Tesla-Fabrik in Brandenburg: Ihre Insolvenz wäre Deutschlands Segen

 

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15.11.2019 12:00
Über den geplanten Bau der Giga-Fabrik von Tesla in Brandenburg herrscht großer Jubel. Was kaum jemand bedenkt: Von der Fabrik würde Deutschland am meisten profitieren, wenn sie nach ihrer Eröffnung rasch insolvent ginge.
Tesla-Fabrik in Brandenburg: Ihre Insolvenz wäre Deutschlands Segen
Visionär oder Scharlatan? Tesla-Chef Elon Musk. (Foto: dpa)

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Elon Musk hat es verkündet: Tesla kommt nach Deutschland. In der brandenburgischen Gemeinde Grünheide (rund 8.600 Einwohner/ circa 30 Autominuten von Berlin) soll eine Giga-Fabrik errichtet werden. Die Investitionen dürften sich auf eine mittlere Milliarden-Summe belaufen - mindestens. Etwa 7.000 Arbeitsplätze sollen entstehen, sogar von 10.000 war schon die Rede.

Im strukturschwachen Brandenburg wird bereits gejubelt. Ein halbes Jahr lang soll die Landesregierung Geheimverhandlungen mit Musk geführt haben (wobei Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) zwar von Gesprächen mit Tesla spricht, das aber gleichbedeutend ist mit Gesprächen mit Musk - der exzentrische Unternehmer trifft alle nur halbwegs wichtigen Entscheidungen nämlich höchstpersönlich). Auch in Berlin herrscht helle Begeisterung.Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne), die schon in der Vergangenheit - vergeblich - eine Tesla-Fabrik in die Metropole holen wollte, freut sich über das Digital-Zentrum, das die Kalifornier in der Bundeshauptstadt errichten wollen. Schließlich sei Berlin mit seiner "digitalen Industrie" und seinem "Start-up-Ökosystem" geradezu prädestiniert für die jungen hippen Entwickler aus aller Welt. Pop spricht auch schon von "Wirtschaftsförderungen", die dem Großkonzern (Umsatz: 21,5 Milliarden Dollar) gewährt werden könnten.

Und das ist auch bereits der erste Knackpunkt: Wie viele Steuermittel werden eigentlich in die Neuansiedlung fließen? Vor lauter Jubel ist bisher noch niemand - einschließlich der Berliner und der überregionalen Presse - darauf gekommen, diese Frage zu stellen. Tesla hat auch andere Standorte in Europa in Augenschein genommen. Sicherlich hat ein Bewerber aus Deutschland gute Karten: Ausbildungsniveau, Infrastruktur, Rechtssicherheit - alles auf hohem Niveau. Aber: Dass es keinen (inoffiziellen) Standort-Wettbewerb gegeben hat, dass dem kompromisslosen Verhandler Musk keinerlei Steuervergünstigungen und Fördergelder versprochen wurden, ist kaum vorstellbar.

Der zweite Vorbehalt: Tesla ist zwar ein Automobil-Konzern, und die Branche ist für ihre guten Löhne und den hohen Organisationsgrad ihrer Arbeiter bekannt. Aber wer glaubt, dass die zukünftigen Tesla-Mitarbeiter auch nur unter halbwegs so guten Bedingungen arbeiten werden wie ihre Kollegen in Wolfsburg, Zuffenhausen oder Sindelfingen, der dürfte sich gewaltig irren. Der kalifornische Autobauer ist für seine harten, teilweise inhumanen Arbeitsbedingungen berühmt-berüchtigt. Die Arbeitszeiten sind extrem lang, die Mitarbeiter werden darüber hinaus regelmäßig in ihrer Freizeit angerufen und zum sofortigen Erscheinen am Band verpflichtet. Der “Guardian” berichtet von einer äußerst hohen Zahl von Arbeitsunfällen in den Fabriken, wobei es den Arbeitern nicht erlaubt sei, ihren verletzten Kollegen zu helfen - stattdessen müssten sie weiterschuften und aufs Eintreffen des Krankenwagens warten.

