Politik

DWN-Exklusiv: Chinas Top-Epidemiologin warnt vor zweiter Corona-Welle

Die chinesische Epidemiologin Li Lanjuan, die in China an vorderster Front gegen das Corona-Virus kämpft, erläutert, worauf die Menschen zu achten haben, um sich vor dem Virus zu schützen. In China selbst droht eine zweite Corona-Welle.
27.03.2020 18:39
Aktualisiert: 27.03.2020 18:39
Lesezeit: 3 min

Die chinesische Epidemiologin Li Lanjuan von der Medizinischen Fakultät der Universität Zhejiang hat sich über die türkische Zeitung Akşam an das türkische Volk gewandt, um aufzuzeigen, wie gegen das Corona-Virus angekämpft werden muss. An ihren Ausführungen können sich auch alle anderen von der Epidemie betroffenen Länder orientieren.

Lanjuan wörtlich: “Ich gehörte zu dem Team, das im Jahr 2003 in der Region Zhejiang gegen SARS angekämpft hat. Wir hatten damals innerhalb kürzester Zeit zwei Teams aufgestellt. Das eine Team kümmerte sich um die Kranken, während das andere Team die Charakteristika und Risikogruppen der Krankheit dokumentierte. Damals hatte ich festgestellt, dass die bestmögliche Prävention darin besteht, zuhause zu bleiben. Dies hatte ich auch offiziell berichtet. Im Jahr 2013 brach die Vogelgrippe aus und ich erarbeitete einen Bericht, aus dem der Vorschlag hervorging, das Jangtse-Delta zu isolieren und unter Quarantäne zu stellen. Die chinesische Regierung folgte dieser Empfehlung. Die Tiermärkte wurden auch unverzüglich geschlossen. Somit war es uns gelungen, die Epidemie einzudämmen. Ausgehend von unseren Erfahrungen, gehört das Verweilen der Bürger in ihren Häusern und Wohnungen zur wichtigsten Prävention, um das Corona-Virus einzudämmen. Das haben unsere früheren Erfahrungen gezeigt.”

Die renommierte Medizinerin, die auch bei der Eindämmung des aktuellen Corona-Virus eine wichtige Rolle spielt, sagte dem türkischen Blatt mit Nachdruck: “Wir haben es mittlerweile geschafft, die Epidemie weitgehend einzudämmen. Ich richte meine Worte an das türkische Volk: Wenn Sie wollen, dass die Epidemie gestoppt wird, müssen Sie zuhause bleiben. Das ist sehr wichtig. Bitte bleiben Sie in den kommenden drei Wochen zuhause. Wenn sich der Virus in einer Phase des Ansteckungsschubs befindet, muss es in den Städten und Großstädten notfalls totale Ausgangssperren geben, um die Menschen drei Wochen zuhause zu halten. Weiterhin sollten so viele Tests wie möglich durchgeführt werden, um die Ergebnisse der WHO und den Zentren zur Bekämpfung der Corona-Pandemie zukommen zu lassen.”

Lanjuan meint, dass die internationale Lage sehr instabil sei. “Die Wahrscheinlichkeit, dass es in China zu einer zweiten Coronavirus-Welle kommen könnte, bereitet uns große Sorgen. Die jüngsten Corona-Fälle traten bei denen auf, die aus dem Ausland eingereist sind. Problematisch ist vor allem die Gruppe, die zwar an Corona erkrankt ist, dies aber nicht rechtzeitig erkennt, was dazu führt, dass es zu einer Wiederbelebung der Corona-Pandemie kommt.”

Die Medizinerin hatte in der aktuellen Woche einen “Zwischen-Sieg” gegen die Corona-Pandemie verkündet. Am vergangenen Dienstag veröffentlichte eine von der Kommunistischen Partei unterstützte Zeitung eine Schlagzeile, in der “Chinas Sieg über COVID-19” erklärt wurde.

Viele Provinzen haben Schulen wiedereröffnet. Lokale Beamte in ganz China haben öffentlich auf Entenbraten gegessen und an Treffen ohne Gesichtsbedeckung teilgenommen. “Wir können jeden in der Stadt und auf der Welt mit Zuversicht erfüllen, indem wir unsere Masken abnehmen”, zitiert The Globe and Mail Wu Qing, Vizebürgermeister von Shanghai.

Doch dieser voreilige Optimismus könnte in einer Katastrophe enden. “Weil der größte Teil Chinas in der ersten Welle nicht wirklich eine signifikante Anzahl von Infektionen hatte (...) besteht immer noch eine enorme Anfälligkeit der Bevölkerung für Infektionen und eine große Epidemie. Eine zweite Welle ist früher oder später unvermeidlich”, sagt Benjamin Cowling, Epidemiologe an der Hong Kong University. Er warnt vor der Möglichkeit einer “stillen Ausbreitung” durch Menschen mit leichten oder keinen Symptomen, die monatelang unentdeckt bleiben.

Trotzdem haben chinesische Ärzte ihr Vertrauen in ihre Fähigkeit zum Ausdruck gebracht, infizierte Menschen zu erkennen und zu isolieren. “Angesichts der von uns ergriffenen Maßnahmen besteht kein großes Risiko, dass Menschen das Virus direkt nach China bringen”, sagte Ma Jin, Geschäftsführerin der School of Public Health an der Shanghai Jiaotong University. “Ich glaube nicht, dass es in Zukunft zu einem großen Ausbruch kommen wird. Wenn wir alle bereits gesammelten Erfahrungen umsetzen und die einschlägigen Vorschriften einhalten, werden wir gut damit umgehen”, so Ma Jin. Trotzdem müsse China Obacht walten lassen. Der Arzt wörtlich: “Der Kampf gegen dieses Coronavirus wird ein langfristiger Kampf sein. Wir müssen nicht nur auf eine zweite Welle vorbereitet sein, sondern auf jeden Tag und jeden Monat, bis ein Impfstoff erfolgreich hergestellt und als wirksam erwiesen wurde.”

Die chinesischen Behörden fordern weiterhin Wachsamkeit. Derzeit können keine Flüge von außerhalb Chinas nach Peking fliegen. China hat bisher 427 “importierte” Fälle des Virus gehabt, obwohl fast 90 Prozent davon chinesische Staatsbürger sind.

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