Finanzen

Die Digitalisierung verkommt zum Machtinstrument

Lesezeit: 5 min
04.05.2019 07:19
Am Beginn des Siegeszuges der Digitalisierung stand das Versprechen, dass Meinungsfreiheit und Demokratie weltweit auf dem Vormarsch sein werden. Inzwischen wird klar, dass die ungeahnten Möglichkeiten allzu oft der Überwachung und Kontrolle von Angestellten und Bürgern dienen. Die Gewerkschaften stehen der neuen Zeit ideenlos gegenüber.
Die Digitalisierung verkommt zum Machtinstrument

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Der 1. Mai, der „Tag der Arbeit“, wurde nach langem wieder zum Tag des Protests der Arbeitnehmer. Die Unruhen fügen sich europaweit in die allgemeine Unzufriedenheit, die auch bei Wahlen zum Ausdruck kommt und die Rechtsparteien stärkt. Die entscheidende Ursache für die Verärgerung der Bevölkerung ist paradoxer Weise die Digitalisierung. Heißt es nicht: Die moderne Technik bringt den Menschen mehr Freiheit und den Unternehmen, auch den kleinen, bisher ungeahnte, neue Chancen. Theoretisch.

In der Realität des Alltags verkommt die Digitalisierung zu einem Machtinstrument, das von Managern, Bürokraten, Politikern und Internet-Firmen missbraucht wird, um die eigene Position zu stärken und den Freiraum der Individuen und der Betriebe einzuschränken. Dass sich Widerstand rührt, ist positiv zu bewerten, allerdings ist offenbar vielen Demonstranten nur diffus bewusst, wogegen sie auftreten. Auch entwerten gewaltbereite Gruppen etwa in Frankreich viele Aktionen zu Vandalismus, der nur abgelehnt werden kann.

Moderne Arbeitssklaven statt kreativer, eigenständiger Mitarbeiter

Der größte Schaden ist in der Wirtschaft zu beobachten: In zahlreichen Unternehmen wird die Digitalisierung nicht effektiv zur Modernisierung der Unternehmen und zur Erschließung neuer Geschäftsfelder eingesetzt.

  • Man beschränkt die Digitalisierung vor allem auf Rationalisierungen, die die Kündigung von Mitarbeitern ermöglichen. Ob diese anderswo produktiv eingesetzt werden könnten, wird selten gefragt.
  • Besonders beachtet wird die Automation bis hin zum Einsatz von Robotern in der Produktion.
  • Damit nicht genug: Die Mitarbeiter-Kontrolle wurde schon seit langem durch die Großraumbüros forciert. Man ging davon aus, dass die gegenseitige Beobachtung den Arbeitseifer stärken würde.
  • Mit Hilfe der Computer wird neuerdings auch der Einsatz überprüft. Geräte, die länger nicht benutzt werden, zeigen, dass der Mitarbeiter, die Mitarbeiterin nicht fleißig ist. Man riskiert, den Arbeitsplatz zu verlieren.
  • Vielfach gibt es keinen fixen Arbeitsplatz, man hat nur eine rollende Kiste und sucht sich täglich einen freien Schreibtisch.

Das Ergebnis: Die Mitarbeiter in den Büros werden zu modernen Arbeitssklaven degradiert, in der Produktion braucht man immer weniger Personal. Erinnerungen an das 19. Jahrhundert werden wach. In Seminaren wird von den eigenständigen, kreativen Mitarbeitern gesprochen, die im Rahmen von überschaubaren Gruppen zum Erfolg des Unternehmens beitragen. Dieses Bild ist nicht in vielen Betrieben anzutreffen.

Aus der Cloud regnet nicht spontan die Künstliche Intelligenz

Die tatsächliche Herausforderung der digitalen Revolution besteht in der Optimierung aller Abläufe in den Unternehmen und in der Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen.

Dafür sind aber umfassende Programme und entsprechende Computer-Kapazitäten erforderlich. Die Erfahrungen vieler Unternehmen, von Großkonzernen bis zu kleineren Betrieben, zeigen, dass die Umsetzung oft scheitert oder erst nach vielen Fehlschlägen und horrenden Kosten gelingt, die allerdings manche nicht überstehen. Die Ursachen sind bekannt: Auftraggeber sind vielfach nicht in der Lage, die Erfordernisse präzise zu formulieren, IT-Firmen programmieren nicht selten an den Notwendigkeiten vorbei.

In diesem Dilemma glauben die Internet-Giganten ihre Chance zu sehen. Die „Cloud“ und die „Künstliche Intelligenz“, das „Internet der Dinge“ bis hin zu den „selbst denkenden, selbst entscheidenden und sich selbst reparierenden Computern“ werden als Lösungen angepriesen. Die Adressaten bombardiert man auch noch mit der Botschaft, dieses oder jenes sei doch „analog“, also veraltet, und nicht „digital“, folglich nicht zeitgemäß. All diese Begriffe vermitteln den Eindruck einer geheimnisvollen, geradezu überirdischen Welt, in der die Magier der Digitalisierung alles, die Laien nichts können. Nicht zufällig benehmen sich die Vertreter dieser Unternehmen wie Industrie-Kapitäne im 19. Jahrhundert.

Tatsächlich sind auch die riesigen Computer-Kapazitäten in der Cloud und die eindrucksvollen Erfahrungen aus dem Aufbau von Suchmaschinen, Versandhandel-Techniken und Kommunikationsplattformen nicht ausreichend, um die Vielzahl der unterschiedlichen Betriebe zu modernisieren.

Somit sind viele Firmen in der Zwickmühle zwischen den oft mangelhaften Programmen der vielen IT-Firmen und der keineswegs immer adäquaten Wunder-Software der Internet-Giganten.

