Deutschland

Von „Umweltsau“ zur „Nazisau“: WDR gerät nach Satire-Auftritt in schweres Fahrwasser

Eine vom WDR zu verantwortende Satire, bei der ein Kinderchor eingesetzt wurde, schlägt hohe Wellen. Nachdem ein WDR-Mitarbeiter die Vorfahren von Kritikern des Stücks als „Nazisau“ bezeichnet hatte, gibt es nun Morddrohungen.
30.12.2019 17:31
Aktualisiert: 30.12.2019 17:31
Lesezeit: 2 min
Von „Umweltsau“ zur „Nazisau“: WDR gerät nach Satire-Auftritt in schweres Fahrwasser
Das WDR-Logo. (Foto: dpa) Foto: Oliver Berg

«Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad» gehört zu den Klassikern der witzigsten Kinderlieder. Nun aber hat der WDR mit einer von seinem Kinderchor gesungenen satirischen Verballhornung des Liedes eine Welle der Empörung ausgelöst, berichtet die dpa. Stein des Anstoßes ist der Vers: «Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau.» Ein sogenannter Shitstorm im Netz mit mehr als 40 000 Facebook-Kommentaren bis Sonntagvormittag zog über den Westdeutschen Rundfunk hinweg. Der WDR hatte das Video schon am Freitagabend von der WDR2-Facebookseite gelöscht und entschuldigte sich «für die missglückte Aktion».

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) machte auf Twitter seiner Entrüstung über die Umweltsatire Luft. Schließlich rief am Samstagabend sogar WDR-Intendant Tom Buhrow vom Krankenhausbett seines 92-jährigen Vaters in einer Spezialsendung von WDR 2 an. Dort bezeichnete er das «Video mit dem verunglückten Oma-Lied» als Fehler. «Ich entschuldige mich ohne Wenn und Aber dafür.» Sein Vater habe immer hart gearbeitet. «Er ist keine Umweltsau», sagte Buhrow.

In dem Video sangen rund 30 Mädchen im Studio unter anderem die Zeilen: «Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad. Das sind tausend Liter Super jeden Monat. Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau.» In einer anderen Strophe hieß es: «Meine Oma fährt mit 'nem SUV beim Arzt vor, überfährt dabei zwei Opis mit Rollator.»

«Wir haben mit einem großen Hammer auf einen relativ kleinen Nagel geschlagen», sagte WDR 2-Programmchef Jochen Rausch reumütig in der Spezialsendung und entschuldigte sich mehrmals. Man habe das Wort «Umweltsau» in Verbindung gebracht mit der «lieben Oma», die abends Geschichten vorlese. «Das drückt bei vielen Menschen den roten Knopf», so Rausch. Man habe nicht mit der «nötigen sprachlichen Feinheit» gearbeitet und «nicht lange genug nachgedacht».

Zwar warfen viele Hörer und Nutzer den Verantwortlichen mangelnden Respekt vor Älteren und eine Instrumentalisierung von Kindern für ein «beschämendes» oder «ideologisches» Video vor. Andere aber lachten darüber. «Scheinbar können es viele Menschen nicht vertragen, wenn man ihnen den Spiegel vorhält», sagte eine Hörerin in der Sendung.

Am Sonntagnachmittag kam es sogar zu Demonstrationen vor dem WDR-Gebäude in Köln. Dutzende Menschen versammelten sich nach dem Aufruf einer Privatperson unter dem Motto «Unsere Oma ist keine Umweltsau» - einige von ihnen gehörten augenscheinlich zur rechten Szene, wie ein Polizeisprecher sagte. Außerdem kam es zu einer spontanen Gegendemonstration aus der linken Szene und verbalen Auseinandersetzungen zwischen beiden Lagern.

Das Redaktionsteam bedauere, «dass die Satire die Gefühle eines Teils des Publikums verletzt hat», teilte der WDR mit. Es sei darum gegangen, den Generationenkonflikt, der sich durch die Fridays-for-Future-Bewegung darstelle, mit den Mitteln der Satire aufzugreifen.» Der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes, Frank Überall, sagte dem Deutschlandfunk, er verstehe nicht, warum das Video so polarisieren konnte, weil es klar als Satire gekennzeichnet worden sei.

