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Frankreichs Banken erwarten goldene Zeiten unter Macron

Lesezeit: 11 min
07.05.2017 01:45
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Frankreichs Banken erwarten goldene Zeiten unter Macron

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Emmanuel Macron als wahrscheinlich neuer Präsident vertritt die Interessen der Banken in Frankreich, des Finanzplatzes Paris und der französischen Multinationalen. Diese Akteure sind in den letzten 20 Jahren mit einer Mischung von aggressiven Übernahmen und kontrolliertem Risiko sehr groß geworden, aber relativ einsam in Frankreich. Es fehlt ein unternehmerischer Unterbau von Klein- und Mittelbetrieben. Der Brexit und die Restrukturierung Südeuropas bieten ihnen gute Chancen weiterer Expansion.

Frankreichs Wirtschaft hat gravierende Wachstums- und Strukturprobleme. Agrarsektor, verarbeitende Industrie und teilweise traditioneller Tourismus sind seit Jahrzehnten im Niedergang. Doch Frankreichs Infrastrukturen, Bildungswesen und sein Sozialstaat sind intakt und bis auf die Berufslehren gut ausgebaut. Wie passt das zusammen? Was ist das Geheimnis für dieses scheinbar unvereinbare französische Modell? Eine Antwort ist diejenige der Konservativen, Neoliberalen und vieler Beobachter, gerade auch in Deutschland: Das ist alles auf Pump, es schlägt sich dies im unablässigen Anstieg der Staatsverschuldung nieder. Das ist nicht ganz falsch, doch eindeutig zu kurz gegriffen. Die primäre Ursache für den massiven Anstieg der Staatsverschuldung waren zwei schwere Bankenkrisen, diejenige in den frühen 1990er Jahren und diejenige im Gefolge von 2008/09. Und hinter Budgetdefiziten und Staatsverschuldung stecken noch ganz andere Faktoren.

Es gibt einen anderen Erklärungsansatz, der zur Erklärung dieses scheinbaren Widerspruchs beiträgt: Frankreich hat über die letzten 20 Jahre ein dichotomisches Wirtschaftssystem entwickelt. Während Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe im Inland im Krebsgang sind, floriert ein Sektor außerordentlich, derjenige der Multinationalen Unternehmen. Es ist keineswegs nur der Dienstleistungssektor, es sind auch Multinationale im Industriesektor, denen es gut geht. Nur florieren sie mehr im Aus- als im Inland. Nun würde man sagen, multinationale Unternehmen gibt es überall, sie sind mit der Globalisierung eng verbunden. Aber dies wird den Tatsachen nicht ganz gerecht.

In Frankreich arbeiteten im Jahr 2013 etwa 6,6 Millionen Personen für französische oder ausländische Multinationale Unternehmen. Nicht eingeschlossen in dieser Zahl sind von der Statistik aus unerfindlichen Gründen die Beschäftigten bei Banken, was nochmals einige Hunderttausend ausmacht. Die Definition von Multinationalen Konzernen entspricht dabei derjenigen, welche die französische Statistik-Behörde INSEE oder Eurostat im Rahmen der FATS für ihre Unternehmens-Statistik anwendet. Es sind Unternehmen, welche über ausländische Niederlassungen oder Mehrheitsbeteiligungen Beschäftigte haben und einen Teil der Wertschöpfung dort erwirtschaften. Von den 6,6 Millionen Beschäftigten bei Multinationalen arbeiteten 5,0 Millionen bei französisch-, und rund 1,8 Millionen bei ausländisch beherrschten Multis. Diese Zahlen sind in den letzten Jahren nochmals leicht angestiegen, aber eine gut vergleichbare Statistik liegt letztmals für 2013 vor.

