Finanzen

Ebbe im Anleihe-Universum: Investoren werden von Nullzinsen in Hochrisiko-Segmente gedrängt

Der Anteil von Anleihen mit geringer Rendite am Gesamtmarkt wird immer größer. Inzwischen müssen Investoren hohe Risiken eingehen, um überhaupt noch winzige Erträge zu generieren.
03.08.2020 10:04
Aktualisiert: 03.08.2020 10:04
Lesezeit: 2 min
Ebbe im Anleihe-Universum: Investoren werden von Nullzinsen in Hochrisiko-Segmente gedrängt
Händler an der Madrider Börse. (Foto: dpa) Foto: Juan Carlos Hidalgo

Der Anteil niedrig verzinster Staats- und Unternehmensanleihen am gesamten Markt ist so hoch wie nie zuvor. Wie die Financial Times unter Verweis auf Daten von ICE berichtet, rentieren 86 Prozent aller Papiere inzwischen unter der Marke von 2 Prozent. Etwa 60 Prozent aller Papiere wiesen demnach nur noch Zinssätze von unter 1 Prozent auf.

Der Anteil an Unternehmens- und Staatsanleihen mit vergleichsweise hohen Zinsen nimmt spiegelbildlich dazu seit Jahren ab. Derzeit sollen nur noch etwa 3 Prozent aller Papiere Zinsen von über 5 Prozent aufweisen, was nahe des Allzeit-Tiefstwertes liegt.

"Die Suche nach Rendite ist deutlich aggressiver geworden. Wenn sie ein Pensionsfonds oder eine Versicherung sind, dann müssen sie inzwischen bei qualitativ sehr fragwürdigen Anleihen zugreifen und extrem hohe Risiken eingehen", zitiert die FT einen Analysten der Citigroup.

Ausgelöst wurde der Trend hin zu immer niedrigeren Zinsen von den Zentralbanken, welche infolge der Finanzkrise ab dem Jahr 2008 die Märkte mit aus dem Nichts geschaffenen Billionen manipulierten, indem sie Staatsanleihen und Unternehmensanleihen in den USA, Europa und Japan kauften. Die dadurch verstärkte Nachfrage führte zum Zinsverfall, weil die Notenbanken als Käufer mit unbegrenzter Liquidität und politischer Agenda auftraten und ausfallgefährdete Papiere im Notfall einfach in ihre Büchern nahmen und damit das Risiko minimierten.

Ende der 1990er Jahre beispielsweise rentierten etwa 75 Prozent aller Anleihen weltweit noch mit mehr als 5 Prozent. Nur etwa 10 Prozent wiesen Zinsen von unter 2 Prozent auf.

Doch selbst wenn Investoren im heutigen Kontext sehr gute 4 oder 5 Prozent Zinsen mit riskanten Obligationen verdienen, müssen sie den durch die Inflation ausgelösten Kaufkraftverlust von den Erträgen abziehen - eine Inflation, deren genaue Höhe in den verfügbaren Statistiken nur allzu oft viel zu niedrig ausgewiesen wird.

Der deutsche Staat profitiert besonders

Sechs Jahre stand die schwarze Null, jetzt muss sich der Bund wegen der Corona-Krise so viel Geld leihen wie noch nie zuvor. Finanzminister Olaf Scholz (SPD) plant für 2020 mit einer Neuverschuldung von 218,5 Milliarden Euro. Das ist fast fünfmal so viel wie im bisherigen Rekordschuldenjahr 2010 in der Finanzkrise. Damals galt es Banken zu retten und den Konsum anzukurbeln. Jetzt geht es um die Stabilisierung fast der gesamten Wirtschaft, die in der Pandemie Einbrüche erlitten hat, wie man sie sich vorher kaum vorstellen konnte.

156 Milliarden Euro an neuen Krediten hatte der Bundestag für die Hilfsprogramme bereits im März genehmigt - und dafür eigens die Schuldenbremse im Grundgesetz außer Kraft gesetzt. Jetzt kommen in einem zweiten Nachtragshaushalt noch einmal 62,5 Milliarden Euro dazu.

