, nicht nur aus Brasilien, auf ein fühlbares globales Angebotsdefizit in 2016/17. Auch könnte das Erholungspotenzial des brasilianischen Real und des Rohölpreises in diesem Jahr von ihnen überschätzt werden. Trotz der zuletzt beeindruckenden Aufwärtsdynamik halten wir einen Durchmarsch in Richtung 20 $¢/lb oder darüber für wenig wahrscheinlich.

Tierprodukte

Der erwartetet saisonale Rückenwind ist bislang bei US-Rind nicht eingetreten, vielmehr scheinen die Preise eher weiter unter Druck zu bleiben. Obwohl die US-Grillsaison auf den Höhepunkt zuläuft, stößt die Binnennachfrage offensichtlich immer noch auf zu hohes Angebot. Auf der Exportseite belastet weiterhin der internationale Wettbewerb. Über den zweifellos nicht mehr ganz so robusten US-Dollar gibt es wahrscheinlich sobald auch keine hinreichenden positiven Impulse. Die Notierungen für US-Lebendrind sind zuletzt erneut an der 50-Tage-Linie abgeprallt und haben inzwischen die Zone um 120 $¢/lb augenfällig nach unten verlassen. Die nächste ausgeprägte Unterstützung befände sich im Bereich um 100 $¢/lb, aber immer noch am oberen Rand der „historischen Preisspanne“. US-Magerschwein scheint gleichzeitig ein lokales Hoch ( 87 $¢/lb) markiert zu haben. Sollte sich in H2 2016 tatsächlich das befürchtete Überangebot abzeichnen, wäre womöglich sogar Luft bis maximal 50 $¢/lb, zumal die massiven Preisimpulse aus Asien auf den Weltmarkt nachlassen dürften.

 

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