Politik

So hat sich die EU ihre technologische Unabhängigkeit vorgestellt

Die EU will ihre Abhängigkeit von US-Tech-Konzernen verringern. Statt schneller Abkopplung setzt Brüssel auf Chips, Cloud, KI und Open Source als langfristige Strategie. Wenn man die Abhängigkeit Europas in Zahlen ausdrückt: Die EU-Staaten geben jährlich 264 Milliarden Euro für Technologien aus Drittländern aus.
07.06.2026 18:17
Lesezeit: 7 min
So hat sich die EU ihre technologische Unabhängigkeit vorgestellt
Chips, Cloud und KI sollen die Abhängigkeit Europas verringern. (Bild: ChatGPT)

Technologische Souveränität der EU

Auslöser sind unter anderem die politischen Spannungen mit US-Präsident Donald Trump. Konflikte über Zölle, Grönland sowie die Sperrung amerikanischer Dienste für Richter des Internationalen Strafgerichtshofs haben die EU-Kommission dazu veranlasst, ihre Pläne für mehr technologische Eigenständigkeit voranzutreiben.

„Wir können es uns nicht leisten, bei Technologien, die den Betrieb unserer Krankenhäuser, die Stabilität unserer Stromnetze und die Sicherheit unserer Dienste gewährleisten, von anderen abhängig zu sein“, erklärte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei der Vorstellung der Strategie.

Die Dimension dieser Abhängigkeit sei erheblich, so das slowenische Portal Casnik Finance. Nach Angaben der Europäischen Kommission geben die EU-Staaten jährlich rund 264 Milliarden Euro für Technologien aus Drittstaaten aus. Zu den größten Profiteuren zählen die US-Konzerne Microsoft, Google und Amazon, die den europäischen Markt für Cloud-Dienste dominieren.

Was versteht Brüssel unter technologischer Souveränität?

Unter technologischer Souveränität versteht die Europäische Kommission die Fähigkeit Europas, zentrale Technologien, Infrastrukturen, Dienstleistungen und Daten selbst zu entwickeln, zu kontrollieren und auszubauen.

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, europäische Unternehmen oder Behörden kurzfristig von ausländischen Technologieanbietern abzuschneiden. Ziel ist vielmehr ein grundlegender Wandel der europäischen Technologiepolitik, der die Abhängigkeit durch den Aufbau eigener Kompetenzen reduziert.

Wie so oft setzt Brüssel dabei auf ein Bündel verschiedener Gesetze und Strategien. Dazu gehören ein Chip-Gesetz 2.0, ein Gesetz zur Förderung von Cloud- und KI-Technologien, eine Open-Source-Strategie sowie ein strategischer Plan für Digitalisierung und künstliche Intelligenz im Energiesektor.

Was bringt das 2.0-Chip-Gesetz?

Halbleiter gelten als zentrale Voraussetzung für Europas Ambitionen im Bereich der künstlichen Intelligenz. Nach Angaben der EU sind Chips inzwischen das drittmeistgehandelte Produkt der Welt nach Erdöl und Fahrzeugen.

Der weltweite Markt für Halbleiter wurde 2025 auf rund 595 Milliarden Euro geschätzt. Bis 2030 dürfte das Marktvolumen die Marke von einer Billion Euro überschreiten. Komponenten für KI-Anwendungen sollen dann mehr als 70 Prozent des globalen Halbleitermarktes ausmachen.

Bislang ist Europa in diesem Bereich stark von Drittstaaten abhängig. Das geplante Chip-Gesetz 2.0 soll deshalb bestehende europäische Stärken im Bereich konventioneller Chips ausbauen und zugleich Kompetenzen bei modernsten Halbleitertechnologien schaffen.

Was bringt das Gesetz der Cloud-Entwicklung und der Künstlichen Intelligenz?

Parallel dazu will die EU ihre Cloud- und KI-Infrastruktur stärken. Der Hintergrund: Europa investiert bereits in KI-Fabriken und sogenannte Gigafabriken für die Entwicklung leistungsfähiger KI-Systeme. Diese benötigen jedoch leistungsfähige Cloud-Strukturen, um Anwendungen schnell und in großem Maßstab bereitstellen zu können.

Das geplante Gesetz zur Förderung von Cloud- und KI-Technologien soll sicherstellen, dass Europa über ausreichende Kapazitäten verfügt, um seine Ambitionen im Bereich künstlicher Intelligenz umzusetzen.

Vorgesehen ist ein Fahrplan für die Entwicklung und Einführung moderner Cloud- und KI-Technologien. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem Ausbau nachhaltiger Rechenzentren. Bis 2035 sollen Unternehmen und Behörden in der EU über die erforderliche digitale Infrastruktur verfügen.

Der europäische Markt für Cloud- und KI-Dienste wächst rasant. Sein Volumen dürfte von 70 Milliarden Euro im Jahr 2022 auf rund 200 Milliarden Euro im Jahr 2028 steigen.

„Diese Technologien steigern die Produktivität, verbessern öffentliche Dienstleistungen und verändern den Alltag. Ihr volles Potenzial wird jedoch noch nicht ausgeschöpft. Derzeit verlässt sich Europa zu stark auf Anbieter außerhalb der EU, was Risiken mit sich bringt“, heißt es aus der Kommission.

Digitalisierung und Energie: Was bringt der Strategieplan

Ein weiterer Baustein der Strategie ist ein Plan zur Digitalisierung und Nutzung künstlicher Intelligenz im Energiesektor.

Ziel ist es, die Potenziale digitaler Technologien und von KI zu nutzen und gleichzeitig deren Auswirkungen auf das Energiesystem zu steuern. Dazu sollen Rechenzentren nachhaltiger in die Energieversorgung integriert und digitale Lösungen im Energiesektor stärker gefördert werden.

Darüber hinaus will die EU den Austausch von Energiedaten zwischen den Mitgliedstaaten verbessern. Geplant ist ein umfassender Rahmen für den grenzüberschreitenden Datenaustausch innerhalb der Union.

Was ist die Open-Source-Strategie der EU?

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Förderung von Open-Source-Technologien.

Nach Angaben der EU verfügt Europa über einen großen Talentpool mit mehr als drei Millionen Entwicklern sowie eine wachsende Zahl erfolgreicher Open-Source-Unternehmen. Die neue Strategie soll bessere Rahmenbedingungen für dieses Ökosystem schaffen.

Geplant sind Maßnahmen zur Unterstützung von Open-Source-Unternehmen, zur Verbesserung der Sicherheit und langfristigen Wartung offener Software sowie zur stärkeren Beteiligung Europas an internationalen Open-Source-Governance-Strukturen.

Zudem soll die Entwicklung digitaler Kompetenzen im Bereich Open Source gezielt gefördert werden.

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