Diese 6,6 Millionen repräsentieren ein volles Viertel aller Beschäftigten (27 Millionen) in Frankreich. Nimmt man nur die Arbeitsplätze im privaten Sektor, so sind es bereits ein Drittel (fast 21 Millionen). Nimmt man nur die Lohnempfänger im privaten Sektor, so sind es volle 49%. (Alle Zahlen stammen von INSEE, Les Entreprises en France, Edition 2016 und beziehen sich auf das Jahr 2013) Hinzu kommen noch einige Hunderttausend Franzosen, welche bei den Multinationalen im Ausland arbeiten, und die im Inlandskonzept der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nicht enthalten sind. Vorzugsweise sind das natürlich solche, die bei französischen Multinationalen im Ausland arbeiten, aber nicht nur. So arbeiten hunderttausende Franzosen in den Finanzzentren von London, Genf oder Luxemburg. Diese Millionen sind im Kern attraktive Arbeitsplätze. Die Banken und Multinationalen haben eine hohe Produktivität, sie bezahlen vergleichsweise gute Saläre und Löhne. Die multinationalen Konzerne offerieren auch berufliche Möglichkeiten, Auslanderfahrung und Karriereperspektiven. Kombiniert mit vergleichsweise guten Sozialleistungen und einem relativ weit reichenden Kündigungsschutz garantiert dies für eine Vielzahl von Beschäftigten eine Planungssicherheit für die Zukunft. Auch von daher ist die Geburtenrate in Frankreich viel höher als in Deutschland oder in den Peripherieländern.

Die Bedeutung dieser Multinationalen Unternehmen ist noch höher, als es der reine Anteil an der Beschäftigung auszudrücken vermag. Die Multinationalen haben nämlich auch Zulieferer aus dem Inland. Das können andere Multinationale sein, das können aber auch lokale Produzenten, Dienstleister, Handwerk, Gewerbe oder sogar die Landwirtschaft für die florierende französische Nahrungsmittelindustrie sein.

Insgesamt sind die Multinationalen heute das Herzstück, das Rückgrat und der Kern der französischen Wirtschaft, und zwar in viel stärkerem Ausmaß als in den meisten anderen Ländern. Im Übrigen kann der Standort Frankreich auch gar nicht so übel sein. Denn fast 10% der gesamten im inländischen privaten Sektor Beschäftigten arbeiten bei ausländisch beherrschten Multinationalen. Diese erachten Frankreich also als durchaus als attraktiven Investitionsplatz.

Die Multinationalen sind der Schlüssel zum Verständnis der heutigen wirtschaftlichen Stärke Frankreichs, aber auch der Probleme der französischen Wirtschaft. Sie sind wenig erforscht und statistisch erst seit wenigen Jahren genügend bearbeitet. Wer beruflich mit Ihnen zu tun gehabt hat, weiß um einige ihrer Besonderheiten, die in Artikeln oder Büchern nicht erwähnt sind.

Die Statistik französischer Multinationaler geht zeitlich nicht so weit zurück. Aus der Sekundärliteratur geht hervor, dass es vor dem Ersten Weltkrieg viele französische Multinationale gab. Dieser Anteil ist in den Weltkriegen, der Zwischenkriegszeit und bis in die 1970er Jahre sehr stark zurückgegangen. In der Nachkriegszeit bis Ende der 1970er Jahre konzentrierten sich die Unternehmen typischerweise auf das enorme Wachstum des Binnenmarktes und waren darüber hinaus klassische Exporteure. Seit den 1980er Jahren ist eine neue Welle der Multinationalisierung eingetreten, beschleunigt vor allem seit Ende der 1990er Jahre.

Die Herausbildung multinationaler Konzerne in Frankreich und überhaupt in den großen Ländern Europas ist hauptsächlich ein Phänomen der vergangenen 20 Jahre. Natürlich gab es solche Multinationalen schon vorher. Michelin etwa war schon lange vorher ein Multi, weil die Reifenherstellung der Natur des Produkts nach (Reifen sind groß und schwer, haben hohe Transport-und Lagerkosten) auf viele Länder nahe an den Absatzmärkten verteilt ist, und nicht zentral von Clermont-Ferrand aus erfolgen konnte.

Auch die französischen Erdölkonzerne, Vorgängergesellschaften von Total, folgten in ihrer Explorationstätigkeit den Erdölreserven, und waren damit in allen möglichen Erdölländern aktiv, vorzugsweise auch in Afrika. Umgekehrt setzten sie die Produkte an ihren Tankstellen und Lagern in vielen Konsumentenländern ab. Andere Beispiele lassen sich mit Leichtigkeit finden. Aber die ganz großen Wellen der Direktinvestitionen im Ausland entfallen, das zeigt die Statistik, auf die letzten 20 Jahre. Die Direktinvestitionen der drei Länder weisen Gemeinsamkeiten, aber auch einige Unterschiede auf. Im Vereinigten Königreich lagen die Direktinvestitionen bereits in den 1970er und 1980er Jahren deutlich höher, während Frankreich ganz klar hinterherhinkte. Die Direktinvestitionen erfolgten in allen drei Ländern schön prozyklisch, hoch konzentriert in den Boomjahren des Zyklus. Die Unternehmen investierten also dann im Ausland, wenn der globale Zyklus sich dem Boom näherte. Das war so Ende der 1970er und Ende der 1980er Jahren, ebenso Ende der 1990er Jahre und in den Jahren 2005-2009. Angesichts des niedrigen Niveaus der Direktinvestitionen heute, könnte man sogar umgekehrt schließen, dass ein Konjunkturhöhepunkt noch weit entfernt ist.

