Julian Assange in London festgenommen

Lesezeit: 3 min
11.04.2019 11:53
WikiLeaks-Gründer Julian Assange ist in London festgenommen worden.
Julian Assange in London festgenommen

Die dpa berichtet:

Fast sieben Jahre lang hat Julian Assange in einem etwa 20 Quadratmeter großen Zimmer ausgeharrt, in das kaum die Sonne schien. Ein selbstgewähltes einsames Exil mitten in London, das er mit einer Katze teilte. Der Wikileaks-Gründer flüchtete im Juni 2012 in das Backsteinhaus der ecuadorianischen Botschaft. Mit der Aufhebung des Asyls durch Ecuador und der umgehenden Festnahme überschlugen sich nach Jahren des Stillstands die Ereignisse. Die USA wollen eine Auslieferung - also es könnte genau das eintreten, was den 47-Jährigen Zuflucht hinter den Botschaftsmauern suchen ließ.

Am Donnerstag nun zerrten britische Sicherheitskräfte einen bärtigen, sichtlich gealterten Assange aus der Botschaft. Auf dem Video der von Russland finanzierten Nachrichtenagentur Ruptly ist zu erkennen, dass er ein Buch zur «Geschichte des nationalen Sicherheitsstaats» in der Hand hielt. Wenige Stunden später steht Assange schon vor Gericht und wird schuldig gesprochen, gegen Kautionsauflagen verstoßen zu haben. Um den Vorwurf der USA, er habe sich mit Whistleblowerin Chelsea Manning verschworen und solle deswegen an die US-Justiz überstellt werden, soll es vor Gericht erst am 2. Mai gehen.

Was wird das Vermächtnis von Julian Assange sein? Der Australier trat ins Licht der Öffentlichkeit mit der Veröffentlichung geheimer US-Dateien, die Menschenrechtsverletzungen und die Tötung von Zivilisten durch amerikanische Truppen in Afghanistan dokumentierten. Zugleich wurde Wikileaks schon damals für die Grundsatzentscheidung kritisiert, amerikanische Regierungsdokumente wie etwa Schriftwechsel des Außenamtes ohne Schwärzungen zu veröffentlichen: Damit bringe man Menschenleben in Gefahr.

Später machte Assange Schlagzeilen mit der Rolle von Wikileaks im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016. Er machte keinen Hehl aus seiner tiefen Abneigung gegen die demokratische Kandidatin Hillary Clinton. Wikileaks veröffentlichte von Hackern erbeutete E-Mails der Demokraten, die Clintons Wahlkampf schadeten. Nach Einschätzung westlicher Geheimdienste und IT-Sicherheitsexperten stand hinter den Hackern der russische Geheimdienst.

So scheiden sich an Assange die Geister. Seine Anhänger feiern ihn wie einen Helden: Für sie ist der Australier ein unerschrockener, charismatischer Kämpfer für die Gerechtigkeit und ein brillanter Enthüllungsaktivist, ein präziser Analytiker mit einer gehörigen Portion Mut. Zu ihm hielten auch Prominente, die ihn in der Botschaft besuchten, darunter Popstar Lady Gaga, US-Bürgerrechtler Jesse Jackson, Schauspielerin Pamela Anderson und Modemacherin Vivienne Westwood. Anderson wetterte am Donnerstag an die Adresse der US-Regierung, da seien «Teufel, Lügner und Diebe» am Werk.

Doch es gibt auch Weggefährten, die ein anderes Bild von dem 47-Jährigen zeichnen: Er sei ein Egomane mit Zügen des Wahnsinns, herrschsüchtig, ein «hyperventilierender Chatroom» und voll tiefer Missachtung für diejenigen, die er nicht mag.

Eingeschüchtert zeigte Assange sich jedenfalls nicht, als er sich am Donnerstag zum ersten Mal seit sechs Jahren und fast zehn Monaten wieder außerhalb der Botschaft bewegte. Er zeigte seinen Anhängern und der Presse das Siegeszeichen und einen erhobener Daumen.

Schon seine Kindheit war ungewöhnlich. Assange wurde 1971 im australischen Townsville geboren. Er musste viel mit seinen Eltern umherziehen, die ein Wandertheater leiteten. 37 Schulen soll er besucht haben. Bereits als 18-Jähriger wurde er Vater eines Sohnes; es folgte schon bald ein erbitterter Sorgerechtsstreit.

Als Jugendlicher soll sich Assange Zugang zu Rechnern etwa des US-Verteidigungsministeriums und der Weltraumbehörde Nasa verschafft haben. 2006 gründete er mit dem US-Architekten John Young und Freunden Wikileaks als Plattform für Enthüllungen im Internet. Zu dem dort veröffentlichten Material gehörte auch das Handbuch zum Umgang mit Gefangenen im umstrittenen US-Lager Guantánamo auf Kuba.

Whistleblowerin Chelsea Manning war eine der wichtigen Quellen für die Enthüllungen im Irak, flog auf und kam ins Gefängnis. Assange hatte angekündigt, sein Asyl in London aufzugeben und freiwillig in die USA zu gehen, falls Manning freikomme. Als sie nach der Begnadigung durch US-Präsident Barack Obama 2017 tatsächlich das Gefängnis verlassen durfte, feierte Assange dies als Sieg - löste sein Versprechen aber nicht ein. Im März 2019 wurde Manning erneut festgenommen. Laut «Washington Post» hatte sie sich zuvor geweigert, vor Gericht Fragen zu Wikileaks und Assange zu beantworten.

In den vergangenen Monaten verschlechterte sich Assanges Lage im Botschaftsasyl zusehends; die Spannungen mit Ecuador nahmen zu. Der linksgerichtete ecuadorianische Präsident Rafael Correa hatte Assange einst das Botschaftsasyl aus humanitären Gründen gewährt. Correas Nachfolger Lenin Moreno wollte diesen Zustand jedoch beenden.

Das wohl Schlimmste für Assange: Er verlor zeitweise den Zugang zum Internet, weil er sich - entgegen der Forderung seiner Gastgeber - nicht mit politischen Botschaften zurückhielt. Ecuador mahnte den 47-Jährigen außerdem, er solle seine Unterkunft sauberer halten. Assange warf der Regierung Ecuadors vor, sie habe mit Washington längst seine Auslieferung aus Großbritannien in die USA abgesprochen.

Das Exil soll Assange auch krank gemacht haben. «Sein Körper gibt langsam auf, er hat schon Herzprobleme, eine chronische Lungenentzündung und starke Schulterschmerzen», sagte seine Mutter einmal dem australischen Sender ABC.

Die Proteste von Assange-Anhängern vor der Botschaft und dem Londoner Gericht, aber auch von Politikern belegen die Brisanz des Falls. Correa bezeichnete die Aufhebung des Asyls als ein Zeichen der «Feigheit und menschlicher Misere» des neuen Staatschefs Moreno. Linke-Chefin Sahra Wagenknecht forderte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auf, Assange politisches Asyl anzubieten.


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