Selbstverständlich gelten in Deutschland andere Arbeitsgesetze als in Amerika (wo das Prinzip der Vertragsfreiheit - auch und gerade der zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber - besonders hoch gehalten wird), aber die Herren aus Kalifornien werden alles daran setzen, die Rechte ihrer Belegschaft einzuschränken, wo es nur geht. Zumal Musk in den USA als "Union Buster" gilt, als grimmiger Bekämpfer jedweder gewerkschaftlicher Aktivitäten. Die relativ geringe Erfahrung der Arbeitnehmerschaft in Brandenburg bei der Durchsetzung ihrer Rechte dürfte kein unwesentliches Motiv für Teslas Entscheidung pro Grünheide gewesen sein. Im Gespräch gewesen ist auch ein Standort in Emden oder im Emsland - die Aussicht, dort auf kampferprobte Arbeiter und Gewerkschaftssekretäre zu stoßen, wird auf den keinen Widerspruch gewöhnten Musk eher abschreckend gewirkt haben.

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Noch einen Grund gibt es, warum man in Brandenburg und Berlin die Tesla-Ansiedlung mit einer gehörigen Portion Skepsis betrachten sollte: Die wirtschaftliche Situation des E-Auto-Pioniers. Der hat bislang wahrlich die Lizenz zum Geldverbrennen. Noch nie in seiner Geschichte hat das 2003 gegründete Unternehmen ein Geschäftsjahr mit Gewinn abgeschlossen; der Schuldenstand beträgt rund zehn Milliarden Dollar; es besteht eine vollständige Abhängigkeit von den Aktionären - sollten die einmal die Geduld verlieren und den Geldhahn zudrehen, wäre der Autobauer innerhalb kürzester Zeit zahlungsunfähig. Das heißt: Im ungünstigsten Fall investiert der Staat riesige Summen in Subventionen und in eine auf die Bedürfnisse der Giga-Fabrik zugeschnittene Infrastruktur, nur um kurze Zeit später feststellen zu müssen, dass der vermeintliche Heilsbringer über einen Buchwert verfügt, der um ein Vielfaches geringer ist als der einer Bratwurst-Bude an der Brandenburger Seenplatte.

Aber, und das ist die entscheidende Frage: Wäre die Insolvenz von Tesla für Deutschland wirklich so schlimm? Die Antwort ist einfach: Nein. Im Gegenteil, sie wäre Deutschlands Segen.

Die deutschen Autobauer sind in Sachen E-Mobilität nämlich - trotz ihrer vollmundigen Behauptungen, dass sich ihre E-Autos in wenigen Jahren durchsetzen werden - im weltweiten Vergleich abgeschlagen. Derzeit versucht die Bundesregierung - im Stil der Industriepolitik lang vergangener Jahrzehnte - den Aufbau einer deutschen Lithium-Ionen-Batterie-Entwicklung und -Produktion zu forcieren. Aber das kann Jahre dauern und verschlingt Milliarden. Viel günstiger wäre es daher, man würde, wie Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer schreibt,"gemeinsam mit den Champions Materialien weiterentwickeln.". Oder, noch besser, man würde das bereits vorhandene Wissen des Champions Tesla in Eigenregie weiterentwickeln. Dafür müsste man natürlich erst einmal Zugang zu diesem Wissen erhalten. Doch das könnte geschehen, eher früher als später. Denn dass Musks Unternehmen noch viele Jahre am Markt bleibt, ist - angesichts der oben bereits beschriebenen wirtschaftlichen Schieflage, in der es sich befindet - mehr als fraglich. Das böte den deutschen Autobauern die Gelegenheit, das zweifellos hohe technologische Wissen von Tesla zu übernehmen - ein lohnendes Geschäft, selbst wenn sie im Gegenzug für einen großen Teil von Teslas Milliarden-Schulden aufkommen müssten. Da wäre es ausgesprochen praktisch, gleich eine in Deutschland angesiedelte Produktionsstätte übernehmen zu können.

Der Grund für Teslas finanzielles Scheitern liegt nicht etwa an einer mangelhaften Technologie, sondern am Unvermögen der Kalifornier, die Produktion in den Griff zu bekommen. Das wiederum führt zu Qualitätsproblemen sowie zu Lieferschwierigkeiten. "Produktionshölle": Dieser von Musk kreierte Begriff ist schon fast sprichwörtlich geworden. In Sachen Qualität und Organisation von industrieller Fertigung sind die deutschen Autobauer weltweit unerreicht. Deutsches Fertigungs-Know-how plus Teslas Technologie: Auf dem weltweiten E-Auto-Markt könnten sie eine unschlagbare Allianz bilden.

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