Die neuen Kredite kann der Bund nach Ansicht des Finanzministeriums vor allem wegen der soliden Haushaltsentwicklung der vergangenen Jahre tragen. Sechs Jahre lang wurden keine Schulden gemacht, zuletzt fiel die Schuldenquote erstmals wieder unter die von der EU geforderte Quote von 60 Prozent der Wirtschaftsleistung. Daher habe Deutschland "die notwendige Finanzkraft, entschlossen zu reagieren und wirksame konjunkturelle Impulse zu setzen", heißt es im Entwurf zum Nachtragshaushalt, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Die Botschaft aus dem Finanzministerium: "Wir können uns das leisten, wir haben die Kraft."

Was das Finanzministerium nicht sagt: Nur wegen der auf deutsche Staatsanleihen berechneten negativen Zinsen wurde der Schuldenabbau der vergangenen Jahre überhaupt möglich. Derzeit rentieren deutsche Staatsanleihen mit einer Laufzeit von 10 Jahren mit - 0,47 Prozent. Fünfjährige Papiere weisen Zinsen von - 0,66 Prozent auf, dreijährige - 0,7 Prozent und dreimonatige - 0,56 Prozent. In allen Fällen bekommt der Geldgeber weniger zurück, als er ursprünglich der Bundesfinanzagentur geliehen hatte.

Die Zinsausgaben sinken deshalb immer weiter. 2019 lagen sie mit 12,5 Milliarden Euro deutlich unter dem Niveau von vor der Finanzkrise. Damals, im Jahr 2008, drückten 40 Milliarden Euro an Zinslast noch ganz anders auf die Staatskasse.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Neue deutsch emiratische Investitionen stärken Dubais Standortrolle

Die Zeiten, in denen eine Firma vor allem am eigenen Standort und nur begrenzt darüber hinaus florieren wollte, sind vorbei. Heute sind...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street erholt sich nach Fed-Zinserhöhung
17.09.2026

Nach turbulenten Tagen fassen die Anleger wieder Mut – das sind die wichtigsten Treiber der jüngsten Kursbewegung.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Landgericht Frankfurt entscheidet: Meta muss für betrügerische Social-Media-Anzeigen haften
17.09.2026

Fake-Werbung auf Plattformen wie Facebook und Instagram bleibt für Meta nicht länger ohne rechtliche Folgen. Nach einer Entscheidung des...

DWN
Politik
Politik Unerwartete Wende: Russland behält Kontrolle über wichtige Basen am Mittelmeer
17.09.2026

Nach dem Sturz von Bashar al-Assad schien Russlands militärische Präsenz in Syrien infrage zu stehen. Doch nun zeigt sich eine...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiekrise in Europa: Warum Anleger plötzlich profitieren können
17.09.2026

Die Ruhe an Europas Energiemärkten war offenbar nur geliehen. Öl und Gas verteuern sich wieder, die Inflation bleibt hartnäckig und die...

DWN
Panorama
Panorama Zuwanderung bremst Trend: Immer mehr Menschen in Deutschland leben wieder in Familien
17.09.2026

Fast die Hälfte der Menschen in Deutschland wohnt zusammen mit Eltern oder Kindern in einem Haushalt. Nach einer langen Phase des...

DWN
Politik
Politik Überwachung und Chat-Weitergabe: BGH lässt EuGH-Datenschutzregeln im Privatleben klären
17.09.2026

Darf man Angehörige heimlich filmen oder private WhatsApp-Nachrichten an Dritte weiterleiten? Zwei verfahrene Alltagsstreitigkeiten...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Comeback mit Verbrennungsmotoren: Volvo schaltet auf gemischten Antrieb um
17.09.2026

Volvo will den Weg aus der Krise schaffen und setzt dabei wieder verstärkt auf Verbrenner. Neue Fahrzeugmodelle sollen dem schwedischen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Gewerkschaftsstudie: Gesenkte Gastronomie-Mehrwertsteuer bringt Gästen keine Preisvorteile
17.09.2026

Seit Jahresbeginn gilt für Restaurantspeisen der reduzierte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent. Trotzdem verzeichnen Verbraucher...