Doch die Situation eskalierte noch mehr – nicht zuletzt, weil ein WDR-Mitarbeiter Kritiker im Internet massiv beleidigte, wie die Frankfurter Zeitung berichtet. Deshalb fordert Überall nun, dass sich WDR und Sicherheitsbehörden aktiv um den Schutz und die Sicherheit des freien Mitarbeiters bemühen sollten. Dieser hatte auf Twitter die Botschaft abgesetzt: „Lass mal über die Großeltern reden, von denen, die jetzt sich über #Umweltsau aufregen. Eure Oma war keine #Umweltsau“. Stimmt. Sondern eine #Nazisau.“

Inzwischen hat der freie Mitarbeiter sich von seiner Bemerkung distanziert. Seine Absicht sei es gewesen, eine sarkastische Bemerkung „zum Thema#Umweltsau“ zu machen. Das sei unüberlegt gewesen. „Mit hätte bewusst sein müssen, dass Twitter kein geeigneter Ort für Sarkasmus ist“. Er habe nicht die Absicht gehabt, „jemanden persönlich zu beleidigen“. Ausgenommen von seiner Entschuldigung seien jene, „die mich seit gestern mit Gewalt- und Todesdrohungen überhäufen“, zitiert die FAZ den Mitarbeiter.

Laschet und der CDU-Politiker Ruprecht Polenz kritisierten, Kinder würden in der Klimaschutzdebatte von Erwachsenen instrumentalisiert. Der WDR habe mit dem Lied «Grenzen des Stil und des Respekts gegen über Älteren überschritten», twitterte Laschet.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Neuer Tiefstand an der Wall Street, Hoffnung auf Zinssenkungen erloschen
19.03.2026

Die US-Börsen beendeten den Handelstag am Donnerstag im roten Bereich, da sprunghaft gestiegene Ölpreise und restriktive Signale der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Iran-Krieg und steigende Gaspreise: Braucht Deutschland eine nationale Gasreserve?
19.03.2026

Der Iran-Krieg treibt die Gaspreise nach oben, während Deutschlands Gasspeicher deutlich leerer sind als im Vorjahr. Wirtschaftsministerin...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Gastronomie in Deutschland: Insolvenzen erreichen Rekordniveau
19.03.2026

Steigende Preise, sinkende Nachfrage und wachsende Insolvenzen setzen Restaurants und Bars massiv unter Druck. Selbst staatliche...

DWN
Politik
Politik Zwischen Anspruch und Realität: Die Rückkehr der Kriegswirtschaft und das Erbe der Abrüstung
19.03.2026

Während des Kalten Kriegs gab es detaillierte Pläne für die deutsche Wirtschaft im Krisenfall, in den 1990ern wurden diese weitgehend...

DWN
Finanzen
Finanzen EZB-Zinsentscheid: Europäische Zentralbank belässt Leitzins für die Eurozone unverändert – trotz Inflationsrisiken
19.03.2026

Mit dem aktuellen EZB-Zinsentscheid sendet die Notenbank ein klares Signal – vorerst keine Änderung beim EU-Leitzins. Doch steigende...

DWN
Finanzen
Finanzen DAX-Kurs aktuell mächtig unter Druck: Ölpreis sorgt für neue Unsicherheit – DAX rutscht weiter ab
19.03.2026

An der Börse aktuell dominieren Unsicherheit und Verluste: Der DAX-Kurs fällt deutlich, während der Ölpreis weiter steigt. Inflation...

DWN
Politik
Politik USA-Einreise: Kaution auf 15.000 Dollar ausgeweitet – diese 50 Länder sind betroffen
19.03.2026

Neue Hürden bei der USA-Einreise sorgen für Unsicherheit: Eine USA-Kaution von 15.000 Dollar wird für immer mehr Länder Pflicht. Doch...

DWN
Immobilien
Immobilien Immobilienförderung: Wie neue Bauförderungen die Deutschen zum Hausbau motivieren sollen
19.03.2026

Die Bundesregierung hat sich bezahlbares Wohnen mit Rotstift auf die Fahne geschrieben. Nach Erlass des Bauturbos sollen auch neue oder...