Die Statistik der Bestände an Direktinvestitionen ist erst ab 2000 zuverlässig, sie hat vorher eindeutige Strukturbrüche in der Berechnungssystematik, die vermutlich mit der Währungsumrechnung zusammenhängen. Die Statistik leidet ferner ein wenig unter dem Makel, dass alle Bestände in US-Dollar angegeben sind. Dadurch schlagen die bedeutenden Schwankungen des Dollars gegenüber dem Euro oder dem Pfund auch auf die Bewertung der Direktinvestitionen durch. Der Währungseffekt ist bei den Beständen viel grösser als bei den Flüssen. Der Anstieg der Bestände bis 2008 reflektiert auch die Dollarschwäche, die Stagnation bzw. das verlangsamte Wachstum seither die Dollarstärke. Dennoch lassen sich einige Schlussfolgerungen ziehen: Das Vereinigte Königreich war viel früher internationalisiert als Frankreich oder selbst Deutschland. Seine Internationalisierung ist seit der Finanzkrise ins Stocken geraten. Frankreich hat in den 2000er Jahren einen veritablen Boom der Direktinvestitionen erlebt. In den letzten Jahren aber etwas weniger stark als Deutschland.

Die französischen Multinationalen sind diversifiziert auf verschiedene Branchen, von daher sind Verallgemeinerungen mit Vorsicht zu genießen. Die folgende Charakterisierung drückt Trends und Tendenzen aus, ist aber nicht absolut zu verstehen. Im Einzelfall kann der Sachverhalt genau umgekehrt sein.

Ein wichtiger Treiber der Multinationalisierung in Frankreich waren die Privatisierungen der großen Staatsunternehmen, die teilweise Monopolisten oder Oligopolisten im Inland waren. Frankreich ist aus der Geschichte ein hoch zentralistischer Staat, nicht föderalistisch wie Deutschland. Aus dem Gaullismus hatte Frankreich zusätzlich eine Tradition sehr großer Staatsunternehmen mit industriepolitischen Ambitionen und Zielsetzungen.

In den Jahren von 1986-88 (Regierung Chirac) und wieder 1993-97 (Regierungen Balladur, Juppé) wurden viele dieser großen Staatsunternehmen privatisiert oder teilprivatisiert. Auch nachher gab es zusätzliche Privatisierungen, teilweise in Tranchen. Häufig standen dabei gar nicht oder nicht nur industriepolitische Ziele, sondern Budget-Erwägungen im Vordergrund. Man wollte durch die Privatisierung großer Staatsunternehmen Einnahmen generieren und die laufenden Budgetdefizite eindämmen oder begrenzen.

Bei der französischen Industriepolitik auch der letzten Jahrzehnte ging es immer um eine relativ brutale Marktbereinigung im Innern, wodurch nationale Champions mit guten Margen im Inlandgeschäft entstanden sind. Diese Großunternehmen hatten eine solide Basis im Inland, welche ihnen die Expansion im Ausland finanzieren konnte. Beispiele für privatisierte Unternehmen finden sich vor allem im Energie-, Versorger-, im Industrie- und im Finanzbereich. Total, Envie, EDF, Orange, Air France im Energie- und Versorgerbereich, Renault, Sanofi, Airbus, Safran im Industriebereich, BNP-Paribas, Société Générale, CNP im Finanzbereich sind illustre Namen privatisierter Großkonzerne.

