Schreckgespenst „zweite Welle“: Robert Koch-Institut schüchtert die Bürger mit löchrigem Zahlenwerk ein

 

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14.08.2020 11:58  Aktualisiert: 14.08.2020 11:58
Seit zwei Wochen schlägt das Robert Koch-Institut Daueralarm, weil die „Fallzahlen steigen.“ Was das Institut nicht sagt: Die Zahl der Tests wird derzeit massiv ausgeweitet. Auch andere Faktoren sprechen nicht für eine sich anbahnende zweite Welle. Überhaupt scheint niemand den Überblick über den Zahlensalat zu haben.
Schreckgespenst „zweite Welle“: Robert Koch-Institut schüchtert die Bürger mit löchrigem Zahlenwerk ein
Drosten, Spahn und Wieler. (Foto: dpa)
Foto: Michael Kappeler

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Seit einer dramatisch anmutenden Pressekonferenz vor zwei Wochen warnt das Robert Koch-Institut (RKI) vor einer „zweiten Welle“, welche sich durch eine gestiegene Zahl an registrierten Infektionen mit dem Coronavirus andeuten könnte. Die Warnungen werden seitdem täglich von der Bundesregierung und zahlreichen Medien wiederholt.

Die Zahl der registrierten Infektionen ist in den vergangenen Tagen und Wochen tatsächlich gestiegen. Eine zweite Welle bahnt sich derzeit aber alles andere als an, schreibt Paul Schreyer in einem Beitrag auf dem Portal Multipolar Magazin. Denn das RKI verschweigt schlichtweg wichtige Faktoren, welche den Anstieg bei den Fallzahlen weitestgehend entkräften und in Relation zum Gesamtgeschehen setzen würden.

Dazu gehört beispielsweise, dass die Anzahl der Tests seit Mitte Juni um 75 Prozent ausgeweitet wurde – von 326.000 auf 573.000, wie aus einem offiziellen Dokument des RKI hervorgeht. Der nominale Anstieg der Infiziertenzahlen ist vor dem Hintergrund der enormen Testausweitung nicht aussagekräftig, weil man in der Regel immer mehr findet, wenn man häufiger sucht. Viel aussagekräftiger ist Zahl der Infizierten im Vergleich zur Entwicklung der Testanzahlen – die daraus folgende Rate der positiv Getesteten ist aber lediglich von 0,9 Prozent (am 16.6.) auf jetzt 1,0 Prozent (am 5.8.) angestiegen.

Die neuesten Daten vom Mittwoch zeigen eine noch massivere Ausweitung der Tests: Waren es in der Woche vom 27. Juli bis 2. August noch knapp 578.000 (übermittelt von 165 Laboren), lag die Zahl in der Woche darauf schon bei mehr als 672.000 (übermittelt von 139 Laboren).

Schreyer zählt noch andere wichtige Faktoren auf, welche bei der Interpretation der Infiziertenzahlen berücksichtigt werden müssen – auf die das RKI aber zumindest in der öffentlichen Kommunikation nicht eingeht. Dazu zählt die Frage, in welchen Regionen die Tests derzeit stattfinden, wer eigentlich getestet wird (etwa Kinder oder Senioren und in welcher Zusammensetzung) und auch wie genau getestet wird (ob beispielsweise nichtinfektiöses Virusmaterial vom Test registriert wird).

Bemerkenswert ist: „Über die sich im Zeitverlauf ändernde Zusammensetzung der Testorte (wo wird in welcher Woche getestet) liegen keine amtlichen Zahlen vor; hier existiert bei entsprechender politischer Absicht erheblicher Spielraum für Manipulationen, mit denen gegebenenfalls ‚gewünschte‘ Ergebnisse erzielt werden können“, schreibt Schreyer.

