Ökonom: EZB-Politik verhindert den Erfolg von Innovationen

 

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05.09.2017 02:01
Die Geldpolitik der EZB verhindert, dass sich innovative Unternehmen über den Preis im Markt etablieren können.
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Der Ökonom Oliver Everling erklärt im Gespräch mit den Deutschen Wirtschafts Nachrichten, warum die EZB-Politik Innovationen verhindert - und warum es keine europäische Ratingagentur gibt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Die Ratingagentur Fitch hat den USA gedroht, ihnen die Bonitätsnote "AAA" zu entziehen. Zu recht?

Oliver Everling: Ratingagenturen profitieren nicht von Umstufungen. Sie haben daher keinen Grund zu „drohen“. Das Länderrating ergibt sich u.a. aus wirtschaftlichen, politischen und sozialen Faktoren. S&P's und andere Ratingagenturen haben den USA schon längst das AAA entzogen. Fitch folgt nun einer bekannten Logik. Wird das US-Verschuldungslimit nicht angehoben, sind Liquiditätsschwierigkeiten der USA wahrscheinlicher.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Agieren die großen Ratigagenturen immer unabhängig? Sind ihre Wertungen transparent? Oder nutzen sie ihre Macht auch aus, um Politik zu machen?

Oliver Everling: Aus Ratingagenturen ist kaum je ein machthungriger Politiker hervorgegangen. Für Ratingagenturen zählt aber der Respekt an den Finanzmärkten: Ihre Reputation ist ihnen viel wert. Sie wollen der herrschenden Meinung möglichst immer einen Schritt voraus sein. Die Urteile sind transparenter als weithin behauptet – nur liest kaum einer ihre anspruchsvolle Analysen. Die Ratingnoten werden auf den Websites der Agenturen millionenfach angeklickt, die dahinter liegenden Reports jedoch seltener heruntergeladen, geschweige denn gelesen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Als die Eurokrise begann, hörte man immer wieder Rufe nach einer europäischen Ratingagentur. In letzter Zeit nicht mehr. Warum?

Oliver Everling: Als ich Ende 1980er Jahre beim ersten Versuch in Europa mitwirken durfte, eine Alternative zu den US-Agenturen zu konzipieren, scheiterte das Projekt an Interessenkonflikten. „Gerne eine neue Ratingagentur, bitte aber für mich nur gute, sonst besser kein Rating“, sagen noch heute Emittenten. Nach vielen weiteren Versuchen und Spielarten hat sich inzwischen das Thema auch deshalb erledigt, da die Europäische Zentralbank praktisch alles schluckt, was Mindestratings der US-Agenturen hat. Diese sind allein maßgebend für die EZB. Von 29 bei der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) registrierten Ratingagenturen werden nur vier amerikanische berücksichtigt. Deutsche Agenturen haben auf die EZB keinerlei Einfluss. Ironie der Geschichte: Die deutschen müssen dennoch die teure ESMA-Aufsicht bezahlen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welche Folgen hat das Aufkaufprogramm der EZB für Anleger?

Oliver Everling: Die EZB schnappt sichere Geldanlagen den Anlegern weg. Sparer werden in riskantere Anlageformen gedrängt. Spar- und Vorsorgeziele werden aufgrund der Niedrigzinsen nicht mehr erreicht.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welche volkswirtschaftlichen Folgen ergeben sich mittel- und langfristig aus dem Aufkaufprogramm der EZB?

Oliver Everling: Der wichtigste Preis unserer Volkswirtschaft, nämlich der Zins, ist kein marktwirtschaftlicher Preis mehr, sondern Festsetzung sozialistischer Planwirtschaft. Dysfunktionale Allokation von Ressourcen ist die Konsequenz: Einerseits ist eine Zombiewirtschaft entstanden aus Unternehmen und Projekten, für die es normalerweise kein Geld gäbe, andererseits erreichen die Produktivitätsfortschritte zum Beispiel aus der Digitalisierung den Verbraucher nicht mehr in Form von Preissenkungen, da die Geldflut dem Götzen des Inflationsziels huldigt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Sie waren nach der EU-Verordnung „Nicht-Exekutiver Unabhängiger Direktor“ bzw. „INED“ der chinesischen Ratingagentur Dagong Europe, die eine Dependence in Mailand gegründet hatte. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Oliver Everling: Die Agentur steckt im Dilemma staatlicher Überregulierung: Die Kernkompetenz ihrer Expertise über chinesische Unternehmen darf nach der EU-Verordnung über Ratingagenturen in Europa nicht zur Verfügung gestellt werden, da die chinesischen Aufsichtsbehörden nicht anerkannt werden. Umgekehrt werden ihre Ratings nicht automatisch auch in der Volksrepublik China respektiert. Die Bürokratisierung durch die EU hat sich als Flop erwiesen. Die Dependence in Mailand muss nach dem Willen der ESMA strikt getrennt von Analysten in China geführt werden.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie wichtig wäre es für ein wirtschaftliches Schwergewicht wie China, dass eine chinesische Ratingagentur in Europa präsent ist?

Oliver Everling: Ratingagenturen sind wichtige Elemente eines globalisierenden Finanzsystems, da die Beziehungen sich vervielfachen und niemand mehr jeden genau kennen kann. Gemeinsam zugängliche, unabhängige Informationsquellen sind unverzichtbar. Chinas Problem liegt in der mangelnden gegenseitigen offiziellen Anerkennung. So bleibt zur Integration der Finanzmärkte ein langer Weg.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Werden wir in Zukunft neben Fitch Ratings, Standard & Poor's und Moody's weitere global agierende Ratingagenturen sehen?

Oliver Everling: Microsoft Windows wurde als dem am weitesten verbreiteten Betriebssystem nicht durch einen erhofften Klon Konkurrenz gemacht, der nur mit einem neuen Betriebssystem angetreten wäre. Vielmehr war es eine Suchmaschine – Google stieß mit Android quasi „nebenbei“ auch Windows vom Thron. So könnte es auch den führenden Ratingagenturen ergehen. Big Data und Künstliche Intelligenz sind im Rating immer noch schwierig, also in den Anfängen. Allerdings wissen das auch die Marktführer: Moody's hat sich erst in diesem Jahr mit der Akquisition von Bureau van Dijck sensible Daten von mehr als 220 Millionen Unternehmen einverleibt, mehr als je eine andere Agentur. Warren Buffetts Ratingagentur Moody's sieht sich damit weiterhin bestens im Wettbewerb positioniert.

***

Dr. Oliver Everling ist seit 1998 selbständig und Geschäftsführer der RATING EVIDENCE GmbH in Frankfurt am Main. Als Spezialist für Ratingfragen, als Gastprofessor der Capital University of Economics and Business in Peking, als Mitglied von Ratingkommissionen und als Mitherausgeber der Zeitschrift „Kredit & Rating Praxis“ (www.krp.ch) ist er aus unterschiedlichen Perspektiven mit Ratings befasst.


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