Politik

Wohngeld-Kürzung 2027: Millionen Haushalte müssen mit weniger Unterstützung rechnen

Ab 2027 plant die Bundesregierung drastische Wohngeld-Kürzungen. Dadurch sollen Milliarden im Bundeshaushalt eingespart werden, doch Länder, Sozialverbände und Experten schlagen Alarm. Neue Auswertungen zeigen, welche Bevölkerungsgruppen besonders betroffen sind – und warum die Wohngeld-Reform weitreichendere Folgen haben könnte als erwartet.
27.07.2026 09:38
Aktualisiert: 27.07.2026 09:38
Lesezeit: 4 min
Wohngeld-Kürzung 2027: Millionen Haushalte müssen mit weniger Unterstützung rechnen
Wohngeld-Reform: Ab 2027 gelten neue Regeln. (Bild: ChatGPT)

Wohngeld-Kürzung: Regierung plant drastische Einschnitte

Die geplante Wohngeld-Kürzung sorgt bundesweit für scharfe Kritik. Nach den Plänen der Bundesregierung soll die Leistung ab dem 1. Januar 2027 deutlich eingeschränkt werden. Ziel ist es, die Ausgaben spürbar zu senken. Gleichzeitig warnen Sozialverbände und Ländervertreter vor erheblichen Folgen für Haushalte mit geringen Einkommen. Neue Daten zeigen zudem, dass insbesondere Kinder stärker betroffen sein könnten als bislang angenommen.

Mit der Reform will der Bund beim Wohngeld mehr als zwei Milliarden Euro pro Jahr einsparen. Zuletzt lagen die Ausgaben bei fünf Milliarden Euro. Im Bundeshaushalt sind im kommenden Jahr 750 Millionen Euro weniger eingeplant, ab 2028 soll die Ersparnis auf Bundesebene eine Milliarde Euro betragen. Berücksichtigt man jedoch höhere Ausgaben in der Grundsicherung, rechnet die Bundesregierung unter dem Strich 2027 mit Einsparungen von rund 1,16 Milliarden Euro und ab 2028 mit rund 1,5 Milliarden Euro pro Jahr.

Wohngeld-Kürzung trifft Millionen Menschen – und vor allem Familien

Die Wohngeld-Kürzung soll über mehrere Stellschrauben erfolgen. Zum einen wird die sogenannte Dynamisierung ausgesetzt, sodass das Wohngeld vorerst nicht mehr an Inflation und Mietpreisentwicklung angepasst wird. Außerdem soll die Heizkostenkomponente halbiert werden. Hinzu kommt eine neue Berechnungsformel, durch die weniger Haushalte die Leistung erhalten. Vor allem Haushalte an der oberen Einkommensgrenze der bisherigen Förderberechtigten sollen ihren Wohngeld-Anspruch verlieren. Wer heute 50 bis 60 Euro monatlich erhält, soll künftig auf diese Unterstützung verzichten müssen.

Nach Angaben der Bundesregierung wird rund ein Drittel der bisher etwa 1,2 Millionen Wohngeldhaushalte vollständig aus dem System herausfallen. Bereits bewilligte Bescheide bleiben jedoch bis zum Ablauf ihrer Gültigkeit bestehen. Da in der Regel alle zwölf Monate ein neuer Antrag gestellt werden muss, greifen die Änderungen schrittweise. Langfristig werden nach jetzigem Stand jedoch alle Wohngeldhaushalte von der Wohngeld-Kürzung betroffen sein.

Wer Wohngeld erhält – und wie die Leistung berechnet wird

Wer die Leistung erhält, hängt von mehreren Faktoren ab. Das Wohngeld ist ein Zuschuss zu den Wohnkosten für Haushalte mit geringem Einkommen und kann sowohl von Mietern als auch von Eigentümern beantragt werden. Die Höhe richtet sich nach Wohnkosten, Einkommen, Haushaltsgröße und Wohnort. Ende 2024 bezogen rund 1,2 Millionen Haushalte Wohngeld und erhielten durchschnittlich 287 Euro. Mit der "Wohngeld Plus"-Reform zum 1. Januar 2023 war die Zahl der Empfänger von knapp 600.000 Haushalten auf rund 1,2 Millionen gestiegen. Anfang 2025 wurde die Leistung zudem um durchschnittlich 15 Prozent beziehungsweise rund 30 Euro im Monat erhöht.

Neue Auswertungen des Statistischen Bundesamts auf Grundlage des Mikrozensus zeigen nun ein anderes Bild der Betroffenen als die bisherige Statistik. Insgesamt leben 2,25 Millionen Menschen in Haushalten mit Wohngeld. Davon sind 37,5 Prozent Kinder unter 16 Jahren sowie 16- und 17-Jährige in Schule oder Ausbildung. Weitere 4,9 Prozent sind volljährige Kinder in Schule oder Ausbildung. Damit trifft die Wohngeld-Kürzung Familien mit Kindern deutlich stärker, als die Haushaltsstatistik bislang vermuten ließ.