Gefährliche Massen(selbst)täuschung in der medialen Öffentlichkeit

Schreyer kommt nach der Analyse der vom RKI selbst vorgelegten Zahlen zu einem bemerkenswerten Fazit:

In der politischen und medialen Öffentlichkeit ist eine gefährliche Massen(selbst)täuschung in doppelter Ausprägung zu beobachten. Zum einen beteiligen sich Gesundheitsministerium und Robert Koch-Institut (RKI), deren Fachleuten die genannten Fakten fraglos bekannt sind, mit der aus dem Kontext gerissenen Betonung „steigender Fallzahlen“ mutmaßlich vorsätzlich an einer groben Täuschung der Öffentlichkeit. Zum anderen agieren große Medien, offenbar unfähig oder unkritisch genug, die Täuschung zu erkennen oder erkennen zu wollen, als Wirkverstärker.

Im Ergebnis ist eine gefährliche Blase entstanden, in der Regierung und Medien gemeinsam gefangen sind und sich wechselseitig bestätigen: Staatliche Stellen warnen die Öffentlichkeit auf unzureichender oder falscher Grundlage und vertrauen den eigenen Fehlschlüssen um so mehr, wenn sie anschließend in der Zeitung davon lesen. Frei nach Karl Kraus: ‚Wie wird die Welt regiert und in den Krieg geführt? Diplomaten belügen Journalisten und glauben es, wenn sie´s lesen.‘ Die Folgen, insbesondere die aus den Fehlschlüssen abgeleiteten freiheitsbeschränkenden Maßnahmen beschädigen die Gesellschaft nachhaltig. Medien und Politik scheinen zu einer Selbstkorrektur nicht in der Lage.

Ein riesiger Zahlensalat, über den keiner mehr den Überblick hat

Die dpa berichtet von einem Zahlensalat, über den offenbar keiner mehr den Überblick hat. So weiß beispielsweise niemand, wie hoch der Anteil von Reiserückkehrern aus Risikogebieten an allen Getesteten ist und es liegen auch keine Daten zur Positivrate bei den Reiserückkehrern vor. Die dpa schreibt:

Die Rate positiver Tests auf Sars-CoV-2 lag in beiden Wochen bei 1 Prozent - da manche Menschen mehrfach getestet werden, bedeutet dieser Wert nicht, dass 1 Prozent der Getesteten Sars-CoV-2-positiv sind. In der Woche vom 27. April bis 3. Mai hatte die Zahl der Tests bei rund 327 000 gelegen (übermittelt von 175 Laboren). Die Positivrate lag bei 3,9 Prozent. Diese Rate sagt nach RKI-Angaben am ehesten etwas darüber aus, wie effektiv die Teststrategie ist. "Eine niedrige Prozentzahl zeigt, dass breit getestet wird und so auch eher Menschen mit zum Beispiel leichten Symptomen erfasst werden, die sonst vielleicht nicht erfasst worden wären."

Eine Ausweitung der Testindikationen etwa für Reiserückkehrer oder eine Erhöhung der Testzahl können zu einem Anstieg der registrierten Neuinfektionen führen, da zuvor unentdeckte Fälle erkannt würden, hieß es auf Anfrage vom RKI. „Das heißt aber nicht, dass umgekehrt die steigenden Fallzahlen nur mit dem vermehrten Testaufkommen zu erklären sind.“ Testzahl und Fallzahl könnten generell nicht ins Verhältnis gesetzt werden. Zahlen dazu, wie hoch momentan der Anteil der Reiserückkehrer unter allen Getesteten ist, lägen nicht vor. Auch übergreifende Daten dazu, wie viele der Tests bei Reiserückkehrern positiv ausfallen, gebe es nicht.

Der Höhepunkt bei den täglich gemeldeten Neuansteckungen in Deutschland hatte Anfang April bei mehr als 6000 gelegen. Die Zahl war nach den immer noch über 1000 liegenden Werten im Mai in der Tendenz gesunken, seit Ende Juli steigt sie wieder. Seit Beginn der Corona-Krise haben sich mindestens 219 964 Menschen in Deutschland nachweislich mit dem Virus Sars-CoV-2 infiziert, wie das RKI am Donnerstagmorgen im Internet meldete (Datenstand 13.8., 0.00 Uhr).