Bürokraten, unterstützt von den Politikern, missbrauchen die Digitalisierung

Während die Wirtschaft noch nicht in der Lage ist, die enormen Möglichkeiten der Digitalisierung voll auszunutzen, stürzen sich die Staaten mit Erfolg auf das neue Instrument, das sich hervorragend zur Kontrolle der Bürger eignet. Hier ist eine erschreckende Ironie der Geschichte zu beobachten: Als das Internet und die moderne Kommunikation von den SMS bis zu What’s app oder Viber und Twitter ihren Siegeszug antraten, verbreitete sich die Meinung, dass nun weltweit die freie Meinungsäußerung, kurzum die Demokratie niemand mehr aufhalten könne. Weit gefehlt.

Die Bürokraten haben, unterstützt durch die Politik, Hochsaison. Besonders in der EU. Noch nie in der Geschichte konnte man so viele Vorschriften erlassen, die Durchsetzung perfekt kontrollieren und bei Verfehlungen Strafen verhängen.

Der Zugriff funktioniert auf mehreren Ebenen:

  • Den Unternehmen wird erklärt, die zahllosen Vorschriften seien doch leicht zu bewältigen, schließlich brauche man nur die Computer entsprechend zu programmieren. Dann hätte man die erforderlichen Informationen und Hilfsmittel.
  • Bei Kontrollen durch die Behörden kann die Einhaltung der Auflagen mit Hilfe anderer Computer überprüft werden.
  • Aber „sicherheitshalber“ haben bereits fast alle Staaten die gesetzliche Möglichkeit für Behörden geschaffen, mit Hilfe von Programmen, so genannten Staatstrojanern, in jeden Computer einzudringen.

Demokratien konzentrieren sich auf die Überwachung. Groteske am Rande: Der für seinen Überwachungseifer bekannte US-Geheimdienst NSA hat vor wenigen Tagen erklärt, die Erfassung von Telefonaten und SMS müsse gedrosselt werden, weil man die Datenflut nicht bewältigen könne.

Moderne Diktaturen agieren wie der legendäre Wolf im Schafspelz

In autoritären Staaten geht es nicht allein um die Überwachung und Einhaltung von Vorschriften, sondern auch und vor allem um die Unterdrückung von oppositionellen Tendenzen. Der Staat greift aktiv ein. Internet-Plattformen, die den Regimen nicht genehm sind, werden gesperrt. Telefonleitungen und Internetverbindungen von kritischen Bürgern blockt die Behörde ab.

Gegenüber Diktaturen in früheren Zeiten ist derzeit ein vermeintlich gewaltiger Unterschied zu beobachten: In der Vergangenheit haben die autoritären Regime, ohne den digitalen Zugriff des Staates über Computer und Handy, die Länder insgesamt in eine Art Gefängnis verwandelt und mit Hilfe von Staatsagenten eine komplette Überwachung eingerichtet. Heute können sich die Bürger frei bewegen und auch verschiedenen Tätigkeiten nachgehen, „nur“ Protestbewegungen, kritische Meinungsäußerungen, Abweichungen von den offiziell vorgegebenen Verhaltensweisen werden geahndet.

Das Straßenbild, die Szenen in den Restaurants oder Veranstaltungszentren unterscheiden sich nicht sehr von den Gegebenheiten in Demokratien. Die modernen Diktaturen agieren wie der legendäre Wolf im Schafspelz.

Die Gewerkschaft hat keine Konzepte für die digitale Arbeitswelt

Angesichts der vielfach problematischen Arbeitsbedingungen fordern Viele von den Arbeitnehmervertretungen eine konstruktive Unterstützung. Die Erwartungen werden nicht erfüllt und die Enttäuschung führt zur weit verbreiteten Unzufriedenheit und zu Protesten.

Die Gewerkschaften haben bislang offenbar keine Perspektiven anzubieten. Hier sei der Deutsche Gewerkschaftsbund stellvertretend für alle entsprechenden Organisationen in Europa zitiert. Der Aufruf des DGB für den 1. Mai blieb im Schema der traditionellen Forderungen. „Die sozialen Interessen der Bürgerinnen und Bürger, der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen Vorrang haben vor den Interessen der Unternehmen. Wir brauchen mehr Tarifbindung in ganz Europa und armutsfeste Mindestlöhne in jedem EU-Mitgliedsstaat.“ Und so weiter. Wie man mit der Digitalisierung umgehen soll, diskutiert der DGB derzeit in einer Serie von Seminaren unter dem Motto „Kann Künstliche Intelligenz Mitbestimmung?“

Im Vordergrund des Interesses stehen aber nicht mehr nur die Standard-Themen - Mitbestimmung, Vollarbeitszeitplätze, stabile Berufskarieren vom Azubi bis zur Rente, Tariflöhne, Mindestlohn. Es geht um die Sicherstellung von menschengerechten Arbeitsplätzen, die die Mitarbeiter nicht zu modernen Arbeitssklaven machen. Allerdings müssen auch die Erfordernisse des globalen Wettbewerbs berücksichtigt werden: Ein Betrieb kann nur erfolgreich sein, wenn die Arbeitnehmer flexible Arbeitszeiten und flexible Löhne akzeptieren.

Die Gewerkschaften sind heute stärker gefordert als im 19. Jahrhundert. Damals waren die Forderungen einfacher zu formulieren: Mehr Lohn, mehr Freizeit, Krankenschutz usw. Heute geht es um die Schaffung einer neuen Arbeitswelt. Lösungen liegen nicht auf der Hand.

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Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.

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Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.



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