Ganz ähnlich sind auf viele Multis aus dem Privatsektor entstanden. Sie fanden in Frankreich einen großen nationalen Markt mit hohen Durchschnitts-Einkommen und lange Zeit hohen Wachstumsraten vor, welche über die Jahrzehnte Raum für solche nationalen Champions schuf. Dieser Binnenmarkt bildete eine gute Ausgangsbasis zunächst für den Export und (später) für die Multinationalisierung. Die Privatisierung großer Staatsunternehmen schuf für einige nationale oder sogar regionale private Anbieter die Gelegenheit, durch Übernahmen rasch in neue Dimensionen hinein zu wachsen. Beispiele ist der Versicherungskonzern Axa (Übernahme von UAP)

Daneben hat Frankreich wie Deutschland (SAP) einige Start-ups in Wachstumsbranchen, welche innert einer oder zwei Generationen zu großen globalen Players geworden sind. Luxusgüter-Konzerne wie LMVH und Kering, die Großverteiler wie Carrefour oder Auchan, oder auch die 1967 gegründete Cap Gemini, die heute das größte europäische Unternehmensberatungs-Unternehmen darstellt.

Die Deregulierung zahlreicher Märkte im In- und Ausland, die europäische Integration durch den Anfang der 1990er Jahre geschaffenen einheitlichen Binnenmarkt, der Euro als gemeinsame Währung und die Globalisierung, vor allem auch der WTO-Beitritt Chinas schufen parallel dazu Chancen für diese Unternehmen auf den Außenmärkten. Neben Europa waren für Frankreichs Multinationale die USA, China und Afrika wichtige Investitionsgebiete. Afrika und damit auch viele frühere französische Kolonien erlebten in den 2000er Jahren einen Boom.

Im Vergleich etwa mit deutschen Multinationalen fallen einige weitere Merkmale auf.

Frankreich hat gemäß der Statistik rund 2600 französisch beherrschte Multinationale Unternehmen. 90% von deren Umsatz entfällt gemäß den von der Statistikbehörde INSEE veröffentlichten Zahlen allerdings auf die größten 150 dieser Unternehmen, vermutlich ein dominanter Teil auf wenige Dutzend. Die meisten, aber nicht alle auf Konzerne, welche im Börsenindex CAC40 enthalten sind. Im Vergleich zu Deutschland fällt die hohe Konzentration auf wenige ganz große Unternehmen auf. Natürlich gibt es in Deutschland auch Riesen wie Volkswagen, Siemens, Daimler und andere. Aber in Deutschland gibt es zusätzlich viel mehr Mittelständler und sogar Kleinbetriebe, die ebenfalls Multinationale geworden sind. Oft sind das familienbasierte Unternehmen. In Frankreich gibt es sie auch, aber nie mit einem vergleichbaren Gewicht wie in Deutschland. Frankreich ist mehr das Land der großen Unternehmen, welche Multinationale geworden sind. Neben diesen großen Unternehmen gibt es keine vergleichbare Unternehmer-Kultur wie in Deutschland.

Ein weiteres Merkmal der gesamten französischen Wirtschaft, und teilweise auch der Multinationalen, ist die vergleichsweise geringere Kapitalintensität. Umgekehrt sind sie eben arbeitsintensiv, mit sehr hohen Beschäftigungszahlen, dies im In- wie im Ausland.

Was bei Frankreich eindeutig auffällt, ist die Verschiebung ins Ausland. Frankreichs Multinationale beschäftigen heute mehr Personal außerhalb Frankreichs als in Frankreich selber. Die Desindustrialisierung Frankreichs hat viele Facetten. Eine ist auch die Produktionsverlagerung französischer Multinationaler ins Ausland. Frankreich bleibt ihr wichtiger Absatzmarkt, das Verwaltungszentrum, Forschungs- und Entwicklungszentrum, aber die Produktion wird gerne ausgelagert, etwa nach Deutschland, Polen oder in die Tschechische Republik. Das ist ein bedeutender Unterschied zu Deutschland, wo der Standort viel besser erhalten geblieben ist. Ein anderer ist die schiere Zahl ausländischer Beschäftigter. Gemessen an ihr ist Frankreich praktisch der zweitgrößte Investor der Welt im Ausland.

Französische Unternehmen und auch Multinationale sind im internationalen Vergleich wenig verschuldet. Über die USA ist bekannt, dass die amerikanischen Großunternehmen teilweise sehr hoch verschuldet sind, gerade auch nach der langen Phase niedriger Zinsen. In Frankreich ist dies im Durchschnitt nicht der Fall. Das gilt noch mehr für die gesamte Wirtschaft.