Seit dem Vortag wurden vier neue Todesfälle im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion gemeldet. Insgesamt sind es nach RKI-Angaben nun 9211 Tote. Bis Sonntagmorgen hatten 199 500 Menschen die Infektion nach RKI-Schätzungen überstanden. Damit sind in Deutschland derzeit geschätzt rund 11 250 Menschen mit dem Coronavirus infiziert.

Die Reproduktionszahl, kurz R-Wert, lag nach RKI-Schätzungen mit Datenstand 12.8., 0.00 Uhr, in Deutschland bei 0,88 (Vortag: 0,97). Das bedeutet, dass ein Infizierter im Mittel etwas weniger als einen weiteren Menschen ansteckt. Der R-Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen etwa eineinhalb Wochen zuvor ab.

Zudem gibt das RKI ein sogenanntes Sieben-Tage-R an. Es bezieht sich auf einen längeren Zeitraum und unterliegt daher weniger tagesaktuellen Schwankungen. Nach RKI-Schätzungen lag dieser Wert mit Datenstand 12.8., 0.00 Uhr, bei 1,04 (Vortag: ebenfalls 1,04). Er zeigt das Infektionsgeschehen von vor 8 bis 16 Tagen.

RKI warnt und warnt angesichts der "steigenden Zahlen"

Der Trend zu steigenden Infektionszahlen in Deutschland ist ungebrochen. Das Robert-Koch-Institut meldete am Freitag mit 1449 Fällen erneut die meisten Neu-Infizierten binnen eines Tages seit Anfang Mai. „Wir dürfen diese Entwicklung so nicht weiterlaufen lassen“, warnte RKI-Vize-Präsident Lars Schaade. Abstand halten, Masken tragen und Hygieneregeln einhalten sei entscheidend. „Anders wird es nicht gehen.“ Sonst drohe man, die Kontrolle zu verlieren. Hoffnungen, dass unerkannt viele Menschen bereits Antikörper gegen das Virus gebildet hätten, machte eine Studie im einstigen Corona-Hotspot Kupferzell zunichte. Nur knapp acht Prozent der gut 2200 untersuchten Menschen hatten Antikörper. „Das reicht nicht aus, um eine zweite Welle zu verhindern“, sagte Schaade. Offen sei zudem, ob die Konzentration der Antikörper in jedem Fall zum Schutz hoch genug sei.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht Deutschland angesichts der Entwicklung am Beginn einer zweiten Corona-Welle. „Es gibt zahlreiche Anhaltspunkte dafür, dass wir so nicht weitermachen können wie jetzt“, sagte Lauterbach im ZDF-Morgenmagazin. Die Pandemie sei nicht vorbei, die Menschen verhielten sich aber unvorsichtiger. Um die Lage in den Griff zu bekommen, sei unter anderem eine gute Test-Strategie notwendig. „Wir müssen schneller testen, mehr testen.“

Bei der RKI-Studie im baden-württembergischen Kupferzell wurden bei den gut 2200 untersuchten Erwachsenen keine neuen Infektionsfälle gefunden. Dies wurde als Erfolg der Abstands- und Hygieneregeln in den letzten Monaten gewertet. 7,7 Prozent der Einwohner hätten Antikörper gegen das Virus im Blut gehabt. Die Studie ergab ferner, dass 83 Prozent der Menschen mit Antikörpern in der Vergangenheit Symptome der Krankheit gezeigt hätten. Umgekehrt waren also nur rund 17 Prozent ohne Symptome. Zudem zeigte die Untersuchung, dass in Kupferzell knapp viermal mehr Menschen infiziert gewesen sind als bislang vom Gesundheitsamt erfasst. In Kupferzell war ein Kirchenkonzert am 1. März Auslöser für eine große Infektionswelle.

Die Studie bestätigt im Kern Zwischenergebnisse einer Untersuchung bei Blutspendern. Dort war lediglich bei 1,3 Prozent der 12.000 Menschen Antikörper in einer nicht-repräsentativen Studie nachgewiesen worden. Diese Gruppe stammte allerdings auch nicht aus einem Risikogebiet wie in Kupferzell.


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