Wohngeld-Kürzung: Mehr Anträge von Rentnern – doch Kinder tragen die Folgen

Bisher entstand häufig der Eindruck, Rentner seien die am stärksten betroffene Gruppe. Tatsächlich werden zwar 52,5 Prozent der Anträge von Rentnerinnen, Rentnern oder Pensionären gestellt. Sie machen aber lediglich 15,1 Prozent aller Personen in Wohngeldhaushalten aus. Dagegen leben wesentlich mehr Kinder in diesen Haushalten und werden die finanziellen Folgen der Kürzungen unmittelbar spüren.

Nach Berechnungen des Bundesbauministeriums verlieren rund 400.000 Haushalte ihren Anspruch vollständig. Davon sollen 163.000 in das Grundsicherungssystem wechseln, darunter 74.000 in das frühere Bürgergeld und weitere 89.000 in die Sozialhilfe. Besonders betroffen sind Familien und Alleinerziehende, weil auch der Kinderzuschlag häufig vom Wohngeld abhängt. Sozialverbände warnen deshalb, dass die Sozialleistung letztlich nur in andere Systeme verlagert werde.

Auch der Deutsche Mieterbund bezweifelt, dass der Staat tatsächlich spart. Wer seinen Lebensunterhalt und die Miete nicht mehr finanzieren könne, habe Anspruch auf Grundsicherung. Die Kosten würden dadurch lediglich vom Etat des Bauministeriums in den des Arbeitsministeriums verschoben.

Kritik kommt auch aus Baden-Württemberg. Bauministerin Theresa Schopper bezeichnete die Reform als höchst unsozial. "Die geplanten Kürzungen schlagen bei den Ärmsten der Gesellschaft voll durch." Viele Menschen müssten bereits heute mehr als die Hälfte ihres Gehalts für die Miete aufbringen. Fielen die Zuschüsse weg, drohten Wohnungsverlust und im schlimmsten Fall auch der Verlust des Arbeitsplatzes. Ende 2024 bezogen in Baden-Württemberg fast 114.000 Haushalte Wohngeld. Schopper erwartet zudem erhebliche Mehrarbeit für die Kommunen durch Rückfragen und neue Anträge. "Der Bund macht sich beim Wohngeld selber einen schlanken Fuß."

Wohngeld-Kürzung dürfte erst der Anfang sein

Die Debatte über die Wohngeld-Kürzung dürfte damit nicht enden. Fachleute verweisen darauf, dass das Nebeneinander von Wohngeld, Kinderzuschlag und Grundsicherung bereits heute kompliziert ist. Die Sozialstaatskommission der Bundesregierung empfiehlt deshalb, diese Leistungen künftig in einem einheitlichen Sozialleistungsgesetz zusammenzuführen. Klar ist schon jetzt: Die aktuellen Wohngeld-Regeln werden nicht die letzte Reform bleiben, und die Wohngeld-Kürzung dürfte die Diskussion über die Zukunft der Unterstützung für einkommensschwache Haushalte weiter anheizen.

Wohngeld-Reform bleibt politisch umstritten

Die geplante Wohngeld-Kürzung markiert einen tiefgreifenden Einschnitt für Haushalte mit geringem Einkommen. Zwar will die Bundesregierung ihre Ausgaben deutlich reduzieren, doch Kritiker bezweifeln, dass unter dem Strich tatsächlich nachhaltig gespart wird. Viele Betroffene könnten stattdessen in die Grundsicherung wechseln, wodurch an anderer Stelle neue Kosten entstehen. Besonders Familien mit Kindern und Alleinerziehende dürften die Auswirkungen deutlich spüren. Gleichzeitig zeigt die Debatte, wie komplex das Zusammenspiel von Wohngeld, Kinderzuschlag und Grundsicherung inzwischen geworden ist. Ob die Reform ihre Sparziele erreicht oder weitere Änderungen notwendig werden, dürfte sich erst nach

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Markus Gentner

Markus Gentner ist seit 1. Januar 2024 Chefredakteur bei den Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Zuvor war er zwölf Jahre lang für Deutschlands größtes Börsenportal finanzen.net tätig, unter anderem als Redaktionsleiter des Ratgeber-Bereichs sowie als Online-Redakteur in der News-Redaktion. Er arbeitete außerdem für das Deutsche Anlegerfernsehen (DAF), für die Tageszeitung Rheinpfalz und für die Burda-Tochter Stegenwaller, bei der er auch volontierte. Markus Gentner ist studierter Journalist und besitzt einen Master-Abschluss in Germanistik.

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