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Größter Autobauer der Welt betreibt gefährliches Vabanque-Spiel

Elektro-Mobilität: VW sollte sich an BMW ein Beispiel nehmen

VW treibt die Elektro-Mobilität mit aller Macht voran, obwohl nicht sicher ist, dass sich der Elektromotor durchsetzen wird. Anders BMW: Die Münchener sind technologieoffen und halten sich alle Optionen frei.
11.08.2019 13:57
Lesezeit: 3 min

Die Bundesrepublik ist Autoland. 2018 erzielte die deutsche Automobil-Industrie einen Gesamtumsatz von nicht weniger als 426 Milliarden Euro - fast exakt ein Achtel des Bruttoinlandprodukts - und beschäftigte über 830.000 Menschen. Indirekt hängen eine Vielzahl von Unternehmen und Betrieben sowie von Männern, Frauen und Kindern von der Branche ab. Und das sind nicht nur die Kfz-Werkstätten und Ersatzteil-Händler, nicht nur die Ehepartner und Kinder der Beschäftigten. Das ist auch das Großunternehmen der Konsumgüter-Industrie, das mittelständische Bekleidungshaus, die kleine Kneipe um die Ecke. Das ist der von Steuergeldern gut bezahlte Lehrer, der Krankenhaus-Arzt, die Angestellte im Reisebüro.

Umso unverständlicher ist das, was derzeit in Wolfsburg geschieht. VW-Chef Herbert Diess treibt die Elektro-Mobilität voran. Was ja an und für sich nichts Falsches ist - nach Meinung vieler Experten handelt es sich um eine der wichtigsten Zukunfts-Technologien überhaupt. Was allerdings verwundert, ja geradezu entsetzt, ist der Rigorismus, mit dem der Top-Manager vorgeht. Einen Betrag in zweistelliger Milliarden-Höhe werden die Wolfsburger investieren, gleichzeitig Tausende  Arbeitsplätze abbauen. Und das alles, um eine Technologie zu fördern, die vielleicht die Zukunft bedeutet - vielleicht aber auch nicht. Eins ist nämlich Fakt: Bislang spielt das E-Auto nur eine Nebenrolle - und wird das aller Voraussicht nach auch in den nächsten Jahren noch tun. Zu hoch die Kosten für den Kauf, zu gering die Reichweite, zu niedrig die Anzahl der Ladesäulen. Und was die Klimafreundlichkeit angeht: Bei der Fahrt mit dem Stromer wird zwar kein Co2 freigesetzt - bei der Produktion der Batterie dafür umso mehr. Wie umweltfreundlich das E-Mobil wirklich ist, steht noch lange nicht fest.

Besser als Volkswagen macht es BMW. Auch die Bayern investieren kräftig in die neue Technologie, haben sich sogar schon zum fünftgrößten E-Auto-Hersteller der Welt emporgeschwungen. Aber: Anders als in Wolfsburg ist man in München der Schwierigkeiten gewahr, die mit der Vermarktung der neuen Technologie verknüpft sind. Das heißt, man ist sich bewusst, dass man den Käufern das E-Auto nicht aufoktroyieren kann. Dass in Deutschland die Vorbehalte weiterhin groß sind. In den USA die Entfernungen so gewaltig, so dass für viele Käufer ein eher reichweitenschwaches E-Fahrzeug nicht in Betracht kommt. In vielen Erdteilen, beispielsweise Südamerika, die notwendige Infrastruktur so gut wie überhaupt noch nicht existiert. Und in China der Staat nahezu unbeschränkte Macht hat und Autobauer daher in hohem Maße abhängig sind von den nicht vorherzusehenden Vorgaben, die von Regierungs- und Behördenseite mehr oder minder beliebig erlassen werden können.

Und noch eins macht der Autobauer aus dem Süden der Republik richtig: Er zeigt sich technologieoffen. Während Volkswagen den Batterie-Antrieb zum Nonplusultra erhoben hat, experimentiert BMW mit der Brennstoffzelle. Tatsächlich haben die Münchener bereits einen Prototypen entwickelt, der über den Wasserstoff-Antrieb verfügt. Die Münchener kooperieren mit  Toyota, sammeln derzeit noch Erfahrungen und versuchen, die Produktionskosten dergestalt zu senken, dass eine profitable Massenfertigung möglich ist. Bis man soweit ist, wird es nach BMW-Angaben wohl noch ein Jahrzehnt dauern, aber: Sollte sich eine Nachfrage nach der Technologie ergeben, stehen die Bayern sozusagen „Gewehr bei Fuß“.

VW dagegen betreibt ein Vabanque-Spiel. Sollte der weltgrößte Autobauer mit seiner einseitigen Fokussierung auf die E-Mobilität scheitern, wäre das nicht nur für Mitarbeiter und Aktionäre eine Katastrophe. Nein, ganz Deutschland würde in Mitleidenschaft gezogen, und zwar massiv. Einen Umsatz von fast 250 Milliarden Euro peilt der Konzern im Jahr 2019 an: Da kann man schon mal die Bodenhaftung verlieren, auch wenn Diess im Zusammenhang mit der Dieselaffäre sagte: „Arroganz gehört der Vergangenheit an.“ Aber diese Aussage ist auch schon wieder fast drei Jahre alt.

Seit einiger Zeit übt Diess Druck auf die Politik aus. So hat er vom Staat bereits gefordert, den Ausbau der E-Mobilität mit Steuergeldern in Milliardenhöhe zu bezuschussen. Bei allem Einsatz für den Elektro-Motor: Was genau VW plant, ist für Außenstehende nur schwer zu beurteilen. Im Gespräch mit den Deutschen Wirtschaftsnachrichten sagte ein Branchen-Experte, dass Volkswagens Unterstützung des E-Autos bis zu einem gewissen Grade auch nur eine höchst gelungene PR-Maßnahme sein könnte, dass die Vorbereitungen auf die E-Mobilität möglicherweise bei weitem nicht so intensiv vorangetrieben werden, wie von Diess immer behauptet. Der Experte: „Auf diese Weise könnten sich die Wolfsburger als große Klima-Retter positionieren - obwohl sie weiterhin den Verbrennungsmotor bauen.“ Angesichts des Risikos, den die einseitige Fokussierung auf die E-Mobilität darstellt, wäre es sogar wünschenswert, wenn der Mann Recht hätte.

Eins steht fest: Der weltgrößte Autobauer und mit Abstand größte deutsche Konzern gibt derzeit keine gute Figur ab. Bestenfalls verspielt er Vertrauen - schlimmstenfalls begibt er sich auf einen Pfad, an dessen Ende die Katastrophe stehen könnte.

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