Ein Grund für die geringere Kapitalintensität ist auch der Branchenmix. Deutschland ist sehr stark spezialisiert auf Investitionsgüter, auf Maschinenbau, Elektroindustrie, die Autoindustrie und auf die Großchemie. Das sind kapitalintensive Branchen. Die deutschen Autohersteller haben im Branchenvergleich hohe Investitionsquoten und Forschungs- und Entwicklungsausgaben. Dies ergibt sich aus ihrer Fokussierung auf den Premiumbereich.

Frankreich hat auch eine Investitionsgüterindustrie und Autohersteller, aber sie sind schwächer kapitalisiert und deutlich weniger kapitalintensiv. Französische Autohersteller liegen am anderen Ende des Spektrums. Sie sind spezialisiert auf Kleinwagen, allenfalls auf die untere Mittelklasse, die viel weniger innovativ ist. Die Absenz von der Hochtechnologie war nicht immer so, sie ist effektiv das Produkt der Industriepolitik der letzten zwei bis drei Jahrzehnte. In den 1960er und 1970er Jahren hatten sich die französischen Großunternehmen unter dem Gaullismus im Gegenteil auf die damalige Hochtechnologie fokussiert. In verschiedenen Bereichen (Luftfahrt, Rüstung, Energie) zehrt Frankreich heute noch davon. Die Absenz vom sehr forschungsintensiven Hochtechnologie-Bereich hat heute auch Konsequenzen für den Dienstleistungssektor. Die Unternehmens-Dienstleister in Frankreich sind dadurch weniger mit innovativen Problemen konfrontiert, und umgekehrt stark auf die Kostenersparnis fokussiert.

Französische Multinationale sind in der Industrie generell mehr auf Konsumgüter und bei den Dienstleistungen vor allem auch auf konsumnahe Dienstleistungen spezialisiert, etwa auf den Bereich des Detailhandels in Supermärkten. Dort gehören sie zu den größten Unternehmen der Welt

Speziell gut positioniert ist Frankreich bei den Finanz-Dienstleistungen. Der Vergleich mit Deutschland mag dies verdeutlichen. Die französische Bankenlandschaft ist gekennzeichnet durch eine hohe Konzentration auf vier riesige Gruppen, welche zu den zehn größten Banken in Europa gehören. Sie sind solider als etwa die britischen und andere Großbanken. Diese französischen Bankengruppen haben wenig faule Kredite, was sie von den Banken der Peripherieländer unterscheidet, und wenig Rechtsrisiken, was sie von der Deutschen Bank unterscheidet. Sie haben im Unterschied zu Deutschland, wo es seit Jahr und Tag Überkapazität und Zwang zur Marktbereinigung gäbe, ein hoch profitables und stark wachsendes Inlandgeschäft, vor allem im Hypothekarbereich. Sie sind aufgrund ihrer quantitativen Expertise auch erfolgreich im Investment Banking, speziell auch im Merger und Akquisitions-Geschäft und durch ihre Derivate-Kompetenz im Global Trading und Asset Management. Wo die französischen Großbanken eher schwach oder unwillig sind, ist in der klassischen Industrie- und Investitionsfinanzierung im Inland.

Die französischen Konzerne basieren in ihrer Funktionsweise auf den französischen Tugenden: Den Universitäten und ‚Grandes Ecoles’, welche einerseits eine einheitliche, von angelsächsischen Mustern doch recht unterschiedliche Management-Kultur vermitteln. Andrerseits bringen sie eine Vielzahl von hochqualifizierten Spezialisten / Ingenieuren hervor. Dann hat sich im Top-Management französischer Multinationaler eine Kapazität zum M&A durchgesetzt, mit teils schnellen, opportunistischen Entscheidungen, welche Risiken, aber eben auch Gewinnchancen implizieren. Neben Erfolg und enormem Wachstum gibt es auch Abstürze von bemerkenswerter Größenordnung: Vivendi Universal, EDF/ Framatome / Areva, France Telecom, Alcatel-Lucent sind einige der Stichworte für die vergangenen Jahre.

Eine der Stärken des französischen Systems ist die enge Verbindung mit der Politik, gleich welcher Couleur. Die Entscheidungsträger in den Großunternehmen und im Staat haben die gleichen Schulen absolviert. Sie pendeln zwischendurch auch zwischen hohen Posten in Administration und Wirtschaft. Die Großkonzerne können so auch geräuschlos das Gewicht des französischen Staats einschalten. Beispiel: Die französischen Großbanken haben natürlich sehr hohe Kreditverluste erlitten in der Finanzkrise, entgegen dem was in den Dokumenten des Branchenverbandes behauptet wird. Aber die Großbanken sind durch multilaterale Institutionen wie den Internationalen Währungsfonds oder wie die EZB aus der Patsche befreit worden, ohne effektiv den französischen Steuerzahler direkt sichtbar zu belasten. Französische Großbanken waren noch stärker als Deutschlands Banken in Griechenland exponiert und hätten hohe Verluste erlitten. Ein wichtiger Teil dieser potentiellen Abschreiber ist ihnen durch die Intervention der Rettungsfonds und des IMF, indirekt also durch ausländische Steuerzahler, abgenommen worden.

Frankreichs Multinationale sind gut aufgestellt, sie sind groß, weniger kapitalintensiv, global diversifiziert, sie haben eine Kultur aggressiver, aber kontrollierter Expansion im Ausland. Sie sind fähig, Marktchancen opportunistisch auszunutzen.

Frankreichs Banken und Multinationale stehen bei der anstehenden Restrukturierung Europas vor dem großen Sprung. Diese umfasst einerseits den Brexit und andrerseits die Restrukturierung der Peripherieländer. Die französischen Banken sind in Kontinentaleuropa Riesen. Sie sind vergleichsweise eigenkapitalstark, haben wenig faule Kredite, sie sind operationell gut aufgestellt und haben das notwendige Know-how, auch im Investment-Banking. Sie werden gezielt Banken in den Peripherieländern zu Schleuderpreisen übernehmen können.

Die französischen Groß- und Investmentbanken werden auch Übernahmen von Unternehmen aus allen Branchen durch französische Multinationale sehr wirksam organisieren und finanzieren können. Deutschlands Großkonzerne werden ebenfalls zum Zug kommen, aber vielleicht weniger als französische. Die Aktiven in den Peripherieländern sind weniger kapitalintensiv als von ihnen anvisiert. Sie enthalten häufig weniger Spitzentechnologie. Und es gibt eine kulturelle Lücke, die so bei französischen Firmen nicht vorhanden ist. Französische Unternehmen haben kulturell und sprachlich geringere Probleme, südeuropäische Unternehmen und Beschäftigte zu integrieren. Deutschland ist außerdem der Buhmann in der Eurokrise, während Frankreich politisch geschickt im Hintergrund laviert hat. Die Engländer sind vermutlich draußen, sie haben sich mit dem Brexit verabschiedet und werden ihre Wachstumsregionen in den USA und in den früheren Kolonien sowie im Commonwealth finden. Italienische und spanische Großunternehmen sind schlicht zu schwach, um mithalten zu können. Die Banken haben faule Kredite am Hals, die Unternehmen sind durch die inländische Konjunktur geschwächt.

Der überzeugte, militante Europäer Macron vertritt, ob bewusst oder unbewusst eine Agenda, welche auch ganz klar nationale Sektoreninteressen umfasst, diejenigen der französischen Banken, des Finanzplatzes Paris und der großen französischen Multinationalen. Man muss auch diesen Hintergrund vor Augen haben, wenn die feurigen Europabekenntnisse und das Europabild des jungen Strahlemannes analysiert werden.

Macron kann, wenn er Erfolg hat, ein Jacques Delors II werden. Delors war ein französischer Technokrat derselben Denkschule, der das Europa der Europäischen Union der letzten 25 Jahre mitgeprägt hat, mit allen Errungenschaften und Defiziten. Einheitlicher Binnenmarkt, Deregulierung, Privatisierung, der Euro als Krönung des Projektes. Diese Schwerpunkte finden sich als Leitlinien in Macrons Programm wieder, etwas garniert mit teutonisch gefärbter Austerität, Arbeitsmarkt-‚Reformen‘ sowie aktivistischer Nachfragesteuerung. Die erste Welle von Delors Programm hat den französischen Banken und Multinationalen in den letzten 20 Jahren zu Wachstum und Größe verholfen, Frankreich aber einen Abstieg und Europa einen Beinahe-Kollaps beschert. Mit Macron wird jetzt ein neuer Anlauf genommen. Er könnte sehr ergiebig für Frankreichs Banken und Multinationale ausfallen, oder auch endgültig ins Abseits oder ins